Erdogan lässt nur eine Geisel frei

Die Türkei hat im Fall Deniz Yücel den Weg aus der Sackgasse gefunden. Doch der Westen muss hartnäckig bleiben.

Ersehntes Wiedersehen: Deniz Yücel und seine Frau Dilek Mayatürk Yücel umarmen sich vor dem Gefängnis. Die Petersilie ist für das Paar die «Blume ihrer Liebe».

Ersehntes Wiedersehen: Deniz Yücel und seine Frau Dilek Mayatürk Yücel umarmen sich vor dem Gefängnis. Die Petersilie ist für das Paar die «Blume ihrer Liebe».

Enver Robelli@enver_robelli

Es wehte ein Hauch des Kalten Krieges, als die Türkei den Journalisten Deniz Yücel gestern Freitag endlich freiliess. Die Menschen in Westeuropa können sich nun freuen, dass ein mittlerweile prominentes Opfer den Fängen einer Autokratie entkommen ist – ähnlich wie man sich früher gefreut hat, als die kommunistischen Regime Osteuropas Dissidenten ausreisen liessen. Der Deutsch-Türke Yücel sass ein Jahr lang unschuldig im Gefängnis. Weil er seinen Beruf ausübte.

Die türkische Justiz legte nach monatelanger Untätigkeit erst jetzt einen Papierfetzen mit absurden Vorwürfen vor. Der «Welt»-Korrespondent soll Terrorpropaganda verbreitet haben. Dafür fordert die Staatsanwaltschaft 18 Jahre Haft. Das Gericht verzichtete aber auf eine Ausreisesperre. Das war eine fast offene Aufforderung an Yücel, die Türkei so schnell wie möglich zu verlassen – was er auch tat. Es ging den Herrschenden in Ankara nur noch darum, das Gesicht zu wahren und einen Weg aus der Sackgasse zu finden.

Yücels Fall ist zum Paradebeispiel einer politischen Justiz geworden, die seit dem Putschversuch in der Türkei Tausende Menschen schikaniert und willkürlich ins Gefängnis wirft, weil sie das Machtgebaren des zunehmend irrational agierenden Präsidenten Recep Tayyip Erdogan kritisieren. Yücel liess sich nicht einschüchtern, er blieb standhaft und ertrug die Ungerechtigkeit mit Ironie. Dumm rumsitzen – so hat er die Zeit in der Zelle genannt.

Nach seiner Freilassung darf der Westen die anderen Opfer Erdogans nicht vergessen. Während Yücel gestern seine Frau umarmte, erhielten mehrere türkische Journalisten lebenslange Haftstrafen. In der Rangliste der Pressefreiheit steht die Türkei auf Platz 155 von 180 Staaten, über 100 Medienschaffende befinden sich hinter Gittern. Yücel hat auch für sie gekämpft, als er sagte, für schmutzige Deals stehe er nicht zur Verfügung. Die Türkei fordert schon lange, dass Deutschland mutmassliche Putschisten und Gegner Erdogans ausliefert. Yücel wird seinen Kampf fortsetzen. Hoffentlich mit grosser Unterstützung vieler Menschen im Westen. Denn Journalismus darf kein Verbrechen sein. Das gilt auch für das Nato-Land Türkei.

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