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Jemens Präsident verliert nach Massaker an Rückhalt

Die Proteste gegen die Herrschaft Präsident Ali Abdullah Saleh nehmen weiter zu. Sogar sein eigener Stamm forderte ihn heute zum Rücktritt auf. Im ganzen Land kam es zu Grossdemonstrationen.

Wütender Trauerzug: Protestierende tragen die Demonstranten, die am Freitag erschossen wurden, durch die Hauptstadt Sanaa.
Wütender Trauerzug: Protestierende tragen die Demonstranten, die am Freitag erschossen wurden, durch die Hauptstadt Sanaa.
Keystone

In einer Erklärung riefen Scheich Sadik al Ahmar, der Führer des mächtigen Haschid-Stammes, dem auch Saleh angehört, und mehrere religiöse Führer den Präsidenten auf, den Forderungen des Volkes nachzukommen und sein Amt friedlich zu räumen. «Wir begrüssen die Forderungen der Menschen vom (Universitäts-)Platz», hiess es nach einer Sitzung am Samstagabend im Haus von Scheich Ahmar in einer gemeinsamen Erklärung.

Zehntausende kamen heute in der Hauptstadt Sanaa zu einem Trauerzug für einige der Opfer vom Freitag. Die Menschen versammelten sich wieder auf dem Universitätsplatz, und auch in anderen Städten wie Aden, Hadramaut, Ibb, Al Hudajdah, Dhamar und Tais kam es zu Protestkundgebungen gegen das Massaker.

Vertreter von Oppositionsparteien, die an den Kundgebungen teilnahmen, erklärten, die Forderungen hätten sich geändert. Statt Reformen werde nun Salehs Rücktritt gefordert. Dieses Regime müsse möglichst schnell verschwinden, sagte Oppositionsführer Jassin Said Numan der Nachrichtenagentur AP.

Ein «perfides Verbrechen»

Menschenrechtsministerin Huda al Ban erklärte, sie trete zurück, um gegen dieses «schreckliche, feige und perfide Verbrechen» der Regierung zu protestieren. Auch UN-Botschafter Abdullah Alsaidi trat aus Protest gegen das Massaker vom Freitag von seinem Posten zurück. Es war der bislang blutigste Tag bei den seit rund einem Monat andauernden Protesten gegen die Herrschaft Salehs, der seit mehr als 30 Jahren an der Macht ist. Von Dächern und aus Häusern hatten Scharfschützen auf Tausende Menschen geschossen, die zu sich zu einer Protestkundgebung in Sanaa versammelt hatten.

Gesundheitsminister Abdul Karim Rafi sagte, die Schüsse auf die Demonstranten seien ein «inakzeptables Verbrechen, das nicht gerechtfertigt werden kann». 44 Menschen seien getötet und 192 verwundet worden, 21 davon schwer. Generalstaatsanwalt Abdullah al Ulty sprach sogar von 693 Verwundeten. Einige Leichen hätten noch nicht identifiziert werden können.

Oppositionsgruppen riefen wegen der Gewalt die internationale Gemeinschaft um Hilfe an. Der Sicherheitsrat solle politische und moralische Verantwortung übernehmen und «Massnahmen zum Schutz von Zivilpersonen» einleiten, hiess es in einem Appell nach dem Blutvergiessen in Sanaa am Freitag. «Es ist ein Massaker», sagte Oppositionssprecher Mohammed al Sabri. «Das ist Teil eines verbrecherischen Plans, Demonstranten zu töten, und der Präsident und seine Verwandten sind verantwortlich für dieses Blutvergiessen.»

US-Präsident Barack Obama, dessen Land die Regierung mit Hunderten Millionen Dollar im Kampf gegen Aufständische unterstützt, forderte, die für die Gewalt am Freitag Verantwortlichen müssten zur Rechenschaft gezogen werden. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon äusserte sich tief besorgt. Er rief nach Angaben seines Sprechers zur äussersten Zurückhaltung auf und erinnerte die jemenitische Regierung an ihre Verpflichtung, Zivilpersonen zu schützen.

Polizisten gingen auch am Samstag mit Gewalt gegen ein Lager der Demonstranten in der Hafenstadt Aden vor. Dabei wurden mindestens 13 Menschen verletzt, drei davon durch Schüsse. Anschliessend umringten Tausende Menschen eine Polizeiwache und versuchten, in sie einzudringen. Daran wurden sie von Sicherheitskräften gehindert, die Schüsse in die Luft abgaben.

Menschen mit Feuerwänden an der Flucht gehindert

Oppositionssprecher al Sabri sagte über das Vorgehen der Sicherheitskräfte vom Freitag, Scharfschützen hätten von Dächern gezielt in die Menge gefeuert, die nach dem Freitagsgebet zu einer Kundgebung gegen Präsident Saleh zusammengekommen war. Fluchtwege seien von der Polizei mit brennenden Reifen und Feuerwänden aus brennendem Benzin verstellt worden. Unter den Toten war erstmals auch ein Journalist, der jemenitische Fotoreporter Dschamal al Scharaabi.

dapd/pbe

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