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Der Anfang vom Ende?

Die Debatte um neue AKW ist nicht nur vertagt, sie ist wohl endgültig abgesagt. Dazu gibt es mythische und wirtschaftliche Gründe.

Philipp Löpfe
Bald zu teuer?: Atomkraftwerk Gösgen.
Bald zu teuer?: Atomkraftwerk Gösgen.

Eigentlich lief alles auf eine «Renaissance der Atomenergie» zu: Deutschland verlängerte die Laufzeiten seiner Atommeiler, US-Präsident Barack Obama kündigte in seiner State-of-the-Union-Rede eine 36-Milliarden-Dollar-Bürgschaft für den Bau von 20 weiteren Atomkraftwerken an, in Finnland wird demnächst ein Werk der neuesten Generation ans Netz gehen und in Asien schien sich geradezu ein A-Kraftwerk-Boom abzuzeichnen. Wegen des drohenden Klimawandels war die Atomenergie auch im Begriff, wieder salonfähig zu werden. Linksliberale Vorzeigeintellektuelle wie beispielweise der britische Schriftsteller Ian McEwan outeten sich als prominente Befürworter der CO2-freien Energie.

Jetzt, wo die Menschheit gebannt nach Japan schaut und sich bange fragt, ob Erdbeben und Tsunami dort einen schlimmen oder einen sehr schlimmen Atomunfall verursacht haben, werden selbst die überzeugten Befürworter der Atomkraft kleinlaut. Sie halten den Ball flach und sprechen davon, dass Sicherheitsstandards überprüft werden müssen.

Bilder mit einer symbolischen Langzeitwirkung

Die «Renaissance der Atomenergie» ist nicht nur vertagt, sie ist wohl endgültig abgesagt. Dazu gibt es mythische und wirtschaftliche Gründe. Menschen sind von der Atomenergie fasziniert. Gleichzeitig jagt sie ihnen eine grosse Angst ein. Die Bilder der Explosion des Reaktorgebäudes von Fukushima haben deshalb eine symbolische Langzeitwirkung, deren Einfluss nicht überschätzt werden kann. Sie werden sich tief ins kollektive Gedächtnis der Menschen des 21. Jahrhunderts eingraben.

Nicht nur irrationale Angst, auch ökonomische Vernunft spricht gegen die Atomenergie. Die angebliche Renaissance stand stets auf wirtschaftlich tönernen Füssen. Bereits vor der Katastrophe in Japan mehrten sich die Anzeichen, dass sie mehr Wunschdenken als betriebwirtschaftliches Kalkül war. So machte das neue Werk in Finnland vor allem mit massiven Kostenüberschreitungen und zahllosen Pannen von sich reden. In den USA sind von 16 bewilligten neuen Atomkraftwerken gerade mal zwei in Bau. Die meisten Projekte sind bereits wieder gestrichen worden – nicht aus ökologischen, sondern aus ökonomischen Gründen.

Solarstrom vom Dach

Trotzdem pflegten Befürworter bisher wie folgt zu argumentieren: Atomenergie liefert billige und saubere Energie und sichert so Wohlstand und Arbeitsplätze. Diese Argumentation war schon lange schief, jetzt ist sie nur noch peinlich: Denn die Atomenergie war stets bloss als Übergang zu einer Welt mit erneuerbarer Energie gedacht. Selbst die Stromwirtschaft spricht deshalb von einer «Brückentechnologie». Nach Japan werden sich die Kosten für diese «Brücke» nochmals kräftig erhöhen. Nun stellt sich die Frage, ob es sinnvoll ist, sie überhaupt noch zu bauen, zumal der Kostentrend klar gegen die Atomenergie spricht. «Wir können derzeit mit der bestehenden Solarzellentechnologie auf dem Dach Strom zu Kosten produzieren, die nicht mehr weit von dem entfernt sind, was wir üblicherweise bezahlen», sagt Franz Baumgartner, Professor für erneuerbare Energien an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.

Die Atomkatastrophe in Japan wird dazu führen, dass die politischen Widerstände gegen die Förderung von nachhaltigen Energien, hauptsächlich Solar- und Windenergie, abnehmen. Das wiederum wird dazu führen, dass diese Energien billiger werden, während umgekehrt sich die Atomenergie wegen steigender Sicherheitsauflagen verteuern wird. Nach Adam Riese wird deshalb die erneuerbare Energie bald günstiger sein als Atomenergie. Und dann ist endgültig Schluss mit der «Renaissance der Atomenergie».

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