Aargauer Jihadist bittet um Hilfe

Ein englischer Journalist hatte zu Wochenbeginn via Twitter behauptet, der Aargauer IS-Kämpfer Çendrim R. sei freigekommen. Das stimmt jedoch nicht.

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Die Umstände der kürzlich erfolgten Freilassung von 46 türkischen Geiseln, die vom sogenannten Islamischen Staat (IS) im irakischen Mosul entführt worden waren, bleiben unklar. Ministerpräsident Ahmet Dovutoglu sagt lediglich, der türkische Geheimdienst habe die Geiseln «durch ihm eigene Methoden» befreit. Dabei habe es sich nicht um eine «zielgerichtete Operation gehandelt».

Inzwischen vermuten nicht nur türkische Medien und Sicherheitsexperten, dass Ankara etwa 180 festgenommene Anhänger und Kämpfer der IS-Terrormiliz gegen eigene Staatsbürger ausgetauscht hat. Unter ihnen ist aber nicht der IS-Kämpfer Çendrim R. Der kosovarische Staatsbürger lebte bis 2013 im aargauischen Brugg und besass eine Niederlassungsbewilligung. Mehrere Quellen im kosovarischen Aussenministerium bestätigen Bernerzeitung.ch/Newsnet, dass der junge Jihadist sich weiterhin in Untersuchungshaft in der Türkei befinde.

Tweet zurückgezogen

Ein englischer Journalist hatte zu Wochenbeginn via Twitter behauptet, der Aargauer IS-Kämpfer sei freigekommen. Die Nachricht wurde umgehend vom Genfer Center for Training and Analysis of Terrorism (GCTAT) als falsch zurückgewiesen. Inzwischen zog der «Times»-Reporter seinen Tweet zurück. Laut GCTAT-Chef Jean-Paul Rouiller hat die Türkei zehn IS-Kämpfer aus Europa freigelassen: drei Franzosen, je zwei Briten, Schweden und Mazedonier und einen Belgier. Die anderen 170 IS-Freischärler stammen offenbar aus der syrisch-irakischen Konfliktregion.

Çendrim R. stammt aus der ostkosovarischen Stadt Gjilan und lebte seit 1998 bei seiner Familie in Brugg. Hier hat er sich zahlreicher Delikte schuldig gemacht. Er überfiel einen Schmuckladen, war in Schlägereien verwickelt, attackierte Lehrpersonen. «Wegen erheblicher Straffälligkeit», so bestätigt eine Sprecherin des Bundesamts für Migration, «ist die Person weggewiesen worden.» Zuvor sass Çendrim R. eine Haftstrafe von drei Jahren in der Justizvollzugsanstalt Lenzburg ab. Schon hinter Gittern soll er dem radikalen Islam verfallen sein. Der Halbanalphabet, der selbst seinen eigenen Vornamen falsch schreibt (korrekt wäre Qëndrim), liess sich einen Bart wachsen, las den Koran, träumte von einem Studium der Religionswissenschaften «irgendwo in Albanien».

Drei Beamte getötet

Nach seiner Ausschaffung nach Kosovo im vergangenen Jahr wurde er offenbar von islamistischen Fanatikern für den Jihad in Syrien rekrutiert. Nach mehreren Monaten im Kriegsgebiet wollte Çendrim R. Ende März über die Türkei vermutlich zurück in seine kosovarische Heimat reisen. Begleitet wurde der junge Jihadist von einem deutschen Islamisten und einem Mazedonier. Das Trio attackierte im Süden der Türkei einen Kontrollpunkt der türkischen Sicherheitskräfte und tötete dabei drei Beamte. Seither befinden sich die Männer in Haft. Ihnen wird das «Töten eines Beamten im Dienst», die «unerlaubte Waffen- und Munitionseinführung in die Türkei» und «Raub» vorgeworfen.

Seine Bluttat rechtfertigte Çendrim R. vor Gericht mit folgenden Worten: «Ich tat etwas Gottgefälliges.» Auf Beistand Allahs kann er im türkischen Gefängnis aber nicht hoffen. Deshalb schreibt er seit Monaten Briefe an die kosovarische Botschaft in Ankara und bittet um Hilfe. Vergebens. Die Behörden in Kosovo haben zuletzt den Kampf gegen Jihadisten verstärkt, mehrere religiöse Hassprediger und mutmassliche Syrien-Kämpfer befinden sich in Haft. Seit dem Ausbruch des syrischen Bürgerkrieges im Jahr 2011 haben etwa 20 Kosovaren dort ihr Leben gelassen – im Dienste der Al-Nusra-Front und der IS-Terrormiliz. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.10.2014, 13:50 Uhr

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Çendrim R. bei seiner Anhörung vor einem türkischen Gericht.

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