Die verheerenden Folgen der US-Atomtests

Nach dem Zweiten Weltkrieg warfen die USA 67 Atombomben über der Pazifikregion ab. Auf Runit Island wurde danach Atommüll gelagert. Nun zerstört der steigende Meeresspiegel das Depot – und die Region wird erneut verseucht.

Das Lager für Atommüll auf Runit Island ist eine langsam ablaufende Nuklearkatastrophe.

Das Lager für Atommüll auf Runit Island ist eine langsam ablaufende Nuklearkatastrophe.

(Bild: Getty Images)

Das Meer ist türkisfarben, der Sand so weiss, dass einem die Augen brennen. Die Insel selbst – bewachsen mit Büschen und vereinzelten Palmen – ragt nur wenige Meter über das Meer. Runit Island wirkt wie ein verlassenes Eiland im Pazifik. Doch Aufnahmen aus der Luft zeigen eine unter­tassenförmige Betonstruktur von etwa 100 Metern Durchmesser.

Denn auf der Insel, die zum Staat der Marshallinseln gehört und im weiten Pazifik zwischen Australien und Hawaii liegt, lagert seit Ende der 70er-Jahre Atommüll. Insgesamt befinden sich auf Rungit Island 85'000 Kubikmeter nuklearer Abfall, darunter Plutonium-239, eine der giftigsten Substanzen überhaupt. Der Müll liegt direkt auf dem ­Boden der Insel, abgedeckt mit einem 50 Zentimeter dicken ­Betondeckel. Und wird nun zur Gefahr.

Der Nuklearabfall ist ein Überbleibsel der amerikanischen Atombombentests, die nach dem Zweiten Weltkrieg grosse Teile von insgesamt über 1200 Inseln im Pazifik verseuchten. Insgesamt 67 Atombomben warfen die USA zwischen 1946 und 1958 in der Pazifikregion ab.

Krebs, Tumore, Fehlgeburten

Eine ganze Generation sah sich mit den Folgen der radioaktiven Strahlung, Krebserkrankungen, Tumoren, Fehlgeburten und Missbildungen, konfrontiert. ­Etliche Menschen verloren ihre Heimat, mussten umsiedeln. Bis heute sind viele Inselbewohner auf amerikanische Importe an­gewiesen und mussten ihre traditionelle Ernährung mit Fisch und lokalen Produkten wie Kokosnüssen umstellen, die nach wie vor zu verseucht für den Verzehr sind.

Inzwischen sind zwar einige der Inseln wieder bewohnbar, doch nun bringt der Klimawandel Probleme mit sich, mit denen vor siebzig Jahren noch niemand rechnete. Denn durch den steigenden Meeresspiegel drohen tief liegende Inseln wie Rungit Island überschwemmt zu werden.

Risse im Atombunker

Inzwischen sickert Meerwasser von unten durch. Risse sind auch im Atombunker selbst zu sehen, wie jetzt eine Dokumentation des australischen Senders ABC aufdeckte. Auch ein Bericht des US-Energieministeriums wies 2013 bereits auf die Problematik hin.

Durch das in die Struktur eingedrungene Meerwasser ist schon jetzt radioaktives Material ins Meer geraten. Doch sollten die Lecks grösser werden, wäre dies ein «verheerendes Ereignis», wie der Klimawandelaktivist Alson Kelen gegenüber ABC sagte. «Wir sprechen dabei nicht nur über die Marshallinseln, sondern den gesamten Pazifik.»

Auch der amerikanische Experte der Universität Columbia in New York Michael Gerrard betrachtet die Situation als kritisch. Bei einem Sturm wasche die See schon jetzt manchmal über die Betonkuppel, sagte er. «Die Regierung der Vereinigten Staaten ist sich dessen bewusst, dass ein grösserer Taifun sie auseinanderbrechen lassen könnte und die Strahlung aus dem Inneren damit verteilt würde.»

Die Verseuchung geht weiter

Er plädiert dafür, die Beton­struktur zu verstärken. Doch ein weiterer Bericht aus dem Jahr 2014 kam zu dem Schluss, dass die Verseuchung im Meer schon heute so gross ist, dass der Katas­trophenfall gar keinen so grossen Unterschied mehr machen würde. Den Anwohnern auf den benachbarten Inseln hilft dies wenig. Sie haben Angst, dass sie im Fall eines Bruchs erneut ihre Heimat verlieren würden und um­gesiedelt werden müssten, wie sie dem australischen Sender berichteten.

Berner Zeitung

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