«Rein, raus. Sonst sterben sie»

Männer, die als erste bei Aufräumarbeiten nach einer Atomkatastrophe eingesetzt werden, heissen Liquidatoren. Beim Unfall von Tschernobyl wurden etwa 700'000 von ihnen eingesetzt. Mit unvorstellbaren Folgen.

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Reto Knobel@RetoRek

Laut Informationen der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA, die sich auf Angaben der japanischen Regierung beruft, beträgt die derzeitige Strahlendosis rund um das beschädigte Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi bis zu 400 Millisievert pro Stunde.

Zum Vergleich: Der Grenzwert für die Normalbevölkerung beträgt gemäss dem Schweizer Kernphysiker Stephan Robinson 1 Millisievert – pro Jahr. Bei beruflich strahlenexponierten Menschen (etwa Arbeiter in Atomkraftwerken) liegt die oberste Grenze bei jährlich 20 Millisievert. Robinson geht aufgrund dieser enormen Strahlenbelastung in Japan davon aus, «dass der Reaktorkern seit Tagen im Trockenen liegt».

Armeeführung kritisiert AKW-Betreiber

Trotzdem, berichtet die Zeitung «Yomiuri Shimbun», setzen Soldaten ihr Leben aufs Spiel. Und trotz Sicherheitsgarantien von Tepco sei es wiederholt zu Zwischenfällen gekommen, kritisiert die japanische Armeeführung den Atomkraftwerkbetreiber Tepco. Bei der Explosion von Reaktor 3 sind vier Soldaten verletzt worden.

Wie die Nachrichtenagentur SDA berichtet, waren nach Angaben des japanischen AKW-Betreibers Tepco bis Dienstag noch 50 Mitarbeiter vor Ort in Fukushima. 750 Mitarbeiter seien abgezogen worden. Der Grund ist klar: An Rettungsarbeiten ist bei einer solchen Menge radioaktiver Strahlung nicht zu denken. «Retter können nur ein paar Minuten arbeiten - rein, raus. Sonst sterben sie», weiss Stephan Robinson von der Stiftung Green Cross Schweiz.

Unterdessen stieg die radioaktive Belastung in der Nähe von Tokio auf das zehnfache Niveau der üblichen Strahlung. Das berichtet die Agentur Kyodo unter Berufung auf die Präfektur von Chiba.

Viele haben ihr Leben geopfert

Menschen, die in den ersten Stunden und Tagen bei AKW-Einsätzen am Unglücksort arbeiten, heissen Liquidatoren. Die Aufräumarbeiter setzen ihr Leben aufs Spiel, wie die Folgen des Tschernobyl-Unfalls zeigen.

Gemäss dem ehemaligen Medizinprofessor an der Universität Bern, Theodor Abelin, musste die damalige Sowjetunion 700'000 Männer für Lösch- und Aufräumarbeiten rekrutieren.

Warum dieser extreme Aufwand? Laut Abelin mussten die Arbeiter immer wieder ersetzt werden, weil sie «innert kurzer Zeit die maximal zulässige lebenslängliche Strahlendosis abbekommen hatten», wie der Experte in einem Gastbeitrag für den «Bund» schreibt. Am gefährlichsten seien die rund 1800 Helikopterflüge gewesen, die notwendig waren, um den Brand im Reaktorkern mit 5000 Tonnen Deckmaterial zu löschen.

Die Helfer waren zum Teil unzureichend geschützt. Der Liquidator Nikolai Gontscharow etwa, der nach dem Unfall als 31-Jähriger vom Nordural nach Tschernobyl abgezogen wurde, arbeitete in normaler Felduniform, nur mit einem Mundschutz ausgerüstet.

90 Prozent der Helfer wurden krank

Gemäss der Weltgesundheitsorganisation WHO überlebten mindestens 50'000 Liquidatoren den Einsatz nicht, 90 Prozent der Überlebenden wurden krank. Die gravierendste Gesundheitsfolge ist Krebs, insbesondere Schilddrüsenkrebs. Experten gehen von einer Zunahme um 4000 Prozent aus. Die Leukämie-Fälle sind laut Greenpeace zehn Jahre nach dem Unfall um 840 Prozent angestiegen.

Hinzu kommt die psychische Belastung. Die Menschen leiden überdurchschnittlich häufig an psychischen Erkrankungen wie Panikattacken oder Phobien, wie der Neurologe Juri Jankelewitsch anlässlich eines Besuches im Süden Weissrusslands vor fünf Jahren ausführte.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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