Angriffe mit Macheten und Eisenstangen

In Nordtschechien gehen Roma und Einheimische aufeinander los. Nun soll eine Sondereinheit der Polizei die Lage beruhigen.

Tschechische Medien vergleichen die Ereignisse mit den Ausschreitungen in London: Polizisten gehen gegen Rechtsextreme vor, die 2008 ein Roma-Lager in Litvinov zerstörten.

Tschechische Medien vergleichen die Ereignisse mit den Ausschreitungen in London: Polizisten gehen gegen Rechtsextreme vor, die 2008 ein Roma-Lager in Litvinov zerstörten.

(Bild: Keystone)

Bernhard Odehnal@BernhardOdehnal

Tschechiens Innenminister Jan Kubice sparte nicht mit dramatischen Worten: Die Lage sei «ausser Kontrolle geraten», nur eine neue Sondereinheit der Polizei könne für Ruhe und Ordnung sorgen. Kubice reagierte damit auf die seit Tagen anhaltenden Unruhen und ethnischen Spannungen in den nordböhmischen Gemeinden Sluknov (Schlukenau), Rumburk und Varnsdorf.

In diesem sogenannten Schlukenauer Zipfel an der Grenze zu Deutschland und Polen leben sehr viele Roma in ghettoähnlichen Siedlungen. Die Nicht-Roma fühlen sich bedroht, beschweren sich seit langem über Diebstähle und Kleinkriminalität. Von den Bürgermeistern der Gemeinden wurden diese Beschwerden ebenso ignoriert wie vom Prager Innenministerium, das keinen Grund sah, die Anzahl der Polizisten in der Region zu erhöhen.

Das Fass zum Überlaufen brachte ein Zwischenfall Anfang August, als mit Macheten und Eisenstangen bewaffnete Roma-Jugendliche eine Bar in der Kleinstadt Novy Bor stürmten, die Gäste als «weisse Schweine» beschimpften und drei von ihnen schwer verletzten. Einige Tage danach kam es zu einem weiteren Angriff: 20 Roma-Jugendliche überfielen 6 Bewohner der Gemeinde Rumburk und verletzten sie. Die Polizei wertete auch diesen Angriff als «rassistisch motiviert».

Ausschreitungen wie in London

Vergangenen Freitag demonstrierten 1500 Bürger von Rumburk gegen die ausufernde Gewalt. Unter die Demonstranten mischten sich Vertreter der rechtsradikalen «Arbeiterpartei der sozialen Gerechtigkeit» (DSSS) sowie Anhänger von Neonazi-Gruppen. Als diese Häuser von Roma stürmen wollten, griff die Polizei ein und löste die Demonstration auf. Tschechische Medien verglichen die Ereignisse im Schlukenauer Zipfel mit den Ausschreitungen in London. Allerdings wurden in Nordböhmen keine Geschäfte geplündert und Häuser angezündet.

Dass die sozialen Spannungen in Nordböhmen zu Unruhen führen, ist kein neues Phänomen. Vor drei Jahren kam es zu ähnlichen Protesten gegen die Kriminalität in einer Roma-Siedlung in der Industriestadt Litvinov. Damals instrumentalisierten rechtsextreme Gruppen den Protest und provozierten eine mehrstündige Strassenschlacht mit der Polizei.

Dieses Mal ist der Protest etwas differenzierter. Bei einer Podiumsdiskussion in Vandorf stimmten die Bürger überein, dass für die Eskalation der Gewalt nicht die Roma generell verantwortlich gemacht werden dürfen. Das Problem sei vielmehr der ungeregelte Zuzug. In den vergangenen Jahren kauften Immobiliengesellschaften viele von Roma bewohnte Häuser in attraktiven Lagen in Prag und Zentralböhmen auf. Die Bewohner wurden gezwungen, ihre Häuser so schnell wie möglich zu verlassen. Viele zogen in die ehemaligen Industrieorte Nordböhmens, wo es zwar keine Arbeit, aber billigen Wohnraum gab. Auch Vertreter von Roma-Organisationen warnten, dass der Zuzug aus Nordböhmen ein soziales Pulverfass mache. Aber auch sie wurden von den Behörden ignoriert.

Grossdemo angekündigt

Laut der Polizei ist die Kriminalität in der Region Sluknov innert eines Jahres um 20 Prozent gestiegen, den grössten Anteil dabei haben Eigentumsdelikte. In der Sprache der Politik sind dafür «nicht anpassungsfähige» Bürger verantwortlich, in der Propaganda rechtsextremer Gruppen heisst es schlicht «Zigeunerkriminalität». Die Arbeiterpartei ruft zu einer Grossdemonstration am 10. September in Novy Bor auf, Menschenrechtsgruppen warnen, dass es dabei wieder zu Angriffen auf Roma-Häuser kommen könnte.

Das Innenministerium schickte vergangene Woche 50 zusätzliche Polizisten in die Region, um weitere Unruhen zu verhindern. Die neue Sondereinheit soll Anfang kommenden Jahres ihre Arbeit aufnehmen, 200 Mitglieder umfassen und in der Stadt Usti nad Labem (Aussig an der Elbe) stationiert sein.

Tages-Anzeiger

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