Was in Ägypten anders war

Sarah Farag erlebte den Umsturz in Ägypten hautnah: Die Zürcherin protestierte täglich gegen das Regime. Und sieht Unterschiede zum Aufstand in Libyen.

Sarah Farag: «Zum ersten Mal seit vielen Jahren sind sie wieder stolz, Ägypter zu sein.»

Sarah Farag: «Zum ersten Mal seit vielen Jahren sind sie wieder stolz, Ägypter zu sein.»

(Bild: Nicola Pitaro)

Guido Kalberer@tagesanzeiger

Vor sechs Wochen sind Sie in ein Land geflogen, das es heute so nicht mehr gibt. Sie kamen vor wenigen Tagen nach Zürich zurück. Haben Sie manchmal das Gefühl, am falschen Ort zu sein?
Ein wenig schon. Dieses Mal war es besonders schwierig, Ägypten zu verlassen. Seit der Revolution bin ich diesem Land und seinen Leuten noch stärker verbunden. Zum ersten Mal erlebten wir das Land voller Hoffnung und Zuversicht. Da die Korruption die Basis von allem war, wird der Neuaufbau des Landes allerdings nicht einfach werden.

Sie waren täglich auf dem zentralen Tahrir-Platz und demonstrierten. Hatten Sie keine Angst?
Nein. Die Lage in Ägypten war anders als heute in Libyen, die Armee spielt eine entscheidend andere Rolle. In Ägypten hat man grosses Vertrauen in die Armee – sie ist eine nationale Armee zum Schutz des Volkes und des Landes. Obwohl die Militäroffiziere unter dem Regime von Mubarak profitierten, haben sie das Land immer in erster Linie geschützt und keine Entscheidungen dagegen getroffen.

Die Polizisten aber schon.
Die Polizisten und die ehemaligen Polizeisoldaten sowie die angeheuerten Schlägertrupps gingen äusserst brutal gegen die Demonstranten vor. Bereits am ersten Tag der Demonstrationen, am 25. Januar, habe ich verletzte Leute auf dem Tahrir-Platz gesehen. Es handelte sich dabei stets um Kopfverletzungen, herbeigeführt durch gezielte Schläge und Schüsse. Ich habe selber gesehen, wie Polizisten unverhältnismässig gewalttätig gegen friedlich demonstrierende Menschen oder gegen Passanten vorgegangen sind.

Sie waren mit Ihrem Mann, einem Ägypter, unterwegs.
Ja. Als wir auf Facebook den Aufruf zu den Demonstrationen in Ägypten lasen, waren wir zuerst unsicher, ob sich überhaupt viele Leute versammeln würden. Ich war vor anderthalb Monaten in Kairo angekommen, zu einer Zeit, als noch nichts deutlich auf diese rasanten Veränderungen hinwies. Die Lage war ruhig, aber es war eine unterdrückte Ruhe. Gebrodelt hat es schon seit langem. Die Armut war mit Händen zu greifen: Etwa 40 Prozent der Menschen leben unter der Armutsgrenze. Diese prekäre Situation hat sich durch die massive Erhöhung der Lebensmittelpreise zugespitzt.

Weshalb hat das Regime die Preise erhöht?
Die Regierung versuchte an die äusserste Grenze zu gehen. Sie nahm an, das ägyptische Volk würde sich alles gefallen lassen. Das Regime ging davon aus, dass es dem Volk Passivität und Schweigen beigebracht hatte. Offensichtlich war diese Annahme falsch. Bei den Protesten ging es aber nicht nur um Nahrungsmittelpreise, sondern in erster Linie um die Unterdrückung und die desolate Situation im Allgemeinen: Neben der Armut, der grossen Arbeitslosigkeit und der Korruption sind es auch die fehlenden Mitsprache- und Entscheidungsmöglichkeiten, welche die Jugendlichen erzürnten. Und das in einem Land, in dem über die Hälfte der Bevölkerung unter 25 Jahre alt ist.

Wie sieht ihre Situation aus?
Viele sehr gut ausgebildete Menschen haben keine vernünftige oder würdevolle Arbeit. Viele Jugendliche haben keine Aussicht, je einen Job zu bekommen, mit dem sie ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Zudem herrscht grosse Wohnungsnot; die Mieten sind kaum bezahlbar. Kurz: Die Jugend sah keine Chance, ihr Leben eigenmächtig und frei zu gestalten.

Das war doch vorher schon so. Wieso bricht sich diese Frustration gerade jetzt Bahn?
Es ist fast unmöglich, zu sagen, was genau die Revolution ausgelöst hat. Es gab keinen unmittelbaren Anlass für die Demonstrationen. Sicherlich kann man Gründe dafür anführen: zum Beispiel die Parlamentswahlen im letzten Sommer, die die herrschende Partei wie üblich fälschte. Mit Handykameras wurde gefilmt, wie Urnen weggetragen und entsorgt wurden. Die neuen Technologien und Medien spielen zweifellos eine wichtige Rolle: Alles wird gefilmt, ins Netz gestellt und weiterverbreitet – von Jugendlichen, die zwar arm sind, aber stets ein Handy griffbereit haben.

Haben die neuen Technologien diese Revolution erst ermöglicht?
Ja, wir sind eine Facebook-Generation, dies ist eine Facebook-Revolution. Die sozialen Netzwerke haben es den Jugendlichen ermöglicht, sich zu versammeln, sich auszutauschen und frei zu kommunizieren – all das, was mit der beschnittenen Meinungsfreiheit nicht möglich war. Als wir am Anfang der Umwälzungen einen Facebook-Eintrag mit dem Aufruf zur Revolution fanden, konnte noch niemand voraussehen, wie sich alles entwickeln würde. Allerdings war nach den gewalttätigen Antworten vonseiten der Polizei auf die ersten friedlichen Demonstrationen klar, dass die Bewegung nicht stoppen würde.

Was machte Sie da so sicher?
Als vor längerer Zeit bekannt geworden war, dass Gamal Mubarak im nächsten Sommer die Führung des Landes von seinem Vater übernehmen würde, konnten die Ägypter nicht akzeptieren, dass es einfach so weitergehen sollte. Die Entwicklungen in Tunesien liessen die Leute Mut schöpfen – das hat die Revolution schliesslich ermöglicht.

Sind die Veränderungen nachhaltig?
Ja. Das Ägypten nach dem 25. Januar ist nicht mehr das Ägypten davor. Dieser Tag hat die Menschen verändert, die vorher immer in Angst und Schweigen gelebt haben. Lange Zeit haben Hoffnungslosigkeit und Angst die Menschen gelähmt. Die Volksbewegung hat alle geeint, und Kategorien wie Geschlecht oder Religion, Herkunft oder Beruf zählten nicht mehr. Was allein zählte, war die Tatsache, Ägypter zu sein.

Wir sind das Volk . . .
. . . zum ersten Mal seit vielen Jahren sind sie wieder stolz, Ägypter zu sein. Vorher hat man sich dafür eher geschämt.

Wieso geschämt?
Weil das ehemals grosse Ägypten, wirtschaftlich, politisch und kulturell der wichtigste Staat im Nahen Osten, in den letzten Jahrzehnten viel an Ansehen verloren hat. Der nationale Stolz, die nationale Würde waren abhandengekommen. Auf den Strassen sah ich zahlreiche Demonstranten, die ihren Pass stolz in die Höhe hielten. Zum ersten Mal verspüren sie wieder Hoffnung und erleben, dass der Einzelne viel zum Aufbau und zur Verbesserung des Landes beitragen kann. Man erfährt, was es heisst, Verantwortung für sein Land und seine Zukunft zu übernehmen. Das ist eine zentrale Erkenntnis, welche die Leute in Ägypten gewonnen haben.

Wie sieht die Situation jetzt aus?
Die Lage hat sich mehrheitlich beruhigt, aber immer noch sind für jeden Freitag Demonstrationen auf dem Tahrir-Platz angekündigt, um den Forderungen Nachdruck zu verleihen. Verschiedene Gruppierungen nehmen daran teil, aber einen Oppositionsführer im engeren Sinne gibt es nicht. Viele beschreiben die revolutionäre Bewegung als einen «Körper ohne Kopf». Nun steht ein langer und schwieriger Prozess bevor, bis die neue Verfassung einer Parlamentarischen Demokratie nach westlichem Vorbild steht. Ich bin optimistisch und sehe dieser Entwicklung positiv entgegen.

Merkt man diese Stimmungin der Stadt?
Es gibt einen frischen Wind, einen spürbaren Optimismus vor allem bei den Jugendlichen. Sie streichen den ganzen Tahrir-Platz neu – eine symbolische Geste für den Anbruch einer neuen Zeitrechnung.

Gibt es ein Zurück?
Nein, absolut nicht. Der Nahe Osten wird nie mehr so sein, wie er einmal war. Wenn Ägypten es schafft, ein demokratisches System einzuführen, wird dies die ganze Region entscheidend verändern. Die Zeit der Despoten in Nordafrika ist vorbei. Der Druck auf die Regimes wird so schnell nicht nachlassen – dessen ist man sich endlich bewusst. Die Revolution in Ägypten ist erst der Anfang.

Sarah Farag (26) studierte in Zürich Islamwissenschaften. Sie ist Assistentin am Orientalischen Seminar der Universität Zürich. Sie ist mit einem Ägypter verheiratet und lebt in Kairo und Zürich.

Tages-Anzeiger

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