Die Hamas zeigt, wie weit sie schiessen kann

Zwei Raketen aus dem Gazastreifen schlugen im 40 Kilometer entfernten Beer Sheva ein. Der israelische Verteidigungsminister will zurückschlagen.

Angriffe häufen sich: Raketen werden aus dem Gazastreifen Richtung Israel abgefeuert. (Video: AP)

In der Nacht zum Mittwoch wurden zwei Raketen aus dem Gazastreifen Richtung Israel abgefeuert. Nicht nur der Zeitpunkt dürfte von der regierenden radikalislamischen Hamas bewusst gewählt worden sein, sondern auch das Ziel: Die 40 Kilometer entfernte Stadt Beer Sheva. Eine Rakete landete in einem Vorgarten eines Hauses und richtete Sachschaden an. Fünf Menschen mussten wegen eines Schocks behandelt werden.

In den vergangenen Monaten hatten die Hamas oder andere Gruppen aus dem Gazastreifen Dutzenden Raketen und Mörsergranaten Richtung Israel geschickt, aber nur einmal wurde das weit entfernte Beer Sheva ins Visier genommen. Damit verbunden ist das Signal, dass die Hamas auch über weit reichende Raketen verfügt und nicht nur Gebiete entlang des Gazastreifens attackieren kann. Eine zweite Rakete landete auf offenem Feld.

Da sich am Vortag Verteidigungsminister Avigdor Lieberman öffentlich für eine militärische Aktion im Gazastreifen ausgesprochen hatte und das israelische Sicherheitskabinett an diesem Mittwoch tagt, wird der Raketenbeschuss als Reaktion auf Liebermans Drohungen gewertet. Auch Premierminister Benjamin Netanyahu hatte am Sonntag mit einem harten Schlag gedroht, das Sicherheitskabinett hatte dann aber am Nachmittag keine Entscheidung getroffen. Aber ein weiterer Termin für Beratungen wurde für Mittwoch angesetzt.

Über 150 Tote

In den vergangenen Wochen hatten die Proteste an der Grenze zum Gazastreifen wieder zugenommen und waren nicht nur auf Freitage beschränkt. Seit 30. März sind laut Angaben des palästinensischen Gesundheitsministeriums 155 Palästinenser von israelischen Soldaten erschossen worden, rund 19’000 wurden verletzt. Die Proteste starteten als «Marsch der Rückkehr», mit dem die Palästinenser rund um den 70. Jahrestag der Staatsgründung Israels auf ihre Vertreibung aufmerksam machen wollten. Unter den Toten sind Dutzende Hamas-Mitglieder, aber auch Jugendliche, die mit den Grenzprotesten auf die prekäre humanitäre Lage im Gazastreifen aufmerksam machen wollen.

Die jüngste Eskalation mit massivem Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen war am 9. August. Der Verteidigungsminister hatte damals schon für einen Kriegseinsatz plädiert, wofür ein Beschluss des aus zehn Mitgliedern bestehenden Sicherheitskabinetts notwendig ist. Die Debatte über eine Militäraktion wird durch die Ereignisse der Nacht intensiviert werden. Lieberman hatte die Mitglieder des Gremiums öffentlich aufgerufen, einer weitreichenden Militäraktion zuzustimmen. Danach werde wieder «vier bis fünf Jahre Ruhe» an der Grenze zum Gazastreifen einkehren, prognostizierte Lieberman. Es werde aber eine schwierige Auseinandersetzung, da die Hamas über bessere Waffen verfüge.

Die «Tage des Zorns» in Bildern

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Der letzte Gazakrieg war 2014. Zuletzt hatte es unter Vermittlung der UNO Verhandlungen zwischen Israel und der im Gazstreifen regierenden Hamas gegeben, bei der der mit den Herrschern im Gazastreifen verfeindete palästinensische Präsident Mahmoud Abbas ausgebremst worden ist. Israel, das wie Ägypten den Küstenstreifen abriegelt, liess von Katar finanzierte Treibstofflieferungen durch, die zur Verbesserung der Stromversorgung beitragen sollen. Nachdem die USA Gelder für das UNO-Flüchtlingshilfswerk UNRWA gestrichen hat, ist die humanitäre Lage für die rund zwei Millionen Bewohner in der abgeschotteten Küstenenklave noch angespannter, denn die Nahrungsmittelhilfe sowie der Betrieb von Schulen und Gesundheitszentren sind nur bis Jahresende gesichert.

Als Vergeltung für die Raketenangriffe, die vom Abwehrsystem «Iron Dome» (Eisenkuppel) nicht abgefangen wurden, bombardierte die israelische Armee am Mittwochmorgen Ziele im Gazastreifen. Die Stadtverwaltung von Beer Sheva ordnete an, dass die Schulen geschlossen bleiben. Auch die Grenzübergänge in den Gazastreifen bleiben zu. Der Chef der israelischen Streitkräfte, Gadi Eisenkot, brach seinen USA-Besuch vorzeitig ab.

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