Zum Hauptinhalt springen

Brasiliens Ausnahmejahr

Im Jahr 2014 wird nicht nur Fussball Brasilien in den Bann ziehen. Auch politische Schlachten werden geschlagen, denn das WM-Jahr ist Wahlkampfjahr.

Auch beim Confed-Cup-Final setzte die Polizei Tränengas ein, um gegen die Demonstranten anzukämpfen. (30. Juni 2013)
Auch beim Confed-Cup-Final setzte die Polizei Tränengas ein, um gegen die Demonstranten anzukämpfen. (30. Juni 2013)
Keystone
Bei Demonstrationen während des Confederations-Cup-Halbfinals ging ein Auto in Flammen auf. (27. Juni 2013)
Bei Demonstrationen während des Confederations-Cup-Halbfinals ging ein Auto in Flammen auf. (27. Juni 2013)
Reuters
Gestiegene Fahrkartenpreise lösten die Proteste in Brasilien aus. (17. Juni 2013)
Gestiegene Fahrkartenpreise lösten die Proteste in Brasilien aus. (17. Juni 2013)
Keystone
1 / 17

Seit über sechs Jahren fiebert Brasilien der Fussball-WM entgegen. Die Frist ist um, 2014 muss geliefert werden. Rund zehn Milliarden Euro flossen und fliessen in das grösste Sportereignis der Fussballwelt. «Wir werden eine wunderbare WM ausrichten», darin waren sich Präsidentin Dilma Rousseff und ihr populärer Amtsvorgänger Luiz Inácio Lula da Silva stets einig. Politiker sonnen sich überall gerne im Erfolg ihrer Athleten, umso mehr in Brasilien, wo knapp drei Monate nach WM-Abpfiff Präsidentschaftswahlen anstehen.

Die grosse Unbekannte dürfte aber 2014 die Protestbewegung sein. Die hat nämlich 2013 wirkungsvoll ihre Kampagnenfähigkeit bewiesen. Während der WM-Generalprobe – dem Confed-Cup – gingen im Juni bis zu eine Million Menschen auf die Strasse. Sie protestierten zunächst erfolgreich gegen Fahrpreiserhöhungen, dann aber auch gegen Korruption, Misswirtschaft, die Milliardenausgaben für die WM, gegen Parteienfilz und die Missstände an Schulen und Hospitälern.

Protestbewegung unberechenbar

2013 gab einen Vorgeschmack darauf, was sich während der WM wiederholen könnte: «Brasilien geht auf die Strasse» – so lautete die Hauptschlagzeile des vorigen Sommers. Politik und Gesellschaft wie auch der Weltfussballverband Fifa waren höchst erstaunt, als sich der Widerstand übers Land massiv ausbreitete und in einigen Städten in Chaos, Randalen und Strassenschlachten mündete. Die Präsidentin verharrte zunächst in Schockstarre, legte dann einen nationalen Pakt auf und sprach an die Adresse der Demonstranten die wegweisenden Worte: «Ich höre euch!» Doch ihr Projekt einer Volksabstimmung über eine Politikreform wurde gleich kassiert, und auch ihre Versprechen für ein besseres Gesundheits- und Bildungswesen lassen sich nicht von heute auf morgen umsetzen. An Gründen für Proteste dürfte es 2014 nicht fehlen.

Rousseff, die das Präsidentenamt im Januar 2011 von Vorgänger Lula übernommen hatte, will am 5. Oktober 2014 ihre Wiederwahl erreichen. Nach den Protesten sackten ihre Zustimmungswerte drastisch ab. Mittlerweile sagen ihr Umfragen – knapp ein Jahr vor der Wahl – wieder einen Sieg im ersten Wahlgang voraus. Ihr Erfolg dürfte dabei weniger vom Ausgang der WM abhängen und vermutlich auch nicht von der Proteststärke, sondern vor allem von der Organisationskraft der verstreuten Opposition.

Gefährliches Fremdsonnen

Die auch über Brasilien hinaus bekannte Ex-Umweltministerin Marina Silva tritt 2014 für die Sozialisten als Vize von Präsidentschaftskandidat Eduardo Campos an. Mehr dürfte aber von Aécio Neves abhängen. Der 53-jährige Ex-Gouverneur des wirtschaftsstarken Bundesstaates Minas Gerais, heutiger Senator und Präsident der grössten Oppositionspartei PSDB, wird als Herausforderer gehandelt. Er könnte nach einer Umfrage vom 18. November immerhin mit 14 Prozent der Stimmen rechnen. Auf Campos entfielen sieben und auf Rousseff 43 Prozent.

Die Wahlstimmung dürfte in den letzten drei Monaten vor der Abstimmung entscheidend geprägt werden. Gelegenheit zum Fremdsonnen dürfte die Kandidatenschar bei der WM ausreichend haben. Doch Vorsicht, Falle: Rousseff wurde bei der Eröffnung des Confed-Cups in Brasília am 15. Juni dieses Jahres nicht gefeiert, sondern vor laufenden Kameras ausgepfiffen.

Das dürfte ihr am 31. März 2014 bei einem viel ernsteren Thema mit Sicherheit nicht passieren. Dann jährt sich der Militärputsch von 1964 zum 50. Mal, auf den eine rund 20-jährige Diktatur in Brasilien folgte. Rousseff war aktive Widerstandskämpferin, die für ihre Überzeugungen im Gefängnis sass und gefoltert wurde. Das wird ihr bis heute hoch angerechnet.

SDA/dae

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch