Science-Fiction in Singapur

Die Vereinbarung von Donald Trump und Kim Jong-un ist vorerst nur ein Versprechen, den Friedensprozess zu beginnen.

«Mit diesem Gipfel stehen wir noch am Anfang einer Entwicklung»: Christof Münger analysiert den Trump-Kim-Gipfel.

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Wer hätte das für möglich gehalten! Vor Monaten noch beschimpften sich Donald Trump und Kim Jong-un, sie stritten sich, wer den grösseren «roten Knopf» habe, und sie drohten sich mit dem Atomkrieg. Und nun diese Harmonie zwischen dem «geisteskranken, dementen US-Greis» (Kim über Trump) und dem «kleinen Raketenmann auf Selbstmordmission» (Trump über Kim). «Viele glauben wohl, dies sei eine Szene aus einem Science-Fiction-Film», sagte der Diktator aus Nordkorea zum amerikanischen Präsidenten, als sie sich zum Gipfel trafen. Tatsächlich aber zelebrierten die Erzfeinde in Singapur ihre Freundschaft.

Damit ist die Gefahr eines Kriegs auf der Koreanischen Halbinsel vorerst gebannt. Der US-Präsident kann diesen Erfolg für sich beanspruchen, was er bei jeder Gelegenheit tut, stets verbunden mit einem Seitenhieb auf seine Vorgänger. Allerdings muss sich erst zeigen, dass die Vereinbarung von Singapur mehr ist als ein Stück Papier. Im besten Fall ist sie der Anfang eines Friedensprozesses. Die Gefahr besteht aber auch, dass es nur beim Versprechen bleibt.

Kein Wort zum Zeitplan

Denn bis Kim Jong-un tatsächlich abrüstet, bleibt Nordkoreas Denuklearisierung Science-Fiction. Er hat sich im gemeinsamen Statement zwar dazu bekannt, aber damit hat es sich auch schon. Kein Wort zum Zeitplan, keines zur Verifizierung und auch keines zum nordkoreanischen Arsenal. Immer noch ist unklar, über wie viele Atombomben und Raketen das Regime verfügt. In Washington hatte man spekuliert, Kim werde zumindest seine Interkontinentalraketen verschrotten, damit die direkte Bedrohung der USA wegfalle. Auch diese Hoffnung erwies sich als Wunschdenken.

Bilder: Historischer Gipfel in Singapur

Das alles schien Trump nicht zu kümmern, so angetan war er von Kim. Er gestattete ihm sogar einen Blick in seinen gepanzerten Cadillac, genannt «das Biest» – dem nordkoreanischen Diktator scheint der US-Präsident voll und ganz zu vertrauen. Was für ein Kontrast zum G-7-Gipfel in Kanada, wo Trump seine demokratischen Alliierten vor den Kopf gestossen und Gastgeber Justin Trudeau beleidigt hatte. Von Kim hingegen schwärmt der US-Präsident, er sei eine «grossartige Persönlichkeit», ein «lustiger Kerl» und «sehr guter Unterhändler». Trump ist offenbar in einer Kim-Blase, also in einer fiktiven Welt, in der das brutale Regime in Pyongyang als harmlos erscheint.

Das ging so weit, dass der US-Präsident nach dem Treffen behauptete, Kim liebe sein Volk. Vor gerade einmal fünf Monaten hatte er in seiner Rede zur Lage der Nation Nordkorea noch angeprangert, weil der Schurkenstaat die Menschenrechte mit Füssen trete. Zu Recht: Laut dem US-Aussenministerium betreibt Nordkorea ein Gulagsystem, in dem das Regime 80'000 bis 120'000 politische Gefangene festhält, foltert und zu Zwangsarbeit verdammt. Auch leidet die grosse Mehrheit des 25-Millionen-Volkes unter den Sanktionen, während es sich eine kleine Elite gut gehen lässt. Das also soll Liebe sein.

Bereit, eine neue Geschichte zu starten: In Singapur kam es erstmals zu einem Treffen der Präsidenten von Nordkorea und den USA. Video: AFP/AP/Tamedia

Trumps Begeisterung für Kim hat ihren Preis, und den zahlt zunächst Südkorea. Als Abschiedsgeschenk an den Diktator kündigte der Präsident überraschend an, dass sich die US-Streitkräfte künftig nicht mehr an den Militärübungen mit den Südkoreanern beteiligen werden. Aus Sicht des Nordens seien die Manöver «provokativ», sagte Trump, womit er gar Kims Rhetorik übernahm. Um noch hinterherzuschicken, dass Seoul viel mehr zahlen müsste für seine Sicherheit, die die USA garantieren würden. Ein weiterer trumpscher Affront gegenüber einem alten Verbündeten, zumal dessen Präsident Moon Jae-in den Gipfel von Singapur mit diplomatischem Geschick überhaupt erst ermöglicht hat.

Als Kim Jong-un im geliehenen chinesischen Jumbo nach Hause flog, konnte er sein Glück wohl kaum fassen. Einen grösseren Erfolg hätte er nicht einfahren können: Erstmals verhandelte ein nordkoreanischer Machthaber mit dem Präsidenten der USA, mit denen man sich offiziell immer noch im Kriegszustand befindet. Und das auf Augenhöhe, vor der Weltöffentlichkeit und absolut gleichberechtigt, obwohl er bis vor kurzem als globaler Oberschurke galt. Selbst gravierende Zugeständnisse musste er keine machen. Mag sein, dass sich Kim Jong-un ein solches Szenario bisher nur in einem Science-Fiction-Film vorstellen konnte. Nun ist es Realität.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.06.2018, 21:48 Uhr

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