Libyens Aufständische brauchen die Kameras

Die Katastrophe in Japan hat den Fokus der internationalen Medien von Libyen abgezogen. Weshalb die wieder erwachte Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit wichtig ist, erklärt Medienforscher Patrick Ettinger.

«Kriege werden auch in der Medienarena ausgetragen»: Reporter der «New York Times» fliehen vor Ghadhafis Bomben. Von den vier Journalisten fehlt seit drei Tagen jede Spur.

«Kriege werden auch in der Medienarena ausgetragen»: Reporter der «New York Times» fliehen vor Ghadhafis Bomben. Von den vier Journalisten fehlt seit drei Tagen jede Spur.

(Bild: Reuters)


Wie wirkt sich das Ausmass des öffentlichen Interesses auf die Ereignisse in Libyen aus? Wie die Diskussion um eine Flugverbotszone zeigt, hat der Konflikt in Libyen auch eine internationale Komponente. Darum ist die internationale Medienresonanz für beide Konfliktseiten von Bedeutung. Wenn die Weltöffentlichkeit auf Libyen blickt, steigt die Chance, dass Menschenrechtsverletzungen publik werden. Dies wiederum erhöht den Druck auf internationale Akteure wie die Nato und die UNO, Position zu beziehen. Dies liegt im Interesse der Aufständischen. Umgekehrt hat Ghadhafi, nachdem die Strategie, die Aufständischen als Islamisten zu diskreditieren, gescheitert ist, ein Interesse an möglichst wenig internationaler Aufmerksamkeit. Er profitierte von der fast vollständigen Verschiebung der Aufmerksamkeit nach Japan, um gewissermassen im Schatten der Weltöffentlichkeit seine militärischen Machtmittel uneingeschränkt einzusetzen.

Das heisst, dass die Weltpolitik sich aus Libyen zurückzieht, wenn die Medienberichterstattung abnimmt? Das heisst, dass der Druck, Lösungsvorschläge zu präsentieren, abnimmt. Natürlich orientieren sich Regierungen nicht nur an der öffentlichen Meinung. Da aber politisches Handeln in demokratischen Gesellschaften in der öffentlichen Kommunikation legitimiert werden muss, können sie Themen, die eine hohe Aufmerksamkeit erlangen, nicht einfach ignorieren.


Folglich sind die Medien nicht nur Beobachter, sondern beeinflussen über die Intensität der Berichterstattung den Verlauf von Kriegen und Krisen? Kriege sind legitimationsbedürftig. Deshalb kämpfen die Konfliktparteien nicht nur auf dem Schlachtfeld sondern sie kämpfen auch um Definitionsmacht in einer internationalen Medienarena. Was das bedeutet, lässt sich an einem Gedankenspiel aufzeigen: Wäre es Ghadhafi gelungen, die Aufständischen als Al-Qaida-Kämpfer erscheinen zu lassen, so hätten wir heute wahrscheinlich keinen Beschluss des UN-Sicherheitsrates für eine Flugverbotszone. Die Dynamik von Krisen und Kriegen wird also – neben den involvierten Interessen und den vorhandenen Machtmitteln – auch durch ein Wechselspiel zwischen Politik und Medien bestimmt. Das beginnt schon bei der Frage, ob ein Konflikt in den Fokus der Weltöffentlichkeit gerät. Nicht jeder Krieg erhält gleich viel Aufmerksamkeit. Viele Bürgerkriege in Afrika, wie jüngst beispielsweise jener an der Elfenbeinküste, waren wesentlich blutiger als die Aufstände in Libyen. Trotzdem bekommen wir hier wenig davon mit.
Was bestimmt denn die Wichtigkeit eines bestimmten Krieges? Die Aufmerksamkeit für Kriege und Konflikte wird stark über die Beziehungen gelenkt, die zu den jeweils dominanten Themen und Ereignissen in einer nationalen Arena hergestellt werden können: Libyen ist ein wichtiger Öl-Lieferant, in der Schweiz erinnert man sich noch gut an die Krise um Hannibal Ghadhafi und die Schweizer Geiseln und die zu Beginn des Konflikts vorausgesagten Flüchtlingsströme aus Nordafrika waren anschlussfähig an die Diskussion um die Ausländerpolitik, die ein grosses Thema im Vorfeld der eidgenössischen Wahlen im Oktober ist.
Wären die Revolutionen in Tunesien und Ägypten auch gelungen, wenn der Rest der Welt nicht hingeschaut hätte? Ich würde schon sagen, dass insbesondere Ägypten gezeigt hat, wie viel Gewicht die öffentliche Meinung hat. Mubarak konnte lange auf die Unterstützung der Regierung der USA zählen, weil er als wichtiger Verbündeter im Kampf gegen den Terrorismus galt. Als die Proteste begannen, hat er deshalb Ängste vor einer islamistischen Machtübernahme geschürt. Doch als sich unter intensiver Beobachtung internationaler Medien das Bild einer friedvollen und vielfältigen Demokratiebewegung auf dem Tahrir-Platz etablierte, sah sich die Administration Obama gezwungen, Position zu beziehen. Und als die USA Mubarak ihre Unterstützung entzogen, verlor er auch wichtige Stützen innerhalb des Landes. Wären die Medien gerade in den ersten Phasen der Revolution nicht so stark auf Ägypten fokussiert gewesen, hätte Mubarak im Schatten der Weltöffentlichkeit möglicherweise mehr Gewalt angewendet und die Revolution hätte sich anders entwickelt.
Wie mächtig sind Medien? Medien haben Macht, weil sie Öffentlichkeit herstellen und die Aufmerksamkeit auf bestimmte Vorgänge und Probleme lenken können. Damit lässt sich die politische Agenda demokratischer Staaten beeinflussen. Aber Medien sind natürlich nicht allmächtig. Wie etwa die Niederschlagung der chinesischen Demokratiebewegung auf dem Tiananmen-Platz gezeigt hat, kann die öffentliche Empörung bisweilen ein zu geringes Druckmittel im Machtpoker sein. Zudem sind Medien selbst wieder abhängig: von ökonomischen Rahmenbedingungen oder von der Verfügbarkeit von Quellen, die gerade in Konfliktsituationen schwierig zu überprüfen sind. Daher laufen Medien auch Gefahr, instrumentalisiert zu werden. In Libyen nährte Ghadhafi wie zuvor Mubarak die Angst des Westens vor al-Qaida, die Aufständischen rücken Geschichten von Menschenrechtsverletzungen in den Vordergrund, über die wir bis dahin noch kein gesichertes Wissen haben. Um die Vorgänge in Libyen besser zu verstehen, aber auch zum Schutz der libyschen Bevölkerung, ist daher eine differenzierte Berichterstattung elementar.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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