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Ein Diktator made in USA

Am Dienstag kündigte der jemenitische Präsident Ali Abdullah Saleh seinen Rücktritt an. Während diese Meldung die Bevölkerung aufatmen lässt, sprechen die USA von einem «grossen Verlust».

Die Rolle der USA wird im Jemen angezweifelt: Regierungsgegner mit Transparent.
Die Rolle der USA wird im Jemen angezweifelt: Regierungsgegner mit Transparent.
Keystone

Seit zwei Jahren pflegt die US-Regierung eine Zweckbeziehung zum Jemen: Sie sorgt für Waffen und Geld, und die jemenitische Führung hilft im Kampf gegen al-Qaida oder lässt zumindest die USA machen. In Zukunft dürfte es deutlich unbequemer werden.

Kaum eine der Umwälzungen in der arabischen Welt kann der amerikanischen Terrorabwehr so unmittelbar schaden wie die Unruhe im Jemen, wo einer der aktivsten Zweige al-Qaida seine Basis hat. Wie das Regime von Präsident Ali Abdullah Saleh schwächelt, so auch der Einfluss Washingtons.

Nach wochenlangen Protesten kündigte Saleh am Dienstag seinen Rücktritt zum Jahresende an. «Für die Terrorabwehr wird das ein grosser Verlust», sagte ein früherer Analytiker im US-Aussenministerium, Wayne White.

Nachfolger erbt Probleme

Wer immer Saleh nachfolgt, erbt ein Land am Rande des Scheiterns. Im Süden kämpfen Aufständische um Unabhängigkeit, im Norden trugen Rebellen einen Stellvertreterkrieg zwischen dem Iran und Saudiarabien aus, in den Gewässern treiben sich Piraten herum. Die Hälfte der Einwohner sind Analphabeten, ein Drittel ist arbeitslos. Trinkwasser ist knapp; die Bevölkerung wächst schneller als die Infrastruktur.

Angesichts dessen wird es das Hauptproblem der USA sein, den nächsten Machthaber zu überzeugen, den unpopulären Feldzug gegen das Terrornetzwerk fortzusetzen. Der als möglicher Präsident genannte Oppositionspolitiker Scheik Hamid al Ahmar hat al-Qaida im Jemen als Erfindung von Salehs Regierung abgetan. Washington hingegen betrachtet die Gruppe als ernsthafteste Terrorgefahr für die USA.

Die al-Qaida auf der arabischen Halbinsel, wie sie sich nennt, zählt schätzungsweise 300 Mann, die sich in unzugänglichen Stammesgebieten verborgen halten. Die Gruppe steckte hinter den versuchten Anschlägen auf US-Frachtflugzeuge und eine Passagiermaschine an Weihnachten 2009. Daraufhin verstärkten die USA ihre Luftangriffe im Jemen und ermutigten Saleh zu eigenen Kommandounternehmen. Die Hilfe für Jemen wurde mehr als verdoppelt, Eliteeinheiten bildeten jemenitische Terrorabwehrspezialisten aus, Sicherheitsexperten rüsteten die Flughäfen auf.

«Wir wissen nicht, wer das Sagen hat»

Voriges Jahr richtete die CIA eine neue Abteilung für al-Qaida im Jemen und Al Schabab in Somalia ein. Die CIA-Vertretung in Sanaa wurde über die letzten Jahre von ein paar Dutzend Leuten auf ein Vielfaches aufgestockt. Dennoch haben die USA immer noch keine klare Vorstellung, wie die jemenitische Regierung ohne Saleh aussehen würde. Die Führung gibt sich verschlossen, im Hintergrund ziehen Stämme und ihre Führer die Fäden.

«Ich glaube nicht, dass wir wissen, wer im Jemen das Sagen hat und was sie denken», sagt der Wissenschaftler Christopher Boucek von der Carnegie-Stiftung für Internationale Friedenspolitik. «Ich glaube nicht, dass wir viel darüber wissen, wer sie sind, wie sie miteinander zusammenhängen, wie ihre familiären Beziehungen sind.»

Kürzlich legte der Wissenschaftliche Dienst des Kongresses den Abgeordneten eine 48 Seiten umfassende Lageanalyse vor. Eines der ersten Themen war die Frage, wer Saleh ablösen könnte. Doch ihr galten ganze zwei Absätze, vorwiegend Spekulationen. «Derzeit gibt es keine wirklich einvernehmliche Alternative zu Präsident Saleh», heisst es darin. «Die Sicherheitskräfte werden von Mitgliedern seiner weiteren Verwandtschaft geführt, und sie alle zu stürzen, könnte zu Bürgerkrieg und dem Zerfall es Landes führen.»

Keine Lösung wäre die schlechteste Lösung

Komplizierter wird die Suche nach einem neuen Partner im Jemen dadurch, dass eine treibende Kraft hinter dem Protest die fundamentalislamistische Oppositionspartei Islah ist. Deren geistlicher Führer Scheik Abdel Madschid al Sindani steht auf einer US-Terrorliste und soll ein Getreuer Osama bin Ladens sein. Zwar wird Islah nach Expertenmeinung heute von der Gegnerschaft Saleh gegenüber zusammengehalten. Doch ihre Verbindung zu Al Sindani würde es den USA schwerer machen zu rechtfertigen, dass zur Bewaffnung oder Stabilisierung eines Islah-geführten Jemens mehr Geld ausgegeben wird.

Die für Washington wohl schlimmstmögliche Antwort auf die Frage, wer Saleh nachfolgen soll, wäre wohl: niemand. Ein Bürgerkrieg, eine Reihe erfolgloser Staatschefs oder ein gescheiterter Staat würde al-Qaida noch mehr Bewegungsfreiheit und Zufluchtsmöglichkeiten verschaffen. Je wüster es im Jemen zugeht, desto schwerer hätte es eine Regierung, sich auch noch um die Terrorbekämpfung zu kümmern.

(dapd)

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