McTrauer

Facebook und Co. haben nach den Anschlägen in Paris sofort reagiert und bieten Möglichkeit zur schnellen Anteilnahme. Die Methoden sind umstritten.

Martin Sturzenegger@Marsjournal

Vergangenen Samstag in Zürich, Jugendliche auf dem Weg in den Ausgang: «Kommst du morgen auch an die Paris-Gedenkfeier auf dem Sechseläutenplatz?», fragt eine junge Frau ihren Kollegen. «Keine Zeit», erwidert der Angesprochene. Er habe schon länger mit seinem Freund für den ZSC-Match abgemacht. «Aber schau, dafür habe ich das hier», sagt der Jugendliche und hält seiner Kollegin das Smartphone unter die Nase. Darauf zu sehen: sein Profilbild, hinterlegt mit der französischen Tricolore. «Ich will das auch», sagt die junge Frau begeistert. Innerhalb weniger Sekunden richtet der Kollege ihr ein entsprechendes Profil ein. Auch sie erscheint nun in Blau, Weiss und Rot. «Äusserst praktisch», fügt der Kollege an und zeigt ihr die Funktion «zum vorherigen Profilbild wechseln». Ein Timer, der festlegt, wann die Flagge wieder wegsoll: nach einem Tag, drei Tagen, einer Woche oder nie. «Danach hast du dein normales Profilbild wieder zurück.» Die automatische Umstellung erfolgt von Kalifornien aus, dort wo sich der Hauptsitz von Facebook befindet.

«Danach hast du dein normales Profilbild wieder zurück.»Jugendlicher in Zürich

Der Jugendliche entschloss sich für eine Woche der Anteilnahme. Dass die digitale Trauerphase auch kürzer sein kann, machte der Facebook-Chef gleich selbst vor. Drei Tage lang hinterlegte Mark Zuckerberg sein lachendes Gesicht mit der Tricolore. Das reichte immerhin für mehr als 1,3 Millionen Facebook-Likes. Danach streifte er sein digitales Trauergewand wieder ab und kehrte zurück in den gewohnten Social-Media-Alltag. Sein nächster Post: ein geteilter Beitrag, der über die blühende Zukunft des Social-Media-Unternehmens referiert.

Vorübergehend mit Frankreichs Flagge hinterlegt: Das Facebook-Profilfoto von Mark Zuckerberg.

Zuvor präsentierte Zuckerberg noch eine weitere Facebook-Funktion: den Safety-Check, der nach dem Terroranschlag aktiviert wurde. Facebook-Nutzer, die sich zum Zeitpunkt des Anschlags in Paris befanden, wurden gefragt, ob sie ihre Freunde benachrichtigen wollen, dass sie in Sicherheit sind. In den 24 Stunden nach den Anschlägen markierten sich so 4,1 Millionen als «sicher», rund 360 Millionen Freunde und Angehörige wurden auf diese Weise benachrichtigt.

Die Funktion ist nicht neu. Doch bisher kam sie ausschliesslich bei Naturkatastrophen zum Einsatz: zum ersten Mal nach dem Erdbeben in Nepal vergangenen April. Danach beim Erdbeben in Chile, dem Hurricane Patricia und dem Erdbeben in Pakistan. Nun also zum ersten Mal nach einem Terroranschlag. Im Netz werden zurzeit folgende Fragen aufgeworfen: Weshalb gerade nach Paris? Warum nicht beim Anschlag in Beirut mit über 40 Toten? Sind die Opfer in Paris stärker zu betrauern als die zahlreichen Toten im Syrien-Krieg? Berechtigte Fragen. Denn eine syrische, libanesische, palästinensische oder israelische Flagge stellten die Macher von Facebook ihren trauernden Kunden bisher nicht zur Verfügung.

«Wir arbeiten hart, um Menschen bei ihrer Trauer zu helfen.»Mark Zuckerberg, Facebook-CEO

Zuckerberg liess die Kritik zum selektiven Trauerprozess grösstenteils unbeantwortet. Er liess am Samstag lediglich verlauten, dass der Safety-Check nun vermehrt eingesetzt werden soll: «Bis gestern aktivierten wir die Funktion nur nach Naturkatastrophen. Von nun an wollen wir den Safety-Check auch für andere menschliche Katastrophen einsetzen.» Genaue Bedingungen für eine Aktivierung gibt der Facebook-Chef nicht bekannt. Spielt die Anzahl Todesopfer eine Rolle? Oder die geografische Nähe zu den Facebook-Nutzern? Zuckerberg liess lediglich verlauten, dass Facebook sich um alle Menschen in gleicher Weise kümmern wolle: «Wir arbeiten hart, um Menschen bei ihrer Trauer und in möglichst vielen Situationen zu helfen.»

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Ob Freud oder Leid, Jubel oder Wut: Immer mehr Internetnutzer haben offenbar ein verstärktes Bedürfnis, ihre Emotionen mit anderen zu teilen. Mark Zuckerberg ist nicht der einzige Unternehmer, der dies erkannt hat – lediglich der prominenteste. Nach Paris bietet sich dem Internetnutzer eine breite Palette der digitalen Anteilnahme. Der Unterkunfts-Vermittler Airbnb anerbot gleich nach der Terrorattacke seine «Katastrophenhilfe-Seite», die schon bei früheren Ereignissen zum Einsatz kam. Menschen, die in Paris «gestrandet» seien – zum Beispiel Angehörige von Verletzten –, sollen so schnell, unkompliziert und im besten Fall kostenlos zu einer Unterkunft kommen. Der Anbieter versichert, dass im Falle eines Unglücks sämtliche Servicegebühren entfallen würden: «So ermöglichen wir den Gastgebern, ihre Unterkünfte ganz einfach kostenlos zur Verfügung zu stellen.»

Jene, die nicht gleich nach Paris reisen wollen, können jedoch kostenlos Kontakt mit ihren Angehörigen aufnehmen. Diverse Telecomfirmen – vornehmlich amerikanische – bieten die Verbindung zwischen den USA und Frankreich zurzeit gratis an. Auch wer sich bei Amazon auf Shoppingtour begibt, wird mit den Ereignissen in Paris konfrontiert. Auf der französischen Seite des Onlineversands prangt für einmal keine personifizierte Werbung, sondern eine französische Flagge auf dunklem Hintergrund und das Wort «Solidarité».

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

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