«Der ESM wird von ‹Paten› gesteuert»

Interview

Für ihr Anti-Merkel-Buch muss Gertrud Höhler harte Kritik einstecken. Das beeindruckt die Autorin und Beraterin jedoch nicht, im Gegenteil. Im Interview erklärt sie, warum Merkel eine Gefahr für die Demokratie sei.

«Macht ist eine Droge, die ohne Kontrolle nach Steigerung der Dosis verlangt»: Gertrud Höhler, Autorin des Buchs «Die Patin», über den Regierungsstil von Kanzlerin Angela Merkel.

«Macht ist eine Droge, die ohne Kontrolle nach Steigerung der Dosis verlangt»: Gertrud Höhler, Autorin des Buchs «Die Patin», über den Regierungsstil von Kanzlerin Angela Merkel.

Vincenzo Capodici@V_Capodici

Frau Höhler, mit Ihrem Buch über Angela Merkel haben Sie den geballten Zorn der meisten Medien in Deutschland auf sich gezogen. Wie erklären Sie sich die teils gehässigen Reaktionen auf Ihre Person? Es war wohl nicht geballter Zorn, sondern der Versuch, mit Angriffen auf die Autorin der Auseinandersetzung mit den Fakten auszuweichen. Die Personalisierung gilt in Deutschland als der bequemste Weg, statt Diskurs einen Skandal zu inszenieren.

Was sagen diese Reaktionen über Medien und Politik in Deutschland aus? Der deutsche Journalismus zeigt durch diese Ausweichbewegung seine Abhängigkeit von den Regierenden. Schliesslich sind sie es, die Interviews gewähren oder verweigern, die Reiseeinladungen aussprechen oder entziehen.

Gab es in den letzten Tagen Momente, in denen Sie bedauert haben, dieses Buch veröffentlicht zu haben? Nein, im Gegenteil. Die wütende Abwehr meiner Befunde auch bei denen, die im kleinen Kreis dieselben Entdeckungen am Politikstil von Frau Merkel austauschen, hat mir bestätigt, wie wichtig ein solches Buch ist.

Können Sie diese Aussage erläutern: Warum ist Ihr Merkel-Buch wichtig? Weil es Schweigende zum Reden bringt. Und weil es die Leute mit der Faust in der Tasche ermuntert zu sagen, was sie sehen, und die eigene Verantwortung zu begreifen. Der Staat gehört den Bürgern, nicht die Bürger dem Staat – das sagt mein Buch. Und viele erinnern sich plötzlich: «Stimmt!»

Etliche Kommentatoren haben in Ihrem Buch eine persönliche Fehde zwischen Ihnen und Kanzlerin Merkel herausgelesen. Dadurch ist Ihre Kritik am System Merkel kaum wahrgenommen worden. Wie sehr ärgert Sie das? Und was werden Sie tun, um dies zu ändern? Es ändert sich bereits. Das Ausweichen auf den Boulevard, wo es keine Ideen, sondern nur Tiefschläge und Racheakte gibt, ist nur ein Vorspiel. Auch auf dem Boulevard melden sich schon jetzt die Mutigen, die nicht glauben, dass Europa käuflich sei.

Sie kritisieren Merkel als Politikerin, die knallhart ihre Machtansprüche durchsetzt. Aber: Waren nicht alle Kanzler Machtmenschen, nicht zuletzt Helmut Kohl, den Sie positiv beurteilen? Merkel ist im Gegensatz zu ihren Vorgängern ohne ein Bekenntnis, ohne ein Credo unterwegs. Man kann ihre Haltung unideologisch nennen, da Werte für sie disponibel, Rechtsnormen situativ abzuräumen sind, wenn sie nicht ins Machtkonzept passen. Machtpolitik, die Berechenbarkeit überflüssig macht, verlässt den Grundkonsens der Demokraten, dass wir Versprechen halten und einander Rechenschaft schuldig sind. Macht ist eine Droge, die ohne Kontrolle nach Steigerung der Dosis verlangt.

Merkel als Zerstörerin der Demokratie, auch als Patin mit mafiösem Gebaren: Ihre Kritik ist doch arg übertrieben? Die Anklänge an Geheimbünde sind zahlreich: das Schweigen, die unideologische Haltung, das Einsickern illegaler Praktiken in die legalen Systeme. Der radikalste Rettungsschirm, ESM, wird von «Paten» gesteuert, die – strafrechtlich immun und zur Geheimhaltung verpflichtet – ungenannte Geldtransfers auslösen, die Haftung ohne Kontrolle vorsehen.

Ist Ihre Merkel-Kritik nicht auch Ausdruck einer gewissen Trauer, dass es die gute alte Bundesrepublik Deutschland nicht mehr gibt? Es gibt entbehrliche und unentbehrliche Traditionen. Nichts bleibt, wenn sich nichts ändert. Wenn es aber um den Kern jener Versprechen geht, die wir uns in unserer Verfassung gegenseitig geben, die unsere Würde vor Käuflichkeit schützen und unsere Freiheitsrechte sichern, dann müssen wir Einspruch anmelden.

Wer sind für Sie die Hoffnungsträger in der CDU? Etwa die zum «Berliner Kreis» gehörenden Politiker, die ein konservatives Manifest angekündigt haben? Nein, die Konservativen haben keinen Code gefunden, der sie zu Winnern macht. Sie reklamieren, was fehlt, ohne eine mitreissende Vision zu liefern. Aufgeschobene Manifeste sind Sprengladungen für eine Win-win-Position.

Kritiker rücken Sie in die Nähe einer möglicherweise entstehenden Tea-Party-Bewegung in der CDU. Was sagen Sie dazu? Das ist Unfug. Erlauben Sie mir eine Spassantwort: kein Tea, keine Party. Wer mein Buch liest, wird nicht auf solche Ideen verfallen.

Das Interview mit Gertrud Höhler wurde schriftlich geführt.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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