«In so kurzer Zeit so viele Menschen rauszuholen, ist undenkbar»

Hintergrund

Die Atomkatastrophe von Fukushima könnte auch die 35-Millionen-Metropole Tokio erfassen. Eine Evakuierung wäre gemäss Experten unmöglich.

Ungewisse Zukunft: Pendler in Tokio.

Ungewisse Zukunft: Pendler in Tokio.

(Bild: Reuters)

Vincenzo Capodici@V_Capodici

In der Region um das havarierte Atomkraftwerk Fukushima ist die Evakuierung der Menschen bereits in Gang. Gemäss Behördenangaben wurden mehr als eine halbe Million Personen in rund 2500 Notunterkünften platziert. Auch in Tokio wird die Lage immer bedrohlicher: Die radioaktive Belastung in der Nähe der Hauptstadt ist auf das zehnfache Niveau der üblichen Strahlung gestiegen. Erste Ausländer haben Tokio schon verlassen. Was passiert, wenn die atomare Gefahr die 35-Millionen-Metropole einholt?

Auf der Website der Stadtbehörden gibt es zwar Notfallpläne, etwa Pläne mit 189 gekennzeichneten Zufluchtsstätten und Fluchtwegen für den Katastrophenfall in den Innenstadtbezirken Tokios. Allerdings gelten diese Notfallpläne lediglich für Naturkatastrophen wie Erdbeben. Ein Super-GAU wäre aber ein ganz anderer Fall. Dann wäre Japans Hauptstadt überfordert. Bislang haben die Behörden die Bevölkerung nicht zur Flucht aufgerufen, wie ein 31-jähriger Japaner, der zurzeit im Norden Tokios lebt, gegenüber Bernerzeitung.ch/Newsnetz sagte.

Verkehrssystem schon in normalen Zeiten überlastet

Eine vollständige Evakuierung aller Bewohner von Tokio innert nützlicher Frist ist ausgeschlossen, wie der Physiker Michael Schreckenberg von der Universität Duisburg im Gespräch mit Bernerzeitung.ch/Newsnetz zu verstehen gibt. Als Experte der Physik von Transport und Verkehr befasst sich Schreckenberg auch mit Evakuierungen. Selbst die hochentwickelte Infrastruktur Japans sei nicht in der Lage, den Transport solcher Menschenmengen zu bewältigen. Und es drohe weiteres Ungemach. «Wenn der Strom ausfällt, fahren die Züge nicht.» Der Verkehr in Tokio sei schon in normalen Zeiten ein grosses Problem. Schreckenberg geht davon aus, dass die Behörden von Tokio auch keinen Plan für eine Evakuierung in dieser Grössenordnung haben.

Eine Evakuierung von Japans Hauptstadt Tokio zum Schutz vor einer radioaktiven Verstrahlung ist auch nach Einschätzung eines anderen Experten völlig unmöglich. «Wenn es jemand schaffen könnte, dann der japanische Katastrophenschutz, der zu den besten weltweit gehört. Aber in so kurzer Zeit so viele Menschen aus Tokio rauszuholen, ist undenkbar», sagte der Vorsitzende des Deutschen Komitees Katastrophenvorsorge, Gerold Reichenbach, der Nachrichtenagentur dpa. «Eine Metropole wie Tokio zu evakuieren, überfordert auch ein gut vorbereitetes Land.»

«Dann werden die Menschen zu Fuss weiter gehen»

Laut Schreckenberg würde ein grosser Teil der Menschen mit dem Auto aus Tokio in Richtung Süden flüchten. Wegen des Benzinmangels in der jetzigen Situation würden aber die Flüchtenden nicht weit kommen. «Dann werden die Menschen zu Fuss weiter gehen», sagt Schreckenberg. «Und es wird viele Menschen geben, die ohne Ziel fliehen.» Bei einer Evakuierung sei die Logistik eine grosse Herausforderung. Für Millionen von Menschen auf der Flucht müssten Zeltstädte aufgestellt und sanitäre Anlagen organisiert werden. Wichtig sei vor allem die Verfügbarkeit von Wasser und Grundnahrungsmitteln. Im Ernstfall erwartet Schreckenberg ein «äusserst grosses Chaos», was die Versorgung der Menschen anbelangt. «Wenn die Versorgung zusammenbricht, wird es sehr kritisch.» Dann werde es Menschenaufläufe und weitere Probleme geben. Was dann konkret passieren werde, könne er aber nicht sagen.

Versorgungsprobleme gibt es jetzt schon. Gemäss Medienberichten bilden sich an den wenigen noch offenen Tankstellen lange Schlangen. Menschen kommen mit Dutzenden Kanistern, um ihre Benzinvorräte aufzustocken. Die Menschen versuchen auch, sich mit Lebensmitteln einzudecken, in vielen Supermärkten kommt es zu Hamsterkäufen.

Behördeninformationen können kontraproduktiv sein

In einer Katastrophensituation sei die Information der Bevölkerung sehr wichtig, sagt Schreckenberg. Die Informationspolitik der Behörden, die nur scheibchenweise Informationen lieferten, könne sich aber kontraproduktiv auswirken, warnt der deutsche Evakuierungsexperte. «Irgendwann glauben die Menschen nichts mehr. Und sie tun das Gegenteil von dem, was die Behörden anordnen.» Und dann gibt es erst recht Chaos. Die Gefahren, die bei Massenpaniken auftreten können, beurteilt Schreckenberg zurückhaltend: «Menschen handeln selbst in bedrohlichen Situationen noch rational.» Es gebe aber ein grundsätzliches Problem: «Niemand hat den Überblick, und das wird sich auch nicht ändern.»

Die bislang grösste Evakuierungsaktion betraf die amerikanische Stadt New Orleans infolge des Hurrikans Katrina. Diese Evakuierung sei im Grossen und Ganzen gut gelungen, sagt Schreckenberg. Bei der Naturkatastrophe im August 2005 mussten allerdings nur etwa 480'000 Menschen in Sicherheit gebracht werden. Bei einem Ernstfall in Tokio ginge es um ganz andere Dimensionen.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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