«Der Kandidat ist also nur eine Marionette?» – «Immer.»

Teil 2 der Undercover-Recherche zu Cambridge Analytica: Die Chefs prahlen, Trump sitze nur dank ihnen im Weissen Haus.

«Es bringt nichts, in einem Wahlkampf mit Fakten zu kämpfen»: Managing Director Turnbull erklärt den «grossen Fehler» vieler politischen Parteien. (20. März 2018) Video: Youtube/Channel 4

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Der britische Sender Channel 4 hat am Dienstagabend den zweiten Teil seiner Undercover-Recherche bei Cambridge Analytica (CA) veröffentlicht. Bereits im ersten Teil hatte der Sender Aufnahmen gezeigt, in denen CEO Alexander Nix und Managing Director Mark Turnbull prahlten, sie würden bei ihren Kampagnen die Gegner unter anderem mit Bestechungsgeldern, Escort-Girls und falschen Identitäten bekämpfen. Dabei würden sie ihre Verstrickung und Spuren absichtlich verwischen. «Es gibt keine Belege, die unseren Namen damit verbinden», protzte Turnbull bei einem der Treffen.

Der zweite Teil dreht sich um die Rolle der Firma im US-Präsidentschaftswahlkampf. Erneut sind das Herzstück der Recherche die verdeckten Aufnahmen, die zwischen November 2017 und Januar 2018 in verschiedenen Londoner Hotels entstanden. Auf den nun veröffentlichten Aufnahmen prahlen Nix und Turnbull, CA habe Donald Trump massgeblich zur Wahl verholfen. «Wir waren für die ganze Recherche, alle Daten, alle Analysen und die Definition der Zielgruppen verantwortlich», so Nix. «Wir leiteten alle digitalen Kampagnen und die TV-Kampagnen. Und unsere Daten lagen der ganzen Strategie zugrunde.» Sie hätten Trump auch mehrere Male persönlich getroffen.

«Der Slogan war ‹Defeat Crooked Hillary›»

Dabei war CA anscheinend zugleich für Inhalte der Trump-Kampagne sowie der Wahlkampf-Lobby «Make America Number One» des Multimilliardärs Robert Mercer verantwortlich. Turnbull protzt auf den Aufnahmen, dass CA hinter einer beträchtlichen Anzahl der negativen Angriffswerbung gegen Trumps damalige demokratische Rivalin Hillary Clinton gestanden habe.

Turnbull: «Der Slogan war ‹Defeat Crooked Hillary› (‹Besiege die betrügerische Hillary›, Anm. d. Red.) und die zwei Os waren zwei Handschellen.»
Undercover-Reporter: «Und Sie haben das kreiert?»
Turnbull: (nickt) «Dann machten wir Hunderte verschiedene kreative Varianten davon und stellten die online.»

Turnbull sagt, dass CA hinter der «Defeat Crooked Hillary»-Kampagne stecke. (20. März 2018) Video: Youtube/Channel 4

Solche negativen Bilder und Videos über Clinton wurden dann von «Make America Number One» vertrieben. Das Problem: Absprachen zwischen der offiziellen Wahlkampagne eines Kandidaten und unterstützenden Wahlkampf-Lobbys – sogenannten Super-PACs – sind prinzipiell illegal. CA behauptet, intern seien diese zwei Aktivitäten strikte getrennt worden.

Das Profilbild der Facebook-Seite «Defeat Crooked Hillary». (Archiv) Bild: Facebook/ABC

Oft habe CA ihr Material auch über bereits bestehende zivilgesellschaftliche Organisationen verbreitet. «Wir injizieren die Information in den Blutkreislauf des Internets und schauen zu, wie es wächst», so Turnbull. «Ab und zu geben wir einen kleinen Schubser, immer wieder, und sehen zu, wie es wächst. Das Zeugs infiltriert die Online-Community und expandiert – aber ohne Branding (ohne Marke, Anm. d. Red.). Es ist weder zuordenbar noch nachvollziehbar.»

«Das sind Politiker, die verstehen das nicht»

Beim letzten der Treffen spricht CEO Nix über die zwei Untersuchungen des Kongresses zur US-Wahl von 2016. CA habe nichts zu verbergen und er habe vor einem der Ausschüsse freiwillig ausgesagt. «Wir wollen ihnen helfen», sagt Nix gar. Die Republikaner hätten sich aber nicht sonderlich für seine Aussage interessiert.

Nix: «Das sind Politiker, die nicht technisch versiert sind. Die verstehen gar nicht, wie das funktioniert. Sie verstehen es nicht, weil der Kandidat ja nie involviert ist. Ihm sagt sein Wahlkampf-Team (Nix zeigt auf sich selbst, Anm. d. Red.), was er tun soll.»
Undercover-Reporter: «Der Kandidat ist also eine Marionette?»
Nix: (nickt) «Immer, in jedem Wahlkampf – oder nahezu jedem.»

Nix erklärt, warum die Untersuchungen der Parlamentsausschüsse für CA und seine Kunden kein Problem sind. (20. März 2018) Video: Youtube/Channel 4

Noch beim gleichen Treffen fordert Nix den Reporter auf, da die Verhandlungen in die «heikle» Phase gelangten, solle er ein verschlüsseltes Mail-Konto bei Protonmail eröffnen. Die E-Mails würden mit einem Selbstzerstörungsmechanismus versehen. «Man sendet sie, und zwei Stunden nachdem sie gelesen wurden, verschwinden sie. So gibt es keine Beweise, keine Dokumente, nichts», erklärt Nix.

Eine «massive Propaganda-Operation»

Wie schon der erste Teil der Recherche weist der Fall CA darauf hin, auf welch schädliche Weise die sozialen Medien die Politik umwälzen könnten. CA hat als eine der ersten Firmen erkannt, was im neuen Medienumfeld möglich ist: Wähler können individuell mit Werbung oder organisch verbreiteten Inhalten angesprochen werden, die spezifisch auf sie zugeschnitten wurden. Dieser neue Teil des Wahlkampfs läuft über halbprivate Kanäle ab, ohne dass die Wähler eine praktikable Möglichkeit hätten, den Urheber der Nachricht zu eruieren. Die Gefahr hier ist, dass die öffentliche Debatte fragmentiert wird.

So kreierte CA im US-Wahlkampf zum Beispiel eine Werbung, die nur berufstätige Mütter zu sehen bekamen. «Diese Werbung war natürlich freundlicher und flauschiger, und dreht sich darum, was Trump für die Zuschauerin tun wird», erklärte Theresa Hong, eine Mitarbeiterin der Trump-Kampagne, der BBC. «Und, vielleicht haben Sie es gemerkt, Trump selbst kommt darin gar nicht zu Wort. Für diese Zuhörerschaft wollten wir eine weichere Herangehensweise.»

Hier arbeitete Cambridge Analytica: Ein Besuch im Zentrum für soziale Medien der Trump-Kampagne. (20. März 2018) Video: Twitter/BBC

Zum Problem des halbprivaten Wahlkampfs gesellt sich die Möglichkeit der Wählermanipulation mit Falschinformationen. «Es bringt nichts, in einem Wahlkampf mit Fakten zu kämpfen», erklärt Turnbull bei einem der Treffen. «Weil eigentlich geht es nur um Emotionen.» Der «grosse Fehler» der Parteien sei, dass sie die politische Debatte gewinnen wollen, anstatt den «emotionalen Kern» eines Themas zu identifizieren und direkt anzusprechen.

Welchen tatsächlichen Einfluss solche Strategien entfalten können, ist indes schwierig abzuschätzen. Beim aktuellen Fall fällt auf, dass zumeist Parteien zu Wort kommen, die ein handfestes Interesse daran haben, den Einfluss von CA auf die Wahl zu übertreiben. Die Sprache der kritischen Channel-4-Journalisten macht darauf aufmerksam: Cambridge Analytica «protzt», «behauptet», «prahlt» und brauche «eigennützige Verkaufssprüche». Auch Trumps Wahlkampf-Rivalin Clinton ist offensichtlich für die Erklärung ihrer überraschenden Niederlage dankbar: Eine «massive Propaganda-Operation» habe ihre potentiellen Wähler daran gehindert, «klar zu denken, weil sie mit Falschinformationen überflutet wurden».

Eine Gegenstimme ist der Psychologe, der die ursprünglichen Daten von rund 50 Millionen Profilen erhoben und an CA weitergegeben hat: Aleksandr Kogan. Am Mittwoch sagte er zur BBC, CA übertreibe seine Rolle im Wahlkampf masslos: «Ich glaube, Cambridge Analytica hat versucht Hexerei zu verkaufen. Sie behaupten das sei unglaublich genau und verrät ihnen alles über dich. Aber ich denke, in Tat und Wahrheit stimmt das nicht», so Kogan.

Auch Arron Banks, ein wichtiger Geldgeber und Aktivist im Brexit-Abstimmungskampf, sagte der Nachrichtenagentur «Reuters», er zweifle stark an den Behauptungen von CA: «Ich denke nicht, dass die ein solch magisches System besitzen, wie sie behaupten. Das ist nichts anderes als eine Firma, die Facebook-Werbung schaltet und geheimnisvoll tut.»

Wie stark CA das Ergebnis des US-Wahlkampfs tatsächlich beeinflusste, bleibt indes im Dunkeln – eben genau weil dieser Teil des Wahlkampfs halbprivat über die sozialen Medien ablief.

Der ganze Beitrag von Channel 4. (20. März 2018) Video: Youtube/ Channel 4

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.03.2018, 21:05 Uhr

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