«Christmas-Shopping der Hooligans»

Seit über 40 Jahren serviert der Schweizer Armin Lötscher (73) in seinem St. Moritz Club und Restaurant im Londoner Trendquartier Soho «Rock & Rösti». Er beschreibt die aktuelle Situation in der britischen Hauptstadt.

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Armin Lötscher, das riesige Aufgebot an Polizisten in London hat offenbar genützt – in der Hauptstadt kam es zu keinen weiteren Ausschreitungen.
Das stimmt. Doch die Szenerie am Dienstagabend war gespenstisch, das war wie im Krieg. Die Strassen waren fast menschenleer und alle Parkplätze waren frei. Nur ein paar wenige Touristen waren zu Fuss oder mit dem Taxi unterwegs. Dafür standen überall schwer bewaffnete Polizisten und patrouillierten.

Haben Sie so etwas in London schon mal erlebt?
Nach den verheerenden Terroranschlägen von 2005 mit 56 Toten und über 700 Schwerverletzten war alles viel schlimmer. Damals war die ganze Stadt, die ganze Nation in einem Schockzustand. Das Leben stand im wahrsten Sinne des Wortes still.

Und jetzt?
Jetzt scheint das Leben im Zentrum nur am Abend ein paar Stunden stillzustehen. Am Morgen merkt man hier nicht viel von den Ausschreitungen. Bisher gab es ja nur einen kleinen Anschlag beim Oxford Circus. Aber das kann sich schnell ändern, und davor warnen uns auch die Behörden.

Was heisst das genau?
Am Dienstag wurden auch die Geschäfte und Lokale in Soho und im West End aufgefordert, am Nachmittag ab 16 Uhr zu schliessen. Zudem wurden Familien davor gewarnt, sich mit Kindern oder Jugendlichen auf den Strassen aufzuhalten. Denn die Polizei wollte im Falle von neuerlichen Ausschreitungen viel härter gegen die Chaoten vorgehen.

Trotz der Warnung war Ihr Restaurant auch am Dienstagabend als eines der wenigen in Soho geöffnet. Haben Sie keine Angst vor dem Mob?
In meinem Alter hat man keine Angst mehr. Und ich bin davon überzeugt, dass dieses immense Polizeiaufgebot seine Wirkung bei den Chaoten nicht verfehlt hat. Zudem haben sie es in erster Linie auf Läden abgesehen und nicht auf Restaurants oder Menschen.

Sind Sie sicher?
Ja, ich bin überzeugt, dass es dem Grossteil der Chaoten nur um das Plündern geht. Darum waren auch so viele Elektronik-Shops betroffen – das ist wie Christmas-Shopping für Hooligans. Die meisten sind Trittbrettfahrer und kennen den Auslöser der Ausschreitungen wohl nicht einmal.

Also glauben Sie nicht an einen politischen Hintergrund?
Nein, überhaupt nicht. Diese Leute interessieren sich nicht für Politik, die wollen einfach Krawall machen und nebenbei noch ein paar Dinge klauen. Aber natürlich begünstigt das Umfeld mit der hohen Jugendarbeitslosigkeit solche Ausschreitungen, das ist klar. Aber eine politische Message habe ich bis jetzt noch nicht gehört.

Und wie viel Schuld trägt die Londoner Polizei wegen des erschossenen Mark Duggan an der ganzen Situation?
Das kann ich nicht beurteilen. Aber Sie müssen auch wissen, dass in London fast wöchentlich Menschen bei Auseinandersetzungen von Gangs und Syndikaten ums Leben kommen. Da wird nie demonstriert. Dieser Vorfall ist für die Chaoten nichts anderes als eine billige Entschuldigung.

Und bleibt das Restaurant auch heute offen? Natürlich. Wir haben zwar gestern Absagen für drei Tische bekommen und heute auch schon. Doch für die anderen halten wir die Fahne hoch. Und morgen Donnerstag haben wir schon wieder Full House und dann wird im Club auch wieder gerockt.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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