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Warum saudische Väter ihren Töchtern die Hochzeit verbieten

Nicht nur Zwangsheirat ist ein Thema: Immer mehr saudische Männer lassen erfolgreiche Töchter nicht heiraten, um weiterhin an deren Gehalt zu kommen. Aktivistinnen beschreiben die männliche Vormundschaft als Sklaverei.

Können ohne Erlaubnis ihres Vormunds wenig tun – nicht einmal heiraten: Frauen in Saudi-Arabien fotografieren eine Parade.
Können ohne Erlaubnis ihres Vormunds wenig tun – nicht einmal heiraten: Frauen in Saudi-Arabien fotografieren eine Parade.
Keystone

Jahr für Jahr bleibt die saudi-arabische Chirurgin Single. Dabei möchte die 42-Jährige endlich heiraten und Bewerber gab es in den vergangenen Jahren genug. Aber ihr Vater weist alle Männer ab, während ihr ansehnliches Gehalt weiter auf sein Konto fliesst. Die Frau, die ihren Namen nicht nennen will, weiss, dass ihr Vater gegen das islamische Recht verstösst, indem er sie zwingt, alleinstehend zu bleiben. Für diese Methode gibt es sogar einen Namen: Adhl. Also verklagte sie ihn - mit wenig Aussicht auf Erfolg.

Immer mehr Frauen wenden sich in Fällen von Adhl an die Medien und suchen Hilfe bei der Justiz. Ein Opfer dieser Praxis hat sogar eine eigene Seite in dem Online-Netzwerk Facebook eingerichtet, auf der sich die betroffenen Frauen austauschen können. Die saudi-arabische Feministin Wadscheha al Hawaidar beschreibt die männliche Vormundschaft als «eine Form der Sklaverei». «Eine saudische Frau kann ohne Erlaubnis ihres Vormunds nicht einmal ein Telefon kaufen», erklärt sie. «Dieses Gesetz behandelt Frauen wie Kinder, die nicht für sich selbst verantwortlich sein können und gibt gleichzeitig den Männern alle Rechte.» Al Hawaidar darf wegen ihrer Unterstützung für die Frauen in Saudiarabien keine Bücher veröffentlichen und auch nicht im Fernsehen auftreten.

Die panarabische Zeitung «Al-Hajat» berichtete kürzlich, bei der Nationalen Gesellschaft für Menschenrechte seien in diesem Jahr 30 Fälle von Adhl eingegangen. Das ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit falsch gezählt. Eine Facebook-Gruppe, die von einer Professorin eingerichtet wurde, schätzt, dass es 800.000 Fälle im ganzen Land gab. Die 421 Mitglieder der Gruppe setzen sich für härtere Strafen gegen Männer ein, die ihre Vormundschaft missbrauchen.

Viele Gründe für Adhl

In Saudiarabien sind geschätzte vier Millionen Frauen über 20 Jahre nicht verheiratet. Sohila Sein el Abdidin, ein prominentes Mitglied der von der Regierung ins Leben gerufenen Nationalen Gesellschaft für Menschenrechte erklärt, nach ihrem 20. Geburtstag gälten Frauen in Saudiarabien rasch als zu alt, um noch zu heiraten.

Die Väter nennen viele Gründe, wenn sie die Heirat ihrer erwachsenen Töchter ablehnen: So gehört der Bewerber nicht dem gleichen Stamm an oder einem Stamm, der nicht angesehen genug ist. In anderen Fällen wollen die Väter die staatliche Hilfezahlung nicht aufgeben, die die Regierung alleinstehenden Frauen aus armen Familien gewährt, oder sie können sich keine Mitgift leisten.

Der Koran fordert muslimische Männer auf, einer Heirat ihrer Töchter, Schwestern oder sonstigen weiblichen Verwandten nicht im Wege zu stehen. Damit könnten sie sexuellen Beziehungen ausserhalb der Ehe Vorschub leisten, heisst es. Allerdings interpretieren die Richter das Gesetz so, dass als Höchststrafe die Aufhebung der Vormundschaft droht. Und fundamentalistische Richter lehnen sogar das ab.

Familie drohte mit «Tod und Folter»

Die Gründerin der Facebook-Gruppe, die sich als Amal Saleh vorstellt, sagte der saudi-arabischen Zeitung «Al Watan», sie sei ins Internet gegangen, weil Gerichte die Adhl-Opfer im Stich liessen. Ihre Familie habe ihr «Tod und Folter» angedroht, als sie darauf bestanden habe, noch vor ihrem 30. Geburtstag zu heiraten. Inzwischen ist sie 37 und immer noch Single.

Einige Richter bestrafen sogar die Frauen, weil sie sich gegen ihre Väter aufgelehnt haben. In einem prominenten Fall klagte eine junge Mutter gegen ihre Vater und forderte, ihm die Vormundschaft zu entziehen. Sie flüchtete im März 2008 in ein Frauenhaus und verbrachte dort zwei Jahre, während sie auf das Urteil wartete. Im April dieses Jahres bekam sie es: Das Gericht verurteilte sie wegen Ungehorsams zu sechs Monaten Gefängnis. Unter dem Druck von Menschenrechtsaktivisten kam sie im Oktober frei. Der Richter übertrug die Vormundschaft auf ihren Onkel. Noch ist nicht klar, ob der sie nun heiraten lässt. Ihr Anwalt Walid Abu Chair erklärte, fundamentalistische Richter hassten die Frauenhäuser, weil sie angeblich Frauen korrumpierten.

In Saudiarabien kann keine Frau ohne einen «Mahram», einen Vormund, leben. Männer dürfen Frauen schlagen, die nicht gehorchen, mit der Auflage, nicht ihre Augen zu verletzten, keinen Arm zu brechen oder Spuren an ihrem Körper zu hinterlassen. In den öffentlichen Schulen werden Jungen darin unterrichtet, ihre Rechte als Vormund wahrzunehmen. «Sei eifersüchtig, schlage ihre Hände, beschütze sie und erlange Überlegenheit über sie», heisst es in einem Buch für die elfte Klasse. Für den konservativen Islam bedeutet das Konzept der Vormundschaft, dass der Mann der Frau überlegen ist. Gemässigtere Schulen betrachten die Vormundschaft eher als Anweisung an den Mann, die Frau zu schützen - finanziell, emotional und physisch.

Seit vier Jahren warten auf Gerechtigkeit

Die Aktivistin Rawa Jussef will die Vormundschaft nicht abschaffen, sondern neu definieren. Seit 2009 hat sie 5.400 Unterschriften für die Kampagne «Unser Vormund weiss es am besten» gesammelt. Sie erklärt, Frauen, die sich ihrem Vormund widersetzten, heirateten die falschen Männer und brächten Schande über ihre Familien. «Ich sehe Vormund als Leibwächter, der Frauen dient und sie beschützt», sagt Jussef. «Das ist eine Verantwortung, keine Machtquelle.» Wenn ein Mann seine Macht missbrauche, müsse er sich Beratungsstunden unterziehen.

Die Chirurgin aus Medina wartet seit 2006 auf Gerechtigkeit. Dabei sollte eigentlich alles klar sein: In den Unterlagen finden sich Zeugenaussagen von abgewiesenen Bewerbern, Kontoauszüge, die zeigen, dass ihr Vater ihr Gehalt kassiert und medizinische Berichte, die körperliche Gewalt nachweisen. Auch ihre vier Schwestern, alle über 30, sind noch nicht verheiratet. Doch das Urteil lässt auf sich warten. Bisher hat ihr der Richter nur mitgeteilt, sie solle zu ihrem Vater zurückgehen und sich mit ihm versöhnen.

Die 42-Jährige lebt in einem Frauenhaus. Sie wird von Leibwächtern zum Gericht begleitet, weil sie die Rache ihres Vaters fürchtet. Sie erinnert sich gut an die letzte Begegnung mit ihm: «Ich habe seine Füsse geküsst. Ich habe ihn angebettelt mich freizugeben, um Gottes Willen.» Sie wird im nächsten Monat 43.

dapd/ske

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