Baseballkappe statt Kippa

Frankreichs Juden sind angesichts der sich häufenden antisemitischen Angriffe verunsichert. Manche tarnen sich und hoffen auf bessere Zeiten, andere verlassen das Land.

Mit 70'000 Mitgliedern die zweitgrösste jüdische Gemeinde Frankreichs: Juden vor der Hekhal-Chlomo-Synagoge in Marseille 2002. Foto: Philippe Laurenson (Keystone)

Mit 70'000 Mitgliedern die zweitgrösste jüdische Gemeinde Frankreichs: Juden vor der Hekhal-Chlomo-Synagoge in Marseille 2002. Foto: Philippe Laurenson (Keystone)

Martina Meister@tagesanzeiger

Müssen sich Frankreichs Juden in Zukunft «ein bisschen verstecken», wie es Zvi Ammar formuliert, der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde von Marseille? Nach der Messerattacke auf einen jüdischen Lehrer hat Ammar am Dienstag dazu aufgerufen, in Marseille auf die Kippa in der Öffentlichkeit vorerst zu verzichten, bis «bessere Zeiten kommen». Mit diesem Appell hat der Vorsitzende des israelitischen Konsistoriums von Marseille eine heftige Polemik ausgelöst.

Roger Cukierman, Präsident des Crif, des Dachverbandes jüdischer Organisationen Frankreichs, hält das für ein falsches Signal. «Wir dürfen vor nichts einknicken, wir werden weiter die Kippa tragen», sagte Cukierman. Auch Frankreichs Grossrabbiner Haïm Korsia hält diesen Rat für falsch. «Ich habe wirklich Verständnis dafür, dass ängstliche Eltern es vorziehen, ihren Kindern eine Baseballkappe statt einer Kippa aufzusetzen, aber ich halte es für falsch, daraus einen kollektiven Ratschlag zu machen.»

«Fass meine Kippa nicht an»

Andere sprachen von einer gefährlichen «Haltung des Defätismus und Verzichts». Ob man die Kippa trägt oder nicht, das werde nicht das Problem des Terrorismus lösen, gab Joël Mergui, Landespräsident des israelitischen Konsistoriums, zu bedenken. Er hat die Parole «Fass meine Kippa nicht an» lanciert, in Anlehnung an den in Frankreich bekannten Slogan «Touche pas à mon pote», den die Organisation SOS Racisme Mitte der Achtzigerjahre geprägt hat.

«Die Kippa absetzen?», fragt jemand auf Twitter und fügt hinzu: «Und die nächste Etappe ist, sich in Kellern zu verstecken? Nie wieder wird sich ein Jude verstecken. Das liegt hinter uns.» Grossrabbiner Korsia rief dazu auf, beim Fussballspiel von Olympique Marseille gegen Montpellier am Mittwoch nächster Woche eine Kopfbedeckung als «Zeichen der Solidarität» zu tragen.

Keine andere Wahl?

Nach Paris ist Marseille mit 70'000 Bürgern jüdischen Glaubens die zweitgrösste jüdische Gemeinde Frankreichs und eine der grössten Europas. Ammar verteidigte seine Position in einem Fernsehinterview. Es sei die schwierigste Entscheidung seines Lebens gewesen, aber er habe keine andere Wahl. Schliesslich ginge es nicht darum, vor dem Terrorismus zurückzuweichen, sondern einzig und allein darum, Menschenleben zu schützen. Er betonte, dass zahlreiche Soldaten jüdische Schulen und Gemeinden bewachten und in Marseille sehr präsent seien. 470 sind derzeit im Departement Bouche du Rhône im Einsatz. «Wir können nicht mehr verlangen», sagte Ammar. «Man kann keinen Polizisten, Gendarmen oder Soldaten hinter jeden Juden stellen.»

Benjamin Amsellem, der attackierte Lehrer, trat am Dienstag erschüttert, hinkend und mit einer Baseballkappe statt Kippa auf dem Kopf vor die Kameras der Medien. Mit seiner Tora habe er Gesicht und Hals schützen können. Sein Anwalt sagte, Amsellem habe den Hass und die Entschlossenheit in den Augen seines Angreifers gesehen und das Gefühl gehabt, dass er ihn enthaupten wolle. Das Messer sei allerdings nicht richtig scharf gewesen.

Täter mit unauffälligem Profil

Angriffe mit Messern auf jüdische Mitbürger haben sich in den vergangenen Wochen und Monaten in Frankreich gehäuft. Der 15-jährige Türke, der den Lehrer am Montag in Marseille niederzustechen versuchte, hat sich auf die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) berufen. Genauso wie der Angreifer des Pariser Kommissariats vergangene Woche, der in Deutschland Asylbewerber war. Es ist das «unauffällige Profil des Täters», das die Behörden besonders beunruhigt. Im Falle des türkischen Schülers sagte der Staatsanwalt von Marseille, «er ist in einem völlig normalen Milieu aufgewachsen und hat gute Note gehabt».

Schon im November war in Marseille ein Lehrer einer jüdischen Schule mit einem Messer verletzt worden. Ende Oktober hatte die Polizei einen Verdächtigen verhaften können, der sich Stichwaffen per Post hatte liefern lassen und Marinesoldaten in Toulon angreifen wollte. Im Mai 2013 hatte ein Islamist einen Soldaten in La Défense niedergestochen. Drei Tage zuvor hatten zwei Briten einen Soldaten in London mit einer Machete auf offener Strasse getötet.

«Verteidigt eure Religion vor Ort.»Salim Benghalem, Jihadist

Der bekannte französische Jihadist Salim Benghalem hatte im Februar vergangenen Jahres in einer Videobotschaft aufgefordert, zu Messern zu greifen: «Allah will nicht, dass ihr jetzt in andere Länder auswandert (...). Verteidigt eure Religion vor Ort. Tötet sie mit einem Messer, spuckt ihnen wenigstens ins Gesicht», sagte er in einem Video.

Während der Angriff auf den jüdischen Lehrer als eindeutig antisemitischer Akt interpretiert wird, behandeln die Medien den Mord an einem Stadtrat von Creteil als «faits divers», als Meldung im Vermischten. Am Dienstagmorgen war Alain Ghozland tot aufgefunden worden. Der 73-Jährige, dessen Vater die jüdische Gemeinde von Creteil gegründet hatte, ist offensichtlich niedergeschlagen geworden. Weil seine Kreditkarte und sein Auto gestohlen wurden, gehen die Ermittler von einem Raubmord aus. Antisemitische Motive können dennoch nicht ausgeschlossen werden.

43 Prozent der Juden wollen auswandern

Frankreichs Justizministerin Christine Taubira versicherte, jüdische Mitbürger könnten sich wie alle anderen auch in Frankreich «in Sicherheit in fühlen». Man werde die Werte der laizistischen Republik verteidigen. «Wir müssen überall in unserem Land die Freiheit unserer Bürger bekräftigen und im Alltag garantieren. Dazu gehört auch die Freiheit des Glaubens», sagte die Ministerin.

Bei der Gedenkveranstaltung zum Jahrestag der Attacke auf den jüdischen Supermarkt Hyper Cacher vergangene Woche hatte Premierminister Manuel Valls gesagt: «Es ist eine unerträgliche Vorstellung, dass immer mehr Juden Frankreich verlassen, weil sie sich hier nicht mehr in Sicherheit fühlen.» 43 Prozent der französischen Juden haben Auswanderungspläne, heisst es in einer Studie, die französische Politologen Anfang des Jahres veröffentlicht haben. Im Jahr 2000 wanderten 2000 Juden aus Frankreich aus, vergangenes Jahr waren es 8000.

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