Zwischen Diktatur und Wohlstand

Ostasien muss sich neu erfinden, die Pax Americana hat zu bröckeln begonnen. Doch den Staaten fehlt bisher jede Vorstellung, wie die Region künftig aussehen soll.

Der wieder erstarkte Antiamerikanismus brachte ihn an die Macht: Südkoreas Präsident Moon Jae-in. Foto: Getty Images

Der wieder erstarkte Antiamerikanismus brachte ihn an die Macht: Südkoreas Präsident Moon Jae-in. Foto: Getty Images

Es läge nahe, Präsident Donald Trump für den schleichenden Verfall der Allianzen in Ostasien verantwortlich zu machen. Die Glaubwürdigkeit der USA war allerdings schon vor Trumps Amtsantritt ramponiert. In Südkorea und Taiwan stützten sie bis Ende der 1980er-Jahre üble Militärdiktaturen, die ihre Kritiker – Gewerkschafter, Lyriker, Mönche – folterten. Mit Präsident Moon Jae-in sind diese Kritiker, die einst die Demokratie erkämpften, in Seoul inzwischen zum zweiten Mal an der Macht.

Im Jahre 2002 hatte eine Welle des Antiamerikanismus den Menschenrechtsanwalt Roh Moo-hyun ins Blaue Haus getragen, den Sitz des südkoreanischen Präsidenten. Damals deuteten die jungen Koreaner den Tod zweier Schülerinnen, verschuldet von US-Soldaten, und die Erinnerung an die Asienkrise von 1997 als Zeichen, wie wenig sich Washington um das Wohl ihrer Gesellschaft scherte. Den Amerikanern war nur die strategische Lage Koreas wichtig.

Trump dürfte die Auflösung der bisherigen Strukturen in Ostasien beschleunigen.

Trotz seiner Biografie hat Moon auf jede Amerika-Kritik verzichtet, er verhält sich bündnistreu – auch mit Blick auf Nordkorea. Seoul hält sich auch an die Sanktionen gegen den Norden, obwohl beide Korea wirtschaftlich profitierten, wenn sie ge­lockert würden. Vorerst wird es nicht zum Bruch mit den USA kommen, aber die Sollbruchstellen sind klar zu erkennen.

In Tokio glauben die regierenden Liberaldemokraten, Japan könne gar nicht anders, als sich an Washington zu klammern. Vor zehn Jahren wollte Premier Yukio Hatoyama die Umarmung der Amerikaner lockern – mit einer asiatischen Wirtschaftsgemeinschaft. Doch schon das löste in Washington Alarm aus. «Obamas Leute stiessen Hatoyama deshalb den Dolch in den Rücken», meint der Politologe Taggart Murphy von der Universität Tsukuba. Zehn Jahre später hat auch Premier Shinzo Abe erkannt: Wirtschaftlich liegt Japans Zukunft in Asien. Er umgarnt Trump, nähert sich aber zugleich China. Dieser Spagat könnte zur Zerreissprobe werden.

Trump selber dürfte die Auflösung der bisherigen Strukturen in Ostasien beschleunigen. Sein Handelskrieg gegen China kappt Zulieferketten und zerstört Vertrauen; mit seinem Desinteresse hat er die Position der USA in der Region geschwächt. Und mit seinem Nordkorea-Flirt das allseits akzeptierte Patt auf der Koreanischen Halbinsel beendet. Aber ausgelöst hat Trump diese Entwicklungen nicht. Und aufhalten könnte sie auch ein anderer US-Präsident nicht.

Gesellschaften in der Krise

Bedeutsamer als die tektonischen Verschiebungen der internationalen Ordnung dürfte ohnehin die Entwicklung im Innern der Länder Ostasiens sein. Japan, Südkorea und Taiwan sind im letzten halben Jahrhundert rasant reich geworden, China steht an der Schwelle, Vietnam folgt. Dennoch stecken diese Gesellschaften in multiplen Krisen. Japan stagniert und überaltert, in Korea herrscht Massenarbeitslosigkeit unter Jugendlichen, beide Länder brauchen einen Strukturwandel. Und nach dem «World Happiness Report» der UNO hinken beide viel ärmeren Staaten wie ­Usbekistan hinterher. Auch China ist unglücklich, nur Taiwan nicht.

Das Modell, nach dem sich die Länder Ostasiens industrialisiert und modernisiert haben, war stets das gleiche. Es wurde 1827 von Hirosato Zusho erstmals skizziert, dem Teezeremonienmeister des Satsuma-Fürsten auf Japans Westinsel Kyushu. Nach Missernten, Hungersnöten und vergeb­lichen Versuchen, die semiautonome Provinz zu sanieren, erhielt Zusho die Aufgabe, den Staatshaushalt auszugleichen. Dazu holte der Teemeister Fachleute und Technologien aus ­anderen Provinzen und ersetzte die Importe aus dem übrigen Japan.

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Gegen Ende des 19. Jahrhunderts adaptierte Tokio diese Prinzipien auf ganz Japan. Rasant modernisiert und industrialisiert, schwang sich Nippon mit dem Motto «Ein reiches Land, eine starke Armee» schliesslich zum Hegemon auf. Es kolonisierte 1895 Taiwan, 1910 Korea. Dabei gab Tokio sich nach Asien asiatisch, als Führungsmacht, die den Kontinent vom westlichen Kolonialismus befreien würde – und zum Westen hin westlich, als Kolonialmacht mit Anspruch auf ganz Asien. 1931 besetzte seine Armee auch die Mandschurei, Chinas heutige Nordostprovinzen, und machte sie zu einem Marionettenstaat. Um dann dort Zushos Methoden zu perfektionieren, nach denen sich Japan auch nach dem Zweiten Weltkrieg selber wiederaufbaute.

In der besetzten Mandschurei diente ein junger koreanischer Lehrer als Leutnant der japanischen Armee: Park Chung-hee, der sich 1961 als Militärdiktator in Seoul an die Macht putschte. Park setzte in Korea mit Brachialgewalt um, was er von den Japanern in der Mandschurei gelernt hatte. Er verbot Importe, selbst von Reis – seine Koreaner sollten halt Gerste essen. Und baute mithilfe ausgewählter Unternehmer eine Planwirtschaft für den Export auf. Damit schaffte er es, dass Südkorea schneller wuchs als jede andere Wirtschaft – auch jene des Vorbilds Japan. Taiwan folgte dem gleichen Muster. Und später China, wie dessen Premier Zhu Rongji einmal bekannte.

Japan hat seine armen Nachbarn gelehrt, sich binnen einer Generation in erfolgreiche Exportländer zu verwandeln. Doch mit dem Platzen der Börsen- und Immobilienblase Japans 1990 fand das Vorbild ein abruptes Ende. Daran leidet Nippon bis heute. Seine Konjunkturprogramme haben die Stagnation bloss gemildert, die Staatsverschuldung jedoch ins Astronomische getrieben. Viele Japaner sagen, sie fürchteten die Zukunft. Auch in Südkorea breitet sich ein Gefühl von «No Future» aus. Aber es gibt kein Modell, wie diese Gesellschaften sich nun weiterentwickeln könnten.

Planwirtschaft, kaum Demokratie

Während ihrer Phase des raschen Wachstums war kein ostasiatisches Land eine Demokratie im westlichen Sinn, auch keine freie Marktwirtschaft. Makroökonomisch organisierte sich Japan bis in die 1980er-Jahre als Planwirtschaft, es liess den Markt nur an der Basis spielen. Politisch haben die Japaner zwar immer gewählt, aber sie haben wenig Auswahl. De facto sind die Liberaldemokraten, die 1955 mithilfe der CIA als Bollwerk gegen die Linke geschaffen wurden und seither mit nur zwei Unterbrüchen regieren, eine Monopolpartei – mit allen Verfilzungen eines Einparteienstaates.

China hat die individuellen Freiheiten mit dem wachsenden Wohlstand wieder eingeschränkt.

Im Westen glaubte man lange, eine Gesellschaft müsse bloss reich werden, dann demokratisiere sie sich von selbst, weil der neue Mittelstand Mitsprache fordere. Südkorea und Taiwan sind diesen Weg gegangen. Koreas Studenten erkämpften die Demokratie in jahrelangen Strassenschlachten, 1980 in Gwangju wurden Hunderte von ihnen massakriert – wie neun Jahre später auf dem Tiananmen-Platz ihre chinesischen Kommilitonen. Im Widerspruch zur Theorie hat China die individuellen Freiheiten mit dem wachsenden Wohlstand wieder eingeschränkt. Man spricht von einer kapitalistischen Diktatur.

Hahm Chaibong vom Asan Institute for Policy Studies in Seoul meint, China durchlebe derzeit seinen «Park-Chung-hee-Moment». Ganz ähnlich wie Park 1972 widersetze sich Präsident Xi Jinping derzeit jeder politischen Öffnung. Park zog damals die Schrauben an. Er behauptete, die Demokratie eigne sich für Korea nicht, stattdessen setzte er auf einen diffusen Konfuzianismus. Wie Peking heute. Weil der Liberalisierungsdruck zu stark wurde, verhängte er das Kriegsrecht, mit dem sich seine Nachfolger – Park war schon tot, ermordet vom eigenen Geheimdienstchef – mit fürchterlicher Brutalität bis 1987 an der Macht hielten. Dann brach ihr Regime zusammen.

Trumps Geschenk an China

China müsse sich, sobald seine Wirtschaft lahme, so Hahm, entscheiden zwischen der Diktatur, die das Wachstum bremse, und einem nächsten Liberalisierungsschub, der wirtschaftliche Erfolge bringe. Das Modell vom entstehenden Mittelstand, der mehr politische Partizipation fordert, gelte weiterhin, glaubt Hahm. Vielleicht sollte man den Begriff «Partizipation» nicht auf ein Synonym für landesweite Wahlen reduzieren, zumal Populisten auch in der chinesischen Provinz die Massen mobilisieren könnten. Individuelle Freiheiten, Rechtsstaatlichkeit und -sicherheit sind ähnlich wichtig. Die Ökonomieprofessorin Jin Keyu von der London School of Economics sagt, Peking spüre ­diesen Druck bereits. Trump verstärke ihn mit seinem Handelskrieg noch. Das sei sein unbeabsichtigtes Geschenk an China.

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