Der Fluch des Erdöls

«Europa im Erdölrausch» heisst das neue Buch des Historikers und Friedensforschers Daniele Ganser. Er fordert eine rasche Abkehr vom Erdöl, weil es ausgeht – und weil endlose Ressourcenkriege drohen.

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Das Maximum der globalen Erdölförderung sei überschritten, sagen die einen. Dieser Peak Oil komme erst noch, sagen die anderen. Was stimmt?
Beides, denn es gibt verschiedene Sorten von Erdöl. Beim normalen, also leicht förderbaren und flüssigen Erdöl, wurde der Peak Oil 2006 bei 70 Millionen Fass pro Tag erreicht. Da sind wir global seither am Limit, wie die Internationale Energieagentur (IEA) bestätigt. Der Peak Oil ist eine Realität. Daher stieg der Erdölpreis stark an, was wiederum die Wirtschaftskrisen mitauslöste, die gegenwärtig andauern. Der Peak Oil beim konventionellen Erdöl ist ein sehr ernsthaftes Problem. Beim nichtkonventionellen Erdöl ist der Peak aber noch nicht erreicht.

Was ist unter nichtkonventionellem Erdöl zu verstehen?
Dazu zählt Teersand aus Kanada oder Tiefseeöl. Auch Gaskondensate, also flüssige Anteile der Gasförderung, und Agrartreibstoffe aus Biomasse wie Mais fliessen in diese Rechnung ein. Zählt man zum konventionellen Erdöl das Tiefseeöl, den Teersand, die Gaskondensate und die Agrartreibstoffe, ergibt dies heute 88 Millionen Fass «Erdöl» pro Tag. Diese Zahl kann wohl noch etwas erhöht werden, ist also noch nicht der Peak.

Es gibt Experten, die die Ansicht vertreten, dass dank technischer Innovationen immer mehr Erdölreserven zugänglich sein werden.
Die Debatte über die Reserven ist ungenau, weil zum Beispiel die Opec-Reserven manipuliert wurden, wie ich in meinem Buch zeige. Wir müssen daher über Tagesproduktion sprechen – das ist die entscheidende Grösse. Hier ist es richtig: Neue Technik und der hohe Erdölpreis erlauben es, die Förderung auszuweiten. Das ist schon seit Jahrzehnten so. Trotzdem ist beim konventionellen Erdöl das Fördermaximum erreicht. In Grossbritannien und Norwegen, den zwei wichtigsten Förderländern, fällt die Produktion seit zehn Jahren, trotz hohem Erdölpreis und fortgeschrittener Technik. Indonesien und Mexiko haben ebenfalls den Peak Oil erreicht. Auch die USA produzieren deutlich weniger Erdöl als noch vor 40 Jahren. Viele wissen das nicht und verdrängen es gerne.

Immerhin wird die unkonventionelle Erdölförderung immer bedeutender.
Natürlich hilft uns das unkonventionelle Erdöl, wenn aber das konventionelle Erdöl schneller einbricht, als das nichtkonventionelle ausgebaut werden kann, werden wir weltweit einen historischen Moment erleben, weil dann das Erdölangebot erstmals und für immer zurückgeht. Darauf sind wir überhaupt nicht vorbereitet, weil in den letzten 150 Jahren das Erdölangebot immer ausgeweitet werden konnte. Wir kennen nichts anderes und glauben, dass ein von Jahr zu Jahr ansteigendes Erdölangebot ein Naturgesetz oder gar ein Menschenrecht sei – das ist es aber nicht. Erdöl ist endlich, nach dem Fördermaximum geht das Angebot zurück.

Sie vertreten die These, dass sich die grossen westlichen Industrienationen seit 1950 in einem Erdölrausch befinden und dass wir wie Drogensüchtige vom Erdöl abhängen. Wie lange können wir uns diesen Rausch noch leisten?
Ja, wir befinden uns tatsächlich in einem Rausch. Und wir geben ungern zu, dass wir stark vom Erdöl abhängig sind. 1945 betrug der globale Erdölverbrauch sechs Millionen Fass pro Tag. 1970 waren es dann schon 50 Millionen Fass pro Tag. Und jetzt sind wir bei täglich 88 Millionen Fass – das entspricht 44 Supertankern täglich. Auch 2050 wird es noch Erdöl geben, aber weniger als heute und zu höheren Preisen. Auf den Rausch folgt der Kater.

Eine weitere These von Ihnen lautet, dass das immer knapper werdende Erdöl zu Ressourcenkriegen führt. Können Sie dies erläutern?
Der Angriff auf den Irak 2003 durch die USA und Grossbritannien war eindeutig ein Erdölbeutezug. Der Irak verfügt über die drittgrössten konventionellen Erdölreserven nach Saudiarabien und dem Iran. Die Geschichte mit den ABC-Waffen war eine Lüge. Die USA und die Briten haben den Peak Oil hinter sich, sie sind auf Importe angewiesen.

In Ihrem Buch werfen Sie die brisante Frage auf, ob die Attentate von 9/11 für Erdölkriege manipuliert oder genutzt worden sind. Wie lautet Ihre Antwort?
Seit diesen Terroranschlägen sind elf Jahre vergangen. Ich habe mit vielen Menschen darüber gesprochen. Einige glauben, die Administration Bush sei kriminell und habe die Anschläge bewusst zugelassen oder gar selber inszeniert, um einen Vorwand für Erdölkriege zu schaffen, die Bürgerrechte abzubauen und die Militärausgaben zu erhöhen. Andere glauben an die Geschichte mit Bin Laden. Was damals wirklich passiert ist, bleibt unklar und muss neu untersucht werden.

Was sollte denn genauer untersucht werden?
Vor allem der Einsturz von WTC7, den die «New York Times» zu Recht als «mysteriös» bezeichnet hat, weil dieses 170 Meter hohe dritte Gebäude gar nicht von einem Flugzeug getroffen wurde, aber am selben Tag praktisch im freien Fall einstürzte. Verschiedene Baustatiker gehen heute davon aus, dass WTC7 gesprengt wurde. Andere wissen gar nicht, dass WTC7 einstürzte, und sie glauben, dass nur zwei Türme, WTC1 und WTC2, zusammengefallen seien. Die Berichterstattung in den Medien zu 9/11 ist unbefriedigend. Viele Sender haben nie über WTC7 berichtet, BBC schon, aber 20 Minuten vor dem Einsturz. Das ist irritierend. Es braucht eine neue 9/11-Untersuchung, aber US-Präsident Obama hat kein Interesse daran, auch Romney nicht.

Folgt man Ihren Überlegungen, muss der Krieg um Libyen ein Krieg um Erdöl gewesen sein.
Ja, auch der Libyenkrieg 2011 war ein Erdölbeutezug. Denn Libyen hat die grössten Reserven von Afrika.

Der Westen begründete seine Intervention in Libyen mit den Menschenrechtsverletzungen durch das Ghadhafi-Regime. Spielte dies denn keine Rolle?
Als Begründung für den Krieg spielten die Menschenrechtsverletzungen eine zentrale Rolle, denn die Regierungen von Frankreich, Grossbritannien und den USA, die den Angriff ausführten, konnten ihren Bürgern ja schlecht sagen: Erdöl wird knapp, daher greifen wir jetzt Libyen an. Das würde die Bevölkerung nicht akzeptieren. Daher wird jeder Ressourcenkrieg als Menschenrechtsprojekt verkauft – mich überzeugt das nicht. Die Fakten zeigen, dass der Kriegsbeginn komplexer war. Die Rebellen in Libyen wurden gezielt von Katar sowie vom britischen und amerikanischen Geheimdienst aufgerüstet. Man schürte die Gewalt, um danach von der UNO ein Mandat für eine Flugverbotszone zu erhalten. Dabei blieb es aber nicht. Die Nato wandelte das Flugverbot in einen Angriffskrieg um, obschon dies die UNO-Resolution nicht erlaubte, um Ghadhafi zu stürzen.

Welche Rolle spielt das Erdöl im aktuellen Syrien-Krieg?
Durch Syrien will man eine Pipeline legen vom Irak nach Westen ans Mittelmeer. Dann muss dieses Erdöl nicht durch die Strasse von Hormuz, welche die Iraner blockieren könnten. Die Syrien-Pipeline gabs früher schon, sie war aber immer wieder kaputt. Die Saudis und Katar unterstützen zusammen mit den Briten und den USA die Sunniten in Syrien und wollen Präsident Assad stürzen, ganz ähnlich wie zuvor Ghadhafi. Wenn dies gelingt, wird Syrien von den Sunniten übernommen und gehört dann zum Einflussbereich der Saudis und Amerikaner. Der schiitische Iran, verfeindet mit den Saudis, will das nicht und hilft Assad.

In welchen Weltregionen drohen die nächsten Ressourcenkriege? Und warum?
Die grössten Erdölreserven liegen im Persischen Golf, hier sehen wir schon heute brutale Konflikte. Aber auch China ist wie die USA und die EU auf Erdölimporte angewiesen. China streitet mit Japan um die Senkaku-Inseln, am Meeresgrund um die Inseln werden wichtige Öl- und Gasvorkommen vermutet. Im südchinesischen Meer streitet China mit den Philippinen, aus demselben Grund. In Afrika streitet der Nordsudan mit dem Südsudan um das Erdöl. In Nigeria kämpfen bewaffnete Gruppen mit Erdölkonzernen wie Shell.

Haben Sie nicht die Befürchtung, dass Sie von Kritikern Ihrer Thesen in die Ecke der Verschwörungstheoretiker gestellt werden?
Nein, diese Angst habe ich nicht, denn der globale Kampf ums Erdöl ist eine Realität, der wir uns stellen müssen – da gibt es keine Zweifel. Der Begriff «Verschwörungstheoretiker» wird von den Medien eingesetzt, um Denkverbote zu verhängen, unliebsame Fragen unter den Teppich zu kehren und Menschen zu diffamieren, welche die offizielle Sicht infrage stellen. Wir brauchen auch bei heiklen Themen wie Erdöl, Terror und Krieg einen offenen und kontroversen Diskurs und eine Pluralität von Meinungen. Der Begriff «Verschwörungstheoretiker» führt in die Sackgasse und bringt uns keinen Erkenntnisgewinn. Die Probleme mit den einbrechenden Erdölfeldern sind real.

Daniele Ganser: Europa im Erdölrausch. Verlag Orell Füssli, Zürich. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.09.2012, 17:01 Uhr

Daniele Ganser am Swiss Energy and Climate Summit vergangene Woche in Bern. (Videointerview: Simon Schmid)

Zur Person

Daniele Ganser

Der Historiker und Friedensforscher Daniele Ganser leitet das Swiss Institute for Peace and Energy Research (Siper) in Basel. Das Siper untersucht aus geostrategischer Perspektive den globalen Kampf ums Erdöl und das Potenzial von erneuerbaren Energien. Um diese Themen geht es auch in Gansers neuestem Buch: «Europa im Erdölrausch». Dabei handelt es sich um eine spannende und inspirierende Studie über Europas Erdöl-Abhängigkeit, die mit etlichen Risiken verbunden ist. Das Buch des Basler Historikers blickt hinter die Kulissen der Macht und liest sich wie ein Krimi. Ganser befasst sich mit der Frage nach der Endlichkeit des Erdöls, er thematisiert den Zusammenhang zwischen der Peak-Oil-Frage und den Vorkommnissen des 11. September 2001 sowie die zunehmenden Konflikte im Kampf ums Erdöl. Schliesslich skizziert Ganser Wege zu einer Energiewende.

Neben der Leitung des Siper-Instituts unterrichtet der 40-jährige Energieexperte zurzeit an den Universitäten in Basel und St. Gallen. Zuvor war Ganser als Uni-Dozent für Geschichte in Zürich und Luzern sowie als Forscher am Center for Security Studies (CSS) der ETH Zürich und beim Thinktank Avenir Suisse tätig gewesen. Als Buchautor veröffentlichte Ganser bisher «Nato-Geheimarmeen in Europa. Inszenierter Terror und verdeckte Kriegsführung» sowie «Die Kuba-Krise – UNO ohne Chance». (vin)

Die Energiewende

Herr Ganser, Sie fordern, dass wir das Erdöl verlassen, bevor das Erdöl uns verlässt. Wie soll denn die Energiewende aussehen?
Ja, wir müssen das Erdöl verlassen, denn die Weltbevölkerung wächst um 80 Millionen pro Jahr, eine Milliarde in nur zwölf Jahren, der Energiehunger der Chinesen und Inder ist gross. Erdöl deckt 55 Prozent des Schweizer Energiemixes. Aber die Importe werden immer teurer. 1990 reichten neun Milliarden Franken für den Erdölkonsum der Schweiz, also für Heizöl, Benzin, Diesel und Kerosin. Zwanzig Jahre später brauchen wir für genau dieselbe Menge schon 17 Milliarden Franken, weil global der Erdölpreis steigt. Wir verbrennen die Milliarden, und zwar wörtlich! Daher bin ich ein Freund der Energiewende. Wir müssen die Effizienz fördern, Häuser sanieren und die erneuerbaren Energien Sonne, Wind, Wasser, Holz, Erdwärme und Biogas ausbauen. Es gibt Lösungen, wir sind nicht verloren.

Aus Wirtschaft und Politik wird es aber Widerstand gegen eine konsequente Energiewende geben?
Nein, die Politik will die Energiewende. Der Streit dreht sich darum, wie viel das kostet und wie lange es dauert. Die Schweizer Wirtschaft kann profitieren: Wenn wir die Erdölheizungen rausnehmen und Solarthermie, Wärmepumpen oder Holz installieren, Dach und Wände isolieren und Fenster ersetzen, dann werden lokale KMU profitieren. Wir brauchen Autos, die mit vier Litern 100 Kilometer fahren.

Und was würde der Totalumbau der Energieversorgung für den Alltag des Durchschnittsbürgers in der Schweiz bedeuten?
Heute denkt der Durchschnittsbürger nicht über Energieimporte und Erdölkriege nach. Das wird sich in Zukunft ändern. Denn Erdöl und Erdgas decken zusammen 70 Prozent des Schweizer Energiebedarfs. Wir sind stark abhängig von diesen Importen. Daher müssen wir im Rahmen der Energiewende unsere Energieversorgung umbauen, mehr lokal und erneuerbar produzieren und damit unsere Unabhängigkeit stärken. (vin)

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