Der Anarchist geht in Europa wieder um

Analyse

Der linke Untergrund lebt auf. Die militanten Minigruppen mögen Sprengstoff und lancieren ihre Attacken des Öftern per Post.

Der Sachschaden war gewaltig, Verletzte gab es glücklicherweise nicht:n Letzte Löscharbeiten nach dem Anschlag in Athen.

Der Sachschaden war gewaltig, Verletzte gab es glücklicherweise nicht:n Letzte Löscharbeiten nach dem Anschlag in Athen.

(Bild: Keystone)

Thomas Widmer@ThomasWidmer1

Gestern gabs in Athen wieder einen Bombenanschlag, diesmal gegen ein Gericht. Die Urheber sollen Linksanarchisten gewesen sein. Ein isolierter Vorfall war das nicht, im Gegenteil. Wer die politisch motivierten Anschläge auflistet, stellt schnell fest, dass sie System haben. 2010 war das Jahr, in dem sich in Europa – vor allem in dessen Süden – ein militanter linker Untergrund gross in Szene setzte. Der neue Terror grassiert in Griechenland, Italien, Spanien, Portugal. Er hat sich über die Grenzen vernetzt. So wirkt in der italienischen Federazione Anarchica Informale die Revolutionäre Zelle Lambros Fountas, benannt nach dem griechischen Anarchisten, der im März bei einerSchiesserei mit der Polizei in Athen starb.

Die Anarchisten sind dezentral organisiert in vielen Grüppchen; entsprechend zahlreich die Fronten, an denen sie aktiv sind. Im Kontrast etwa zur Roten Armee Fraktion, die in Deutschland einst gezielt Exponenten des Staates und der Wirtschaft attackierte, nehmen heutige linksextreme Gewalttäter eine verwirrende Fülle von Personen und Einrichtungen ins Visier.

Ökonomen und Ökologen

Eine grobe Zweiteilung immerhin lässt sich vornehmen: Die ökonomische Frustration mancher Leute versuchen jene Zellen auszunutzen, die gegen Banken und Regierungsinstitutionen agieren. Anderseits sind da gewalttätige Umweltschützer. Diesen Frühling wurde im Kanton Zürich ein Kommando aus Italien verhaftet, das einen Sprengstoffanschlag auf das IBM-Nano-Labor von Rüschlikon plante. Es gehörte zur Vereinigung Il Silvestre, von der man noch nie gehört hatte. Kein Land ist sicher.

Die Schweiz nach den Verhaftungen im Zusammenhang mit Rüschlikon sowieso nicht: Im Oktober fand man in Rom einen Sprengsatz bei der Schweizer Botschaft, ein Brief forderte die Freilassung der drei von Il Silvestre. Ihr Kopf, Constantino Ragusa, kämpft gegen Bio-, Nano- und Nukleartechnik. Und er verehrt – noch ein Exempel internationaler Vernetzung – einen Bündner: Marco Camenisch, sogenannte «Ikone des Widerstands», sprengte Strommasten, erschoss einen Zöllner und sitzt seit langem in einer Schweizer Zelle. Bereits führte er einen Soli-Hungerstreik für die drei «Genossen» durch.

Eisenbolzen in der Brust

Die Lage ist unübersichtlich. Anders als im Oktober in Rom hatte die Paketbombe einen Monat später gegen die Schweizer Botschaft in Athen nichts mit Rüschlikon zu tun. Die wirtschaftspolitisch motivierte Gruppe Konspiration der Zellen des Feuers war diesmal wohl am Werk, sie beschickte auch andere Botschaften in der Stadt. Am Tag vor Heiligabend dann explodierten in Rom zwei Paketbomben, eine in der Schweizer Botschaft, eine in derjenigen Chiles. Bei solchen Aktionen können die Täter nicht genau berechnen, wen es trifft. Das scheint ihnen egal zu sein: Hauptsache, Gewalt. Ein Schweizer Mitarbeiter verlor fast die Hand, einem Angestellten der Chilenen musste ein Eisenbolzen aus der Brust operiert werden.

Zum Doppelanschlag in Rom bekannte sich die erwähnte Federazione Anarchica Informale mit der Botschaft: «Wir haben uns entschlossen, von neuem unsere Stimme zu Gehör zu bringen, mit den Worten und den Taten. Wir zerstören das Herrschaftssystem.» So klingt der Anarchismus, er verwendet seine Energie vor allem auf Destruktion. Manchmal wirkt er dabei anfängerhaft, improvisiert Bömbchen im Do-it-yourself-Stil. Er ist aber nicht harmlos. Im August erhielten mehrere Genfer Privatbankiers Pakete mit einer Plastikdose nach Hause gesandt. Wer sie öffnete, dem spritzte Säure ins Gesicht. Auch ein Kind wurde verletzt.

Nach den Anschlägen von 9/11 in New York befürchteten Terror-Spezialisten, die al-Qaida könnte in einer Metropole eine Koffer-Atombombe zünden. Der Anarchistenterror erscheint neben dem Szenario krud und dilettantisch; er rührt nicht von einer globalen Schattenarmee her, hat in keinem Land eine Bevölkerung hinter sich, kann weder auf ausgeklügelte Logistik noch auf viel Geld zurückgreifen. Es handelt sich um Kleinzirkel, die ideologisch überschäumen. Sie können Europas Ordnung nicht zerstören. Aber sie irritieren den Erdteil, der derzeit mit allerlei Turbulenzen kämpft.

Tages-Anzeiger

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