Pekings grosse Angst

Die chinesische Führung will um jeden Preis verhindern, dass die Hongkonger Proteste auf ganz China überschwappen. Der weltweit grösste Zensur- und Propagandaapparat läuft auf Hochtouren.

Die Proteste gingen auch am Dienstag weiter: Polizeibeamte räumen in Hongkong die Barrikaden der Demokratiebefürworter. Foto: Anthony Kwan (Getty Images)

Die Proteste gingen auch am Dienstag weiter: Polizeibeamte räumen in Hongkong die Barrikaden der Demokratiebefürworter. Foto: Anthony Kwan (Getty Images)

Kai Strittmatter

Es ist Chinas Nationalfeiertag, Anfang Oktober, die Proteste sind erst ein paar Tage alt, und der Student, der sich nur Michael nennt, möchte ein paar Dinge klarstellen. Also: ob mit oder ohne ­Regenschirm, «Das hier ist keine Revolution. Das Wort ist nicht hilfreich. Die Menschen verlangen einfach nur, was China ihnen versprochen hat: freie Wahlen.» Und: Sie sind eine Inspiration. «Ich habe so etwas noch nie erlebt. ­ So viele Menschen, die für ihr Recht ­kämpfen. So friedlich, so ordentlich.»

Michael studiert in Hongkong Soziologie, aber er ist kein Hongkonger. ­Michael kommt aus Peking. Noch keine drei Wochen ist er in Hongkong. Und schon mitten drin in der ersten Demonstration seines Lebens. Im Ohr die flehende Mahnung seiner Mutter, auf keinen Fall auf die Strasse zu gehen, im Herzen ein Staunen, das er zuvor so nicht kannte. «Ich hätte nie gedacht, dass so etwas möglich ist.» Michael campt jede Nacht hier vor dem Regierungsgebäude in Admiralty.

Festnahmen in Peking

Das ist es, was die Führer in Peking fürchten: dass der Funke überspringt. Deshalb läuft seit zwei Wochen der grösste Zensur- und Propagandaapparat der Welt auf Hochtouren: Um die eigenen Bürger abzuschirmen von dem, was in Hongkong passiert. Um sie zu impfen gegen die Argumente der Hongkonger Bürger, die für Freiheit und Recht kämpfen. Um möglichst wenig Michaels zu schaffen. Um es vorwegzunehmen: Zensur und Propaganda arbeiten im Moment innerhalb Chinas mit grossem Erfolg. Bei der Mehrzahl der vom freien Nachrichtenfluss gut abgeschotteten und seit Jahrzehnten mit Nationalismus indoktrinierten Chinesen funktioniert die Mär vom «Chaos» in Hongkong gut, von den «ausländischen Mächten», die China unterwandern wollen.

Aber es gibt auch die anderen. An ­einem Tag versammeln sich in einem Park in Guangzhou 20 Menschen, um ihre Unterstützung für Hongkong zu demonstrieren. In Shanghai schert sich die Aktivistin Shen Yanqiu als Zeichen der Solidarität den Kopf kahl und stellt Fotos davon ins Netz. Im Pekinger Künstlervorort Songzhuang verabredeten sich Künstler und Dichter, es sollen Gedichte für Hongkong gelesen werden. Sie alle sind mittlerweile verschwunden, in Polizeigewahrsam. Mit einer Welle von Festnahmen will Peking verhindern, dass die Proteste auf China übergreifen. Allein für Chinas Hauptstadt haben Bürgerrechtler bis Anfang dieser Woche 49 Festnahmen dokumentiert.

In Hongkong selbst, wo angereiste Festlandchinesen auf Hongkonger treffen, wo sie sich selbst ein Bild machen können, ist das nicht so einfach. 40 Millionen Chinesen reisen im Jahr nach Hongkong. Ausgerechnet die erste Oktoberwoche, als die Demonstranten am zahlreichsten auf die Strasse gingen, war «Goldene Woche», also Herbstferien in China, viele chinesische Touristen hatten Hongkong zu ihrem Ziel erkoren. Als die Demonstrationen immer grösser wurden, sagte die Regierung einfach alle Gruppenreisen nach Hongkong ab, aber zwei Drittel aller Reisenden kamen auf eigene Faust.

Aber auch von denen, die die Proteste mit eigenen Augen sahen, waren nicht alle begeistert. «Das ist sehr lästig», sagte auf dem Höhepunkt der Demos während der «Goldenen Woche» eine aus Wuhan angereiste Frau und deutete auf die Demonstranten, die Teile der Nathan-Road blockierten. «Wir sind doch zum Shoppen gekommen.» Und auch unter den Gaststudenten vom Festland blieben einige zurückhaltend. Li Run aus Tianjin steht neben einem ­Sit-in in der Universität Hongkong und schaut ebenso interessiert wie befremdet. Doch, sagt er, er finde schon, dass seine Kommilitonen für ihre Rechte einstünden. «Aber gehen sie nicht zu weit? Der Schulstreik, die Besetzung? Das ist doch illegal.» Er selbst jedenfalls werde keinen Unterricht versäumen, nein, auf keinen Fall. «Meine Eltern haben lange gespart für mein Studium hier.»

Hongkong als Vorbild

Wie praktisch, dass drüben in Mongkok ein Lehrer von der Poly-Universität seine Design-Studenten aus dem Dilemma erlöst hat, indem er beides verbindet: den Unterricht und das Demonstrieren. Ein Dutzend Studienanfänger knien auf dem Asphalt und formen einen gelben Regenschirm aus kleinen Post-it-Zetteln. Darunter auch Wu Dan (Name geändert), frisch aus Shanghai angekommen. «Es ist unglaublich», sagt sie. «In China kann so etwas nie passieren. Unsere Erziehung treibt uns das aus. Stell dir vor: Schulstreik. Du würdest sofort von der Schule geworfen in Shanghai, die ganze Familie müsste leiden.» Was beeindruckt sie am meisten? «Sie recyclen sogar den Müll!» Und an ihrem Studium? «Als Student macht man hier kein Militärtraining wie in China. Und keinen politischen Unterricht!»

Ein paar Hundert Meter weiter hat ein junger Mann das Mikrofon ergriffen. «Ich bin aus Shenzhen herübergekommen. Ich unterstütze euch», ruft er ein paar Dutzend applaudierenden Zuhörern zu. «Ihr dürft nicht zulassen, dass Hongkong wie China wird.» Er nennt sich David, sagt, er sei 27 Jahre alt und arbeite in einem Restaurant auf der ­anderen Seite der Grenze. Hat er keine Angst? «Sollen sie mich doch fotografieren», er zuckt mit den Schultern. «Hongkong ist ein Vorbild», sagt er. «Ich hoffe, Hongkong wird China verändern.»

Eben das will Peking um jeden Preis verhindern. Mit den Festnahmen. Mit der Zensur. Die grösste Energie verwendet Peking auf die Kontrolle und den Spin der Nachrichten. Es herrscht eine fast komplette Nachrichten- und Bildersperre aus Hongkong, und sie ist auch im Netz und in den sozialen Medien wie Weibo oder Wechat sehr effektiv. «Shenzhen ist keine Stunde von hier, und selbst dort weiss keiner meiner Freunde, was hier wirklich geschieht», sagt David, der Koch. «Es ist ein totales Nachrichten-Blackout.»

Der Zensur spielt in die Hände, dass Hongkong für die meisten Festländer weit weg ist und dass Ressentiments gegenüber den Hongkongern weit verbreitet sind: Spätestens seit Hongkonger Medien im vergangenen Jahr die zu Millionen in die strapazierte Stadt einfallenden Festländer als «Heuschrecken» bezeichneten, halten sich die Sympathien in Grenzen. Gleichzeitig verbreitet die Staatspresse giftige Leitartikel gegen die Demonstranten.

Keine Ahnung in China

«Die Zensur funktioniert einmalig», sagt der Schriftsteller Murong Xuecun, der aus Peking angereist war und vergangene Woche mit grossen Augen die ­Demonstranten in Central beobachtete. «Die meisten in China kriegen nichts mit, und von denen, die es mitkriegen, beschweren sich zwei Drittel über die Hongkonger.» Murong Xuecun und andere Chinesen in Hongkong berichteten von erbittertem Streit mit Freunden ­zu Hause, die nicht verstehen, wie sie mit den «Chaoten» in Hongkong sympathisieren können. «Hongkong ist uns egal, wir sind ja nicht einmal in der Lage, unsere eigenen Probleme zu begreifen», beschreibt ein in Hongkong studierender Festländer in einem offenen Brief in der «Asia Literary Review» die Haltung vieler Landsleute: «Die Legitimität und Integrität der Vorgänge hier ist jenseits unserer Vorstellungskraft. Gleichzeitig nennen wir unser Schweigen ‹Reife›.»

Kann die Entwicklung in Hongkong Einfluss auf China nehmen? Murong ­Xuecun, der Autor, hält das für «sehr, sehr schwer». Dann bricht doch noch der ­Optimist in ihm durch: «Wer weiss, wenn sie einen langen Atem haben, dann könnte dies vielleicht doch der Start der Demokratie in China sein. Allein die Existenz dieser Studenten und Bürger ist schon ein Gegenbeleg für die These der Regierung, Chinesen seien nicht ­geschaffen für Demokratie.»

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