Generation Genügsam

17 Jahre nach Beginn des westlichen Einsatzes ist Afghanistan weit von Stabilität entfernt. Doch junge Afghanen schätzen auch kleine Fortschritte – und freuen sich auf ihre erste Wahl.

2500 Parlamentskandidaten kämpfen um die 249 Sitze im Unterhaus in Kabul. Foto: Omar Sobhani (Reuters)

2500 Parlamentskandidaten kämpfen um die 249 Sitze im Unterhaus in Kabul. Foto: Omar Sobhani (Reuters)

Kämpferisch klingt sie, auch ein bisschen stolz. «Natürlich habe ich mich registrieren lassen», sagt Najia Asghari und zeigt den Sticker in ihrem Ausweis. Der ­belegt, dass sie am Samstag zur Wahl gehen darf. Die 18-Jährige weiss genau, wem sie ihre Stimme geben wird: «Ich wähle eine Kandidatin, die sich für meine Rechte einsetzt, die den Kampf aufnimmt, um die Ungleichheit auszumerzen, die Frauen hier immer noch erleben.»

Najia Asghari lebt in Kabul, sie besucht eine Oberstufe. Dass sie im Alltag keine Gleichberechtigung erfährt, erklärt sie anhand ihres Schulwegs: Nahezu jeden Tag, erzählt Asghari, werde sie da «von Jungs belästigt». Besser werde es erst, sobald sie und ihre Freundinnen in den Klassenzimmern ankommen. «Da fühlen wir uns in Sicherheit und haben keine Probleme mehr.»

Keine leeren Drohungen

An diesem Samstag darf Najia Asghari zum ersten Mal wenigstens ein bisschen über ihre Zukunft mitbestimmen, wenn die Afghanen ein neues Parlament wählen. Vor einigen Jahren stilisierte der Westen solche Abstimmungen noch zu einem Beleg des demokratischen Fortschritts am Hindukusch. Nun sind die Töne deutlich gedämpfter. Eine Abstimmung, die aufgrund langwieriger Streitereien um das Wahlrecht drei Jahre später als geplant abgehalten wird, taugt nicht als Erfolgsgeschichte.

Das passt ins gesamte Bild des westlichen Afghanistan-Einsatzes: 17 Jahre nach dem Einmarsch und dem Sturz der Taliban ist das Land nach wie vor weit von Stabilität entfernt. Die Extremisten erklären vor dieser Abstimmung wie vor jeder Wahl, potenziell jeden ins Visier zu nehmen, der sich am Samstag an die Urnen traut. Das sind keine leeren Drohungen. Bereits im Wahlkampf haben die Extre­misten neun Parlamentskandidaten umgebracht. Trotzdem gibt es ein hartes Ringen um die 249 Sitze im Unterhaus: Mehr als 2500 Kandidaten treten an. Sie schliessen sich nicht zu starken Parteien zusammen, sondern stellen ihren Charakter in den Mittelpunkt des Wahlkampfes – und ihre ethnische Zugehörigkeit. Diese sind für viele Afghanen nach wie vor die zentralen Kriterien für die Stimmabgabe. 54000 Sicherheitskräfte sollen für einen einigermassen geregelten Ablauf sorgen.

Najia Asghari ist eine von knapp neun Millionen Afghanen, die sich für diese Wahl registriert haben. Aus Sicht des Kabuler Analysten Haroun wäre es schon ein Erfolg, wenn die Abstimmung am Samstag «in den meisten Teilen des Landes abgehalten werden kann», um den Taliban zu beweisen, dass die Menschen ihrer Angstmacherei trotzen. Najia Asghari bemüht sich, den ganzen Wahnsinn nicht an sich heranzulassen. Vielleicht bleibt die Schülerin auch deshalb verhältnismässig gelassen, weil sie ein Leben in Frieden und Sicherheit nicht kennt – wie ihre ganze Generation.

Asghari wurde kurz vor dem Sturz der Taliban geboren. Nicht nur männliche Beschimpfungen, sondern auch die Sorge vor Anschlägen begleiten sie jeden Tag auf dem Schulweg. «Die Sicherheitslage beeinflusst das Leben aller Afghanen, sämtliche Bereiche sind davon betroffen», sagt sie. Nur wenn es der Regierung gelinge, die Gewalt in den Griff zu bekommen, könne sich Afghanistan weiterentwickeln.

Doch Friedensgespräche mit den Taliban sind noch nicht in Sicht, auch wenn Präsident Ashraf Ghani den Islamisten Zugeständnisse machen will, um sie überhaupt an den Verhandlungstisch zu bekommen. Auch die US-Regierung sucht den Kontakt zu Vertretern der Aufständischen, um den längsten Kriegseinsatz der amerikanischen Geschichte zu Ende zu bringen.

Wenn im Westen Bilanz gezogen wird nach 17 Jahren Präsenz am Hindukusch, kommt von den Regierungen immer seltener der Hinweis auf demokratische Errungenschaften. Dafür wird eine andere vermeintliche Erfolgsgeschichte bemüht: der Wiederaufbau des afghanischen Schulsystems. Tatsächlich machen bald die ersten Jugendlichen jener Generation die Matura, die von der Herrschaft der Steinzeitislamisten nur aus den Erzählungen ihrer Eltern wissen. Najia Asghari gehört zu einem Teil der afghanischen Jugend, für den Bildung trotz aller Hindernisse ein Zukunftsversprechen darstellt. Asghari will Ärztin werden, weil sie darin die Möglichkeit sieht, ihrem Land beim Aufbau zu helfen und Leid zu lindern.

Ein Ziel formulieren

Ihr Abschlussjahrgang steht für einen klar erkennbaren Wandel: Als die Taliban regierten, in den Jahren von 1996 bis 2001, durften Mädchen nicht in die Schule gehen. Nun machen auch Schülerinnen ihre Abschlüsse, obwohl von Gleichberechtigung keine Rede sein kann. «Im Vergleich zu der Zeit, als die Taliban an der Macht waren, ist die Situation für Mädchen sehr gut», sagt Anisa Asghari, Najias Mutter. Doch die Sicherheitslage müsse besser werden, «damit die Kinder ohne Angst in die Schule gehen können». Immer noch gibt es Attacken auf Schulen, wie etwa im August in Kabul. Der sogenannte Islamische Staat reklamierte den Anschlag für sich, bei dem mindestens 34 Menschen ums Leben kamen.

Najia Asghari weiss, dass die Parlamentswahl die Unwägbarkeiten in ihrem Leben nicht beseitigen wird. Ihr fehlen «wirtschaftliche Perspektiven. Es fühlt sich sehr ungewiss an, ob ich mein Ziel, Ärztin zu werden, wirklich erreichen kann.» Trotzdem, sagt Najia, sie könne zumindest ein Ziel formulieren.

Ein afghanischer Journalist in Kabul hat diese Geschichte mitrecherchiert. Aus Sorge vor Repressalien der Taliban möchte er nicht als Co-Autor genannt werden.

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