Thailands König setzt die mehr als sieben Kilo schwere Siegeskrone auf

Maha Vajiralongkorn hat sich gekrönt. Pomp und Aufwand der Zeremonie sind gewaltig – aber dürften nur kurz von den Spannungen im Land ablenken.

Der neue König Thailands: Maha Vajiralongkorn auf dem Thron mit der Siegeskrone. (Video: Tamedia)
Arne Perras@tagesanzeiger

König Rama VI. herrschte vor hundert Jahren über ein Land, das damals Siam hiess. Er liebte es, Tagebuch zu schreiben, weshalb er der Nachwelt wichtige Zeugnisse überliess. Zum Beispiel seine Gedanken über jenen Moment, der zu den bedeutendsten im Leben eines jeden Monarchen zählen dürfte: «Die Siegeskrone war gar nicht leicht zu tragen», schrieb Rama VI. Er habe sie ja nicht vorher anprobieren können, weshalb sie am Tag der Krönung wackelig auf seinem Kopf sass. «Es war gut, solange ich still sass. Aber es war schwer, wenn ich anfing zu laufen.» Der König war nervös, er hatte Angst, sie könnte ihm herunterfallen. «Glücklicherweise habe ich die Zeremonie überstanden», notierte er. «Nichts Schlimmes ist passiert.»

Von solchen Episoden erzählt Tongthong Chandransu, ausgewiesener Experte für Zeremonien im Königshaus des Landes, das heute Thailand heisst. Der Rechtshistoriker trägt selbstverständlich ein gelbes Hemd in diesen Tagen. Es symbolisiert den Respekt vor dem Monarchen. Er blättert in einem Heft, das die königlichen Insignien beschreibt. Auf Seite eins ist die sogenannte Siegeskrone zu sehen, ein schmaler hoher Kegel, aus Gold gefertigt, mit Edelsteinen besetzt. «Mehr als sieben Kilo bringt sie auf die Waage», sagt Tongthong, «daran hat der König schon zu tragen.»

Das Symbol monarchischer Macht, es hat im Laufe der Geschichte nichts von seinem Gewicht verloren. Am Samstag hat nun Seine Majestät, Rama X., dieselbe Krone aufgesetzt wie alle Monarchen der thailändischen Chakri-Dynastie zuvor. Drei Tage lang dauert das Krönungsfest in Bangkok, es ist ein Moment, in dem eine ganze Nation innehält und die Zeremonie gebannt im Fernsehen verfolgen wird.

72 Stunden Pause

69 Jahre ist es her, dass die Thailänder zuletzt eine Krönung erlebten, damals feierten sie – noch ohne Live-Bilder aus dem Palast – Rama IX., auch in Europa als König Bhumibol bekannt. «Ablauf und Ausstattung der Zeremonie wurden schon von Rama I. begründet», sagt Tongthong. Dieser König herrschte Ende des 18. Jahrhunderts, und aus dieser Zeit stammen auch die fünf Insignien: Krone, Schwert, Zepter, Fächer und ein Paar goldener Sandalen, die ein brahmanischer Priester dem König unter die Schuhe schieben wird.

Staatsrechtlich betrachtet ist Maha Vajiralongkorn schon eine Weile König, er trat 2016 das Erbe Bhumibols an, der im Alter von 88 Jahren gestorben war. Doch die Krönung, mit Prunk und Pomp, ist ein besonders symbolträchtiger Moment. Er weist in die Zukunft, nur dass die Thailänder nicht recht ausmachen können, in welche Richtung sich das Land unter Rama X. entwickeln wird. Die turbulente Politik im Königreich macht derweil Pause – zumindest 72 Stunden lang.

Wahlen weder frei noch fair, aber ohne Gewalt

In den Wochen zuvor hatten die Thailänder noch ganz andere Dinge im Kopf, in einer lang ersehnten Wahl konnten sie endlich ihre Stimmen abgeben. Viele wünschen sich die Rückkehr zur Demokratie, nachdem sich fünf Jahren zuvor die Generäle an die Macht geputscht hatten und das als Schritt zum Schutz der angeblich bedrohten Monarchie rechtfertigten.

Die jüngste Wahl war weder frei noch fair, doch sie lief einigermassen geordnet und ohne Gewalt ab. Beim Auszählen der Stimmen ging es allerdings wild durcheinander, sodass nun niemand genau weiss, wer die Regierung künftig bilden wird. Sind es die Kräfte, die hinter General Prayuth Chan-ocha stehen? Er möchte sich ein demokratisches Mäntelchen überziehen und weiterregieren. Oder wird sich eine breite Koalition prodemokratischer Parteien durchsetzen und das Militär ablösen? Die Wahl gibt viele Rätsel auf, denn die Zahl der Sitze soll erst kommenden Donnerstag verkündet werden. So hängt alles in der Schwebe, die politische Keilereien sind ausgesetzt in diesen festlichen Tagen. Sie zu stören, käme einem Sakrileg gleich.

«Jeder hat ein anderes Charisma»

Die Feierlichkeiten werden beherrscht von einer Mischung buddhistischer und brahmanischer Riten, der König erscheint in diesen Traditionen als Reinkarnation des Göttlichen, wie Experte Tongthong erklärt. Diese Vorstellungen untermauern das Bild eines Königs, der über allem schwebt. Doch wie lebendig ist der Glaube? Sind Könige noch Götter? Tongthong sagt: «In der jüngeren Generation ist diese Vorstellung nicht mehr stark verankert.» Im Vordergrund steht heute die Rolle als Staatsoberhaupt. «Der König berät die Regierung», sagt Tongthong. Er müsse in allen wichtigen Fragen konsultiert werden.

Doch so wenig die Thailänder absehen können, wer ihr nächster Premier wird, so wenig wissen sie, wie ihr König nach der Krönung die Monarchie gestalten wird. «Jeder hat ein anderes Charisma», sagt Tongthong, er wählt seine Worte mit Bedacht. Bhumibol reiste in sieben Jahrzehnten als König kreuz und quer durchs Land, er war allgegenwärtig und ein wichtiger Kompass. «Er hat die Menschen immer begleitet, in Momenten der Freude und der Trauer, er war immer da.» Sein Sohn Maha Vajiralongkorn war in früheren Jahren als Kronprinz vor allem als Bonvivant bekannt, Berichte über einen fragwürdigen Lebenswandel machten die Thailänder häufig ratlos, sie durften aber wegen der strengen Gesetze zum Schutz der Monarchie nie offen darüber reden. Und das ist auch heute noch so.

Nun ist Vajiralongkorn König und füllt die Rolle auf seine Weise aus. Viel Zeit verbringt er in Bayern, dort hat er eine Villa am Starnberger See bezogen, sein Sohn besucht in der Nähe eine private Schule. Deutschland, das bedeutet Freiheiten, die der Monarch im steifen Alltag zu Hause kaum nutzen könnte. Allerdings beobachten Insider, dass der König auch hart an seinem Einfluss in Thailand arbeitet, etwa, indem er wichtige Posten mit Vertrauten besetzt. Sein «ausgeprägtes Mikromanagement» falle auf, heisst es in Bangkok.

Die Wächter der Monarchie

Doch sicher wissen die Bürger nur: Das Militär ist fest entschlossen, weiterhin als Wächter des Königs aufzutreten, wozu in den Augen der Generäle gehört, die Regierung nicht aus der Hand zu geben. Der König schwebt laut Verfassung über den Niederungen des politischen Geschäfts. Und doch ist Thailand in diesen Monaten so stark aufgewühlt, dass sich nicht einmal der Monarch einiger klärender Worte im nervösen Wahlkampf entziehen konnte.

Das lag daran, dass eine der Parteien plötzlich ankündigte, die Schwester des Königswerde als Kandidatin in den Wahlkampf ziehen. Die Thailänder waren elektrisiert, doch die Aufregung am 12. Februarwährte nurwenige Stunden, dann sprach der König ein Machtwort.

Gelb und auf Knien

Es zieme sich nicht für Mitglieder der Familie, sich politisch zu betätigen; mit seiner Anweisung war das Vorhaben gestoppt. Damit starben auch die Hoffnungen im Lager von Ex-Premier und Milliardär Thaksin Shinawatra, mithilfe der Königsschwester Stimmen zu sammeln. Wäre sie angetreten, hätte das vermutlich die Chancen des Militärs geschmälert, in zivilem Gewand weiterzuregieren.

Aber alle Gedanken über die Wahl und das umkämpfte Ergebnis müssen nun erst einmal ruhen. Nun, da Rama X. gekrönt ist, wird er sich, in einer Sänfte sitzend, an diesem Sonntag durch die Strassen tragen lassen, wo ihn die Massen erwarten. Für viele ist das die erste Gelegenheit, ihrem König nahe zu kommen, in gelben Kleidern und auf Knien – wie es sich für das Volk gehört.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt