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«Rein, raus. Sonst sterben sie»

Männer, die als erste bei Aufräumarbeiten nach einer Atomkatastrophe eingesetzt werden, heissen Liquidatoren. Beim Unfall von Tschernobyl wurden etwa 700'000 von ihnen eingesetzt. Mit unvorstellbaren Folgen.

Reto Knobel
Professor Wladimir M. Kuznetsow (55) ist Ingenieur für Wärmephysik und promovierte am Moskauer Institut für Elektrotechnik mit Spezialgebiet Nuklearanlagen. Er arbeitete unter anderem als Hauptingenieur beim 3. Reaktorblock in Tschernobyl und als Chefexperte für die Sicherheit von Atomanalgen in der ehemaligen Sowjetunion.Ende 1985 wurde er zu der Atomsicherheitsbehörde Gosatomnadzor abberufen. In dieser Funktion nahm er an Inspektionen von praktisch allen Kernkraftwerken und Nuklearforschungsstationen innerhalb der ehemaligen UDSSR teil.Nach der Katastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 wurde er als so genannter Liquidator eingesetzt.
Professor Wladimir M. Kuznetsow (55) ist Ingenieur für Wärmephysik und promovierte am Moskauer Institut für Elektrotechnik mit Spezialgebiet Nuklearanlagen. Er arbeitete unter anderem als Hauptingenieur beim 3. Reaktorblock in Tschernobyl und als Chefexperte für die Sicherheit von Atomanalgen in der ehemaligen Sowjetunion.Ende 1985 wurde er zu der Atomsicherheitsbehörde Gosatomnadzor abberufen. In dieser Funktion nahm er an Inspektionen von praktisch allen Kernkraftwerken und Nuklearforschungsstationen innerhalb der ehemaligen UDSSR teil.Nach der Katastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 wurde er als so genannter Liquidator eingesetzt.
Die Schweiz muss die alten Atomkraftwerke abstellen, sagt Kuznetzow. Am meisten Sorgen bereitet ihm das AKW Leibstadt.
Die Schweiz muss die alten Atomkraftwerke abstellen, sagt Kuznetzow. Am meisten Sorgen bereitet ihm das AKW Leibstadt.
Der bisher schlimmste Nuklearunfall der Geschichte: Am 26. April 1986 explodierte Reaktor Nummer 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl auf dem Gebiet der damaligen Sowjetunion.
Der bisher schlimmste Nuklearunfall der Geschichte: Am 26. April 1986 explodierte Reaktor Nummer 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl auf dem Gebiet der damaligen Sowjetunion.
Lange wurde das Ausmass der Katastrophe vertuscht.
Lange wurde das Ausmass der Katastrophe vertuscht.
Ein Ermittler zeigt auf den Explosionsort. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 2000.
Ein Ermittler zeigt auf den Explosionsort. Die Aufnahme stammt aus dem Jahr 2000.
Ein Luftschutzraum in der ukrainischen Stadt Slavutich. Die Stadt wurde nach der Evakuierung von Pripyat, die nur 1,5 Kilometer von Tschernobyl entfernt ist, errichtet.
Ein Luftschutzraum in der ukrainischen Stadt Slavutich. Die Stadt wurde nach der Evakuierung von Pripyat, die nur 1,5 Kilometer von Tschernobyl entfernt ist, errichtet.
In Slavutich befindet sich auch diese Gedenkstätte für die Liquidatoren, welche die Katastrophe nicht überlebt haben.
In Slavutich befindet sich auch diese Gedenkstätte für die Liquidatoren, welche die Katastrophe nicht überlebt haben.
Ein weiteres Denkmal, errichtet für die verstorbenen Katastrophenhelfer von Tschernobyl.
Ein weiteres Denkmal, errichtet für die verstorbenen Katastrophenhelfer von Tschernobyl.
Trauer um die Opfer: Ein Tschernobyl-Veteran gedenkt in Kiew seiner verstorbenen Kameraden.
Trauer um die Opfer: Ein Tschernobyl-Veteran gedenkt in Kiew seiner verstorbenen Kameraden.
Vera Toptunova trauert um ihren Sohn Leonid Toptunov, der als Ingenieur im Reaktor Nummer 4 gearbeitet hat und den Spätfolgen erlegen ist.
Vera Toptunova trauert um ihren Sohn Leonid Toptunov, der als Ingenieur im Reaktor Nummer 4 gearbeitet hat und den Spätfolgen erlegen ist.
Verwandte trauern 2010 in Kiew um verstorbene Liquidatoren von Tschernobyl.
Verwandte trauern 2010 in Kiew um verstorbene Liquidatoren von Tschernobyl.
Kinder mit körperlichen Behinderungen – eine Spätfolge der Katastrophe in Tschernobyl. Die Russische Akademie der Wissenschaften schätzt, dass an den Folgen der Katastrophe bis zu 200'000 Menschen gestorben sind. Andere Studien gehen von viel tieferen Zahlen aus.
Kinder mit körperlichen Behinderungen – eine Spätfolge der Katastrophe in Tschernobyl. Die Russische Akademie der Wissenschaften schätzt, dass an den Folgen der Katastrophe bis zu 200'000 Menschen gestorben sind. Andere Studien gehen von viel tieferen Zahlen aus.
Die Katastrophe ist auch ein Vierteljahrhundert danach allgegenwärtig: Ein ukrainischer Student während einer Sicherheitsübung in Rudniya ausserhalb Tschernobyl.
Die Katastrophe ist auch ein Vierteljahrhundert danach allgegenwärtig: Ein ukrainischer Student während einer Sicherheitsübung in Rudniya ausserhalb Tschernobyl.
Ein verlassenes Haus in der 30-Kilometer-Zone von Tschernobyl.
Ein verlassenes Haus in der 30-Kilometer-Zone von Tschernobyl.
Bilder von Opfern der Katastrophe in Kiew, der Haupstadt der Ukraine.
Bilder von Opfern der Katastrophe in Kiew, der Haupstadt der Ukraine.
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Laut Informationen der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA, die sich auf Angaben der japanischen Regierung beruft, beträgt die derzeitige Strahlendosis rund um das beschädigte Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi bis zu 400 Millisievert pro Stunde.

Zum Vergleich: Der Grenzwert für die Normalbevölkerung beträgt gemäss dem Schweizer Kernphysiker Stephan Robinson 1 Millisievert – pro Jahr. Bei beruflich strahlenexponierten Menschen (etwa Arbeiter in Atomkraftwerken) liegt die oberste Grenze bei jährlich 20 Millisievert. Robinson geht aufgrund dieser enormen Strahlenbelastung in Japan davon aus, «dass der Reaktorkern seit Tagen im Trockenen liegt».

Armeeführung kritisiert AKW-Betreiber

Trotzdem, berichtet die Zeitung «Yomiuri Shimbun», setzen Soldaten ihr Leben aufs Spiel. Und trotz Sicherheitsgarantien von Tepco sei es wiederholt zu Zwischenfällen gekommen, kritisiert die japanische Armeeführung den Atomkraftwerkbetreiber Tepco. Bei der Explosion von Reaktor 3 sind vier Soldaten verletzt worden.

Wie die Nachrichtenagentur SDA berichtet, waren nach Angaben des japanischen AKW-Betreibers Tepco bis Dienstag noch 50 Mitarbeiter vor Ort in Fukushima. 750 Mitarbeiter seien abgezogen worden. Der Grund ist klar: An Rettungsarbeiten ist bei einer solchen Menge radioaktiver Strahlung nicht zu denken. «Retter können nur ein paar Minuten arbeiten - rein, raus. Sonst sterben sie», weiss Stephan Robinson von der Stiftung Green Cross Schweiz.

Unterdessen stieg die radioaktive Belastung in der Nähe von Tokio auf das zehnfache Niveau der üblichen Strahlung. Das berichtet die Agentur Kyodo unter Berufung auf die Präfektur von Chiba.

Viele haben ihr Leben geopfert

Menschen, die in den ersten Stunden und Tagen bei AKW-Einsätzen am Unglücksort arbeiten, heissen Liquidatoren. Die Aufräumarbeiter setzen ihr Leben aufs Spiel, wie die Folgen des Tschernobyl-Unfalls zeigen.

Gemäss dem ehemaligen Medizinprofessor an der Universität Bern, Theodor Abelin, musste die damalige Sowjetunion 700'000 Männer für Lösch- und Aufräumarbeiten rekrutieren.

Warum dieser extreme Aufwand? Laut Abelin mussten die Arbeiter immer wieder ersetzt werden, weil sie «innert kurzer Zeit die maximal zulässige lebenslängliche Strahlendosis abbekommen hatten», wie der Experte in einem Gastbeitrag für den «Bund» schreibt. Am gefährlichsten seien die rund 1800 Helikopterflüge gewesen, die notwendig waren, um den Brand im Reaktorkern mit 5000 Tonnen Deckmaterial zu löschen.

Die Helfer waren zum Teil unzureichend geschützt. Der Liquidator Nikolai Gontscharow etwa, der nach dem Unfall als 31-Jähriger vom Nordural nach Tschernobyl abgezogen wurde, arbeitete in normaler Felduniform, nur mit einem Mundschutz ausgerüstet.

90 Prozent der Helfer wurden krank

Gemäss der Weltgesundheitsorganisation WHO überlebten mindestens 50'000 Liquidatoren den Einsatz nicht, 90 Prozent der Überlebenden wurden krank. Die gravierendste Gesundheitsfolge ist Krebs, insbesondere Schilddrüsenkrebs. Experten gehen von einer Zunahme um 4000 Prozent aus. Die Leukämie-Fälle sind laut Greenpeace zehn Jahre nach dem Unfall um 840 Prozent angestiegen.

Hinzu kommt die psychische Belastung. Die Menschen leiden überdurchschnittlich häufig an psychischen Erkrankungen wie Panikattacken oder Phobien, wie der Neurologe Juri Jankelewitsch anlässlich eines Besuches im Süden Weissrusslands vor fünf Jahren ausführte.

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