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«Frauen und Kinder wurden angegriffen»

In Bahrain ist die Lage eskaliert. Sicherheitskräfte gingen mit aller Gewalt gegen die Demonstranten vor. Mindesten vier Menschen starben, bis zu 50 Menschen wurden verletzt. Augenzeugen berichten.

Gingen erneut gegen König Hamad bin Issa al-Chalifa auf die Strasse: Demonstranten in Manama. (3. Juni 2011)
Gingen erneut gegen König Hamad bin Issa al-Chalifa auf die Strasse: Demonstranten in Manama. (3. Juni 2011)
Reuters
König Hamad bin Issa al-Chalifa gerät immer mehr in Bedrängnis: Demonstranten ziehen erstmals vor den Regierungspalast (6. März 2011).
König Hamad bin Issa al-Chalifa gerät immer mehr in Bedrängnis: Demonstranten ziehen erstmals vor den Regierungspalast (6. März 2011).
AFP
Protest in luftiger Höhe: Der zentrale Platz in Manama ist fest in der Hand der Demonstranten. (15. Februar 2011)
Protest in luftiger Höhe: Der zentrale Platz in Manama ist fest in der Hand der Demonstranten. (15. Februar 2011)
Keystone
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In einer Blutlache am Strassenrand wenige Meter entfernt vom Platz der Perle liegt ein regloser Körper, mit einem weissen Tuch bedeckt. Der Boden ist übersät mit Glasscherben und Tränengaskartuschen. Polizisten räumen zertrampelte Zelte und zerfetzte Spruchbänder weg. Polizeifahrzeuge mit Blaulicht umzingeln den zentralen Platz in Manama, auf dem Demonstranten nach dem Vorbild der ägyptischen Protestbewegung auf dem Kairoer Tahrir-Platz kampiert hatten.

Am frühen Donnerstagmorgen ging die Polizei mit Tränengas und Schlagstöcken gegen das Zeltlager vor und vertrieb die Menge. Vier Menschen sollen dabei getötet worden sein. Bis zu 50 Menschen wurden verletzt. Polizisten seien auf einer Brücke oberhalb des Platzes aufmarschiert und hätten von dort mit Tränengas geschossen, berichtet der 17-jährige Dschafar Dschafar. Dann rückten sie durch die beissenden Schwaden rasch vor: «Sie griffen unsere Zelte an und prügelten uns mit Schlagstöcken.»

Frauen und Kinder unter den Demonstranten

«Die sind gekommen, sobald die Medien weg waren. Die wussten genau, was sie taten», sagt Mahmud Mansuri. «Wir schrien: 'Wir sind friedlich! Friedlich!' Die Frauen und Kinder wurden genauso angegriffen wie wir alle.» Viele Familien wurden in dem Durcheinander getrennt. Ein AP-Fotoreporter sah, wie die Polizei verirrte Kinder einsammelte und zu Fahrzeugen brachte.

Der 22-jährige Hussein Abbas wurde von einem Handy-Anruf seiner Frau geweckt, die ihn vor einem bevorstehenden Polizeieinsatz warnen wollte. «Dann plötzlich war der Platz voller Tränengaswolken. Die Frauen schrien ... Welcher Herrscher tut seinem Volk so etwas an? Wir hatten Frauen und Kinder dabei!»

Noch wenige Stunden zuvor hatte in der Zeltstadt eine fröhliche und zuversichtliche Stimmung geherrscht. Unter dem 90 Meter hohen Perlenmonument, einem Denkmal zur Erinnerung an die Glanzzeiten der Perlenfischerei in Bahrain, wurde Tee getrunken, gegessen und Wasserpfeife geraucht. Männer und traditionell schwarz gewandete Frauen sassen meistens getrennt. Jugendliche trugen die rot-weisse Nationalflagge um die Schultern.

Schläger sprachen Urdu

Als das Lager am Morgen ohne grosse Warnung gestürmt wurde, kümmerte sich Doktor Sadek Akikri in einem provisorischen Lazarettzelt gerade um kranke Demonstranten. Er sei gefesselt, schwer verprügelt und dann mit anderen zusammen in einen Bus verfrachtet worden, berichtet der 44-Jährige. «Sie haben mich so sehr geschlagen, dass ich nichts mehr sehen konnte, so viel Blut rann mir vom Kopf», sagt er. «Ich brüllte 'Ich bin Arzt, ich bin Arzt!'. Aber sie hörten nicht auf.»

Die Polizisten, die ihn schlugen, sprachen nach seinen Angaben Urdu - die häufigste Sprache in Pakistan. Ein Hauptanliegen des Protests richtet sich gegen die Praxis des sunnitischen Regimes, Glaubensgenossen aus anderen Ländern der Region einzubürgern. Die Demonstranten sehen darin den Versuch, das demografische Übergewicht der schiitischen Bevölkerungsmehrheit aufzuwiegen. Viele der neuen Staatsbürger werden von den Sicherheitskräften angestellt.

Akriki berichtet, er und die anderen aus dem Bus seien auf einer Autobahnbrücke abgesetzt und weiter verprügelt worden. Er habe das Bewusstsein verloren, aber vorher noch gehört, wie ein Polizist auf Arabisch gesagt habe: «Hört auf, ihn zu schlagen. Der ist tot. Lassen wir ihn einfach hier liegen.»

Panzer auf den Strassen

Krankenhausmitarbeitern zufolge wurden am frühen Donnerstagmorgen vier Menschen getötet. Zu Dutzenden kommen Verletzte ins Salmanija-Krankenhaus in Manama. Viele haben klaffende Wunden, Knochenbrüche und Atembeschwerden vom Tränengas. Vor der Klinik skandieren Demonstranten: «Das Regime muss weg!».

Noch Stunden nach dem Polizeieinsatz kommt es immer wieder zu vereinzelten Zusammenstössen zwischen Polizei und Demonstranten. Die Zufahrtsstrassen zum Platz der Perle sind mit Stacheldraht abgeriegelt, bewaffnete Patrouillen durchstreifen die Umgebung. Erstmals ist auch das Militär mit Panzern und Panzerwagen präsent. Das öffentliche Leben im kleinen Königreich Bahrain am Persischen Golf ist praktisch lahmgelegt. Berufstätige kommen nicht durch die Strassensperren oder trauen sich gar nicht aus dem Haus. Banken und andere wichtige Einrichtungen blieben geschlossen. Das Innenministerium warnt die Einwohner per SMS, «wegen möglicher Auseinandersetzungen überall in Bahrain» nicht auf die Strasse zu gehen.

sda/dapd/jak

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