Der Papst stellt sich dem Thema Missbrauch

Franziskus will die Vorwürfe eines Erzbischofs gegen ihn widerlegen. Auf ziemlich spezielle Art.

Papst Franziskus betet während seines Besuchs in Dublin für die Missbrauchsopfer der Kirche. Foto: Stefano Rellandini (Reuters)

Papst Franziskus betet während seines Besuchs in Dublin für die Missbrauchsopfer der Kirche. Foto: Stefano Rellandini (Reuters)

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Die Wahrheit, sagt der Papst, sei still. Damit sie sich offenbare, brauche es Gebet und Schweigen. Tatsächlich? Der Lärm um ihn herum ist mittlerweile so laut geworden, dass sein Schweigen nicht mehr ausreicht, ja dass es gar falsch interpretiert werden könnte. Und so schickt sich die Spitze der katholischen Kirche nun an, sich den Anwürfen von Erzbischof Carlo Maria Viganò, dem früheren Nuntius in Washington, zu stellen. Wie man hört, ist ein Dossier in Arbeit, das alle Vorwürfe von Franziskus’ Widersacher kontern soll, Punkt für Punkt. Aus dem Vatikan heisst es, der Heilige Stuhl sei jetzt dabei, «eventuelle und nötige Klarstellungen» zu formulieren. Nötig sind sie bestimmt.

Mit Viganòs vor drei Wochen bekannt gewordener Klageschrift gegen Franziskus und eine lange Reihe hochrangiger Prälaten hatte der internationale Missbrauchsskandal erstmals das Herz der Kirche erreicht, die römische Kurie – und den Chef persönlich. Ob die Vorwürfe wahr sind, ist nicht klar.

Franziskus habe seit 2013 von den Vergehen gewusst

Doch allein schon der Verdacht, der Papst könnte es vielleicht am Ende gar nicht so ernst meinen mit der Transparenz, zerfrisst ein Stück seiner Glaubwürdigkeit. Für den Februar beruft Franziskus zudem die Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen nach Rom ein, damit sie da über die Folgen des Missbrauchsskandals beraten. Man könnte sich fragen, warum das Treffen erst in einem halben Jahr stattfinden soll: Die Bischöfe wären schon im Oktober im Vatikan, zur Jugendsynode.

Viganò behauptet, Franziskus habe spätestens seit 2013 von den sexuellen Vergehen des amerikanischen Kardinals Theodore McCarrick gewusst und dennoch lange nichts unternommen. Viganò will ihn bei einem privaten Treffen im Vatikan unterrichtet haben. Im Raum steht auch der Vorwurf, Franziskus habe Sanktionen, die sein Amtsvorgänger Benedikt XVI. gegen McCarrick verhängt haben soll, einfach aufgehoben. Auch dafür legt Viganò keine Beweise vor.

Botschaften in der Messe

Als Franziskus von dem Brief erfuhr, weilte er gerade auf Pastoralvisite in Irland, seiner bisher schwierigsten Reise. Auf dem Rückweg sagte er zu den mitgereisten Journalisten, er wolle Viganòs Vorwürfe nicht kommentieren. Das «Dokument» spreche ja für sich selbst, er überlasse dessen Deutung deshalb vertrauensvoll dem Urteil der Journalisten. Sehr lange sollte er sich allerdings nicht an seine Kommunikationsstrategie halten. Und da ein Papst ständig Messen feiert und Reden hält, hörten die Vatikanisten nun noch genauer hin.

Zweimal seither schmuggelte Franziskus einen Kommentar zum Fall Viganò in die Frühmesse in der Kapelle von Santa Marta, dem Gästehaus, in dem er wohnt. Die Kapelle ist klein, die Mauern aber reden. «Leuten», sagte er, «die von Böswilligkeit getrieben sind, die nur auf Skandal aus sind, auf Spaltung und Zerstörung, sogar innerhalb der Familie, denen begegnet man mit Stille und Gebet.» Einige Tage später sah er hinter dem Treiben des Spalters und Zerstörers das Werk Satans, des grossen Verführers.

«Generationen von Seminaristen und Priester» verdorben

Über Viganò wurden unterdessen Geschichten publik, die ihm nicht schmeicheln. Als Benedikt XVI. ihn 2011 nach Washington «strafversetzte», wie er es nannte, versuchte er mit einer Lüge, der Entsendung zu entkommen. Er behauptete, sein Bruder Lorenzo, der in Rom lebe, sei schwer krank, er müsse sich um ihn kümmern. Darauf meldete sich Lorenzo aus Chicago, wo er tatsächlich lebt: Es gehe ihm gut. Von Carlo Maria habe er seit einem Erbstreit vor Jahren nichts mehr gehört. Es ging um Millionen und Immobilien.

Brisanter ist ein Video. Man sieht darin Viganò in New York am Rednerpult bei einem Gala-Anlass zu Ehren McCarricks, dem er salbungsvoll versichert: «Wir alle lieben Sie.» Aufgenommen wurde die Szene 2012. Nur ein Jahr später also will er Franziskus vor ebendiesem McCarrick als «Serientäter» gewarnt haben, weil der «Generationen von Seminaristen und Priester» verdorben habe. Der Papst habe «brüsk und aggressiv» reagiert. Auch davon gibt es Aufnahmen: Nach der Audienz lächelt Bergoglio herzlich und dankt dem Nuntius für seine Dienste in Amerika. Noch steht Aussage gegen Schweigen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 15.09.2018, 17:36 Uhr

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