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Der Revolutionsführer demonstriert Kampfeslust

Die heutige Rede demonstrierte einmal mehr: Muammar al-Ghadhafi ist zu keinem Kompromiss bereit. Der libysche Machthaber ist gewillt, «bis zum letzten Blutstropfen» zu kämpfen.

Bizarrer Auftritt: In seinem ersten Fernsehauftritt nach Beginn der Proteste erschien Ghadhafi mit einem Regenschirm und einer Art Jägerkappe über den Ohren, 22. Februar 2011.
Bizarrer Auftritt: In seinem ersten Fernsehauftritt nach Beginn der Proteste erschien Ghadhafi mit einem Regenschirm und einer Art Jägerkappe über den Ohren, 22. Februar 2011.
Keystone
Afrikas dienstältester Herrscher: Nach 42 Jahren an der Macht wackelt Muammar al-Ghadhafis Thron.
Afrikas dienstältester Herrscher: Nach 42 Jahren an der Macht wackelt Muammar al-Ghadhafis Thron.
Keystone
Seine Staatsideologie begründete Ghadhafi in seinem «Grünen Buch» – korrekt al-Kitab al-achdabis. Es begründet eine islamische Version des Sozialismus. Bis heute übergibt Ghadhafi es Staatsgästen und Diplomaten als Geschenk.
Seine Staatsideologie begründete Ghadhafi in seinem «Grünen Buch» – korrekt al-Kitab al-achdabis. Es begründet eine islamische Version des Sozialismus. Bis heute übergibt Ghadhafi es Staatsgästen und Diplomaten als Geschenk.
Keystone
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In einer Ansprache gab Muammar al-Ghadhafi heute Morgen seinem Ärger über die Angriffe der Alliierten Luft. «Ihr dürft unser Land nicht betreten», drohte der aufgebrachte Machthaber libyschen Staatsfernsehen. «Wir haben Allah hinter uns, ihr den Teufel. Ihr werdet sterben wie einst Hitler und Mussolini», richtete sich Ghadhafi an die westlichen Präsidenten.

Der Despot ist zudem überzeugt, dass das gesamte libysche Volk hinter ihm stehe. Alle Frauen und Männer des Landes hätten sich vereint und greifen nun zu den Waffen - «das Feuer ist eröffnet, wir haben keine Angst vor euren Bomben», sagte Ghadhafi. Libyen werde für Europäer und Amerikaner ab sofort zur Hölle werden. «wir versprechen euch einen langen Krieg», sagte Ghadhafi.

«Ich mache das Mittelmeer zu einem wahren Schlachtfeld»

Libyens Machthaber Muammar al-Gaddafi ist sowohl für seine langen Reden als auch für improvisierte Auftritte bekannt. Am Samstagabend fasste er sich kurz und verlas offenbar einen vorbereiteten Text.

Er werde das Mittelmeer zu einem «wahren Schlachtfeld» machen, drohte er nach dem Beginn der internationalen Militäroffensive, mit der eine Flugverbotszone über seinem Land durchgesetzt werden soll. Das libysche Volk werde gegen die «ungerechtfertigte Aggression der Kreuzritter» kämpfen, er habe die «Waffendepots geöffnet, um die libyschen Massen zu bewaffnen».

Während sich die Staatschefs von Libyens Nachbarländern Tunesien und Ägypten dem Druck der Massen beugten und zurücktraten, zeigte sich Ghadhafi völlig unbeeindruckt von den Protesten im eigenen Land. «Muammar al-Gaddafi ist für immer Revolutionsführer, Muammar al- Ghadhafi hat keinen offiziellen Posten, von dem er zurücktreten könnte», sagte er und schwang dazu die rechte Faust.

«Mein ganzes Volk liebt mich», versicherte er in einem Interview. Seine Landsleute «würden sterben, um mich zu beschützen». Die Demonstranten liess er von treu ergebenen Milizen und Söldnern niederschiessen und brachte sein Land an den Rand eines Bürgerkriegs.

«Kämpfen bis zum letzten Blutstropfen»

Wochenlang rang die internationale Gemeinschaft um eine gemeinsame Antwort, am Donnerstag erfolgte das UNO-Mandat für eine militärische Intervention. Und plötzlich ging alles ganz schnell.

Doch ob und wie schnell sich Ghadhafi angesichts der Luftangriffe geschlagen geben wird, ist offen. «Ich werde bis zum letzten Tropfen meines Blutes kämpfen», verkündete er im Februar. Mit fast 42 Jahren Regierungszeit ist Ghadhafi Afrikas dienstältester Herrscher. Er selbst nannte sich deshalb den «König der afrikanischen Könige».

Er wurde nach eigenen Worten 1942 in einem Beduinenstamm in der Wüste nahe der Stadt Surt geboren, putschte sich im September 1969 unblutig an die Macht und rief wenige Jahre später den «Staat der Massen» aus, der sich selbst regieren soll, weshalb Ghadhafi sich nie Staatschef nennen liess.

Kamelmilch und Uniformen

Zu den harmlosen Sonderlichkeiten des 68-jährigen Revolutionsführers gehört dasberühmte Beduinenzelt, das er selbst zu Staatsbesuchen ins Ausland mitnimmt, weil er nicht in einem Haus schlafen mag. Eine weitere Schrulle des Revolutionsführers ist die frische Kamelmilch, auf die er morgens nicht verzichten mag, weshalb immer auch einige Kamelstuten mit ins Flugzeug müssen.

Aussagekräftiger ist seine Vorliebe für ausgefallene Uniformen, denn seine Herrschaft festigte Ghadhafi mit eiserner Hand. Politische Gegner wurden gnadenlos unterdrückt.

Zugleich achtete er bei der Verteilung von Macht und Posten auf die komplizierte Stammesstruktur seines Landes. Ablehnung und Protest war Ghadhafi daher bisher nur ausserhalb seiner Heimat gewohnt.

Wegen Terroranschlägen geächtet

Zum international Geächteten wurde Ghadhafi nach einer Serie von Anschlägen, die seinem Regime zugeschrieben wurden: Im April 1986 starben bei einem Anschlag auf die Berliner Disco «La Belle» drei Menschen, mehr als 230 weitere wurden verletzt.

Zwei Jahre später explodierte über dem schottischen Lockerbie ein US-Flugzeug und riss 270 Menschen in den Tod. Im Jahr darauf starben 170 Menschen beim Absturz einer französischen Maschine in Niger.

Anfang der 90er Jahre verhängten die Vereinten Nationen ein Handelsembargo. Jahrelang hielt Ghadhafi dem Druck stand, doch im Frühjahr 2003 entschädigte er dann die Opfer der beiden Flugzeuganschläge, wenig später schwor er öffentlich seinem Rüstungsprogramm ab. Im folgenden Jahr zahlte die Gaddafi-Stiftung auch Entschädigung an die Opfer des La-Belle-Anschlags.

Damit vollzog Ghadhafi eine radikale Kehrtwende und streckte die Hand nach dem Westen aus. Libyen wurde wieder hoffähig, die UNO hob das Embargo auf. Internationale Konzerne standen fortan in Tripolis Schlange, um Geschäfte mit dem viertgrössten afrikanischen Ölproduzenten einzufädeln. Doch diese Zeiten sind jetzt wieder vorbei.

SDA/mrs

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