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Flüchtlinge quartieren sich in Ferienwohnungen ein

Nach der Flucht vor dem Bürgerkrieg leben Tausende Libyer im Exil. Sie sorgen sich um zurückgebliebene Angehörige, das Geld geht ihnen aus, und sie fragen sich, ob sie jemals nach Hause zurückkehren können.

Die libyschen Flüchtlinge erfahren von Stammesvertretern grösstmögliche Solidarität: Flüchtlinge bei ihrer Ankunft in Ägypten.
Die libyschen Flüchtlinge erfahren von Stammesvertretern grösstmögliche Solidarität: Flüchtlinge bei ihrer Ankunft in Ägypten.
Keystone

Rund 100'000 Libyer sind seit Beginn der Kämpfe zwischen Aufständischen und regimetreuen Truppen von Staatschef Muammar al-Ghadhafi vor fast zwei Monaten in die Nachbarländer Ägypten und Tunesien geflohen. Ein grosser Teil des Grenzverkehrs sei Routine und führe in beide Richtungen, erklären Experten. Doch vergangene Woche erst schlichen sich Hunderte Frauen und Kinder auf Nebenstrassen durch die Wüste nach Tunesien, um Ghadhafis Männern auszuweichen. In Ägypten sind praktisch über Nacht Gemeinden von Exil-Libyern in Alexandria und dem Badeort Marsa Matruh entstanden.

«Wir können überhaupt nichts tun»

Dort fanden sie Hilfe und Unterkunft teils in leerstehenden Ferienwohnungen. Ihre Tage verbringen die Flüchtlinge damit, im Fernsehen den Nachrichten von zu Hause zu lauschen und sich Sorgen zu machen. «Unsere Gemütslage lähmt uns», erklärt Nasser Abdel Rahim. «Wir können überhaupt nichts tun.» Der Chemieingenieur hat acht Kinder. Die beiden Ältesten, 19 und 20 Jahre alt, sitzen in Misrata fest. Am 18. März hat er zuletzt von ihnen gehört.

Auch von einigen anderen Kindern war der Familienvater Ende Februar getrennt worden. Er hatte sie daheim in Ras Lanuf gelassen, um seine Frau von der Entbindung in einer anderen Stadt abzuholen. Als sie aus dem Krankenhaus zurückkamen, hatten Ghadhafis Soldaten die Strasse gesperrt. Schliesslich fand die Familie in Benghazi bei Verwandten wieder zusammen. Am 19. März beschossen Regierungstruppen die Gegend: Häuser in der Nähe wurden zerstört, Anwohner von Schüssen und Splittern getroffen und mehrere Kinder Abdel Rahims durch Glasscherben verletzt.

«Ein Geschenk des ägyptischen Volks»

Sie packten zusammen, flüchteten nach Alexandria und mieteten sich dort ein. Der Weg nach Osten ist frei, Libyer brauchen kein Visum und viele haben Verwandtschaft dort. Sorgen machen Abdel Rahim nicht nur seine beiden Ältesten, sondern auch die ebenfalls in Libyen gebliebenen Schwiegereltern und die finanzielle Lage der Familie. Umgerechnet rund 2.300 Euro hatte er dabei und ist jetzt fast pleite, obwohl auf dem Weg wohltätige Gruppen und Freiwillige mit Unterkunft und Essen aushalfen.

Mangels organisierter Hilfe finden Flüchtlingsfamilien vor allem Unterstützung durch das Netz von Stammesbeziehungen in der Küstenregion. Abordnungen der Stämme warten am Grenzübergang Salum und bieten Ankömmlingen Telefonnummern von Freiwilligen in Marsa Matruh an, die ihnen eine Unterkunft verschaffen können. «Sie lassen uns kein Geld ausgeben», sagt der Beamte Abu Omar, der mit Frau und Kindern aus Benghazi gekommen ist. «Sie besorgen uns Essen, fahren uns, bringen die Kinder zum Arzt.» Der Apotheker habe für das Medikament für seinen Sohn kein Geld nehmen wollen. «Er sagte, es sei ein Geschenk des ägyptischen Volks. Wir sind dankbar.»

Einheimische quartieren Flüchtlinge in Ferienwohnungen ein

Farag al Abed, ein Stammesführer in Marsa Matruh, hat Hilfe für rund 8.000 Libyer organisiert. Einheimische stellten gratis 450 freie Ferienwohnungen zur Verfügung, bis im Mai die Urlauber kommen. Grundnahrungsmittel wie Reis, Zucker, Speiseöl und Tee wurden für die Gäste aus Libyen gespendet.

Auch zwischen Libyen und Tunesien herrscht reger Grenzverkehr. Vergangenen Donnerstag etwa kamen 1700 Libyer an, während 900 andere mit Proviant und Medikamenten nach Hause zurückkehrten, wie Mongi Slim vom tunesischen Roten Halbmond berichtet. Andere flüchten offenbar aus Angst um ihr Leben: Mehr als 320 Menschen, vor allem Familien, trafen an diesem Tag über eine kleine Nebenstrasse nahe des Grenzorts Dehiba ein. Sie kamen aus bombardierten Orten wie Sintan und Nalut. Aufgrund ihrer Berichte werde erwartet, dass in den nächsten Tagen weitere Familien an gleicher Stelle über die Grenze kommen wollten, sagt Slim. Helfer sind mit Zelten und Hilfsgütern unterwegs nach Dehiba.

Karin Laub und Diaa Ha

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