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Die chinesische Führung redet die Lage in Xinjiang schön

Vor ein paar Jahren noch stand im Süden Xinjiangs, unweit der Grenze zu Kirgistan, eine prachtvolle Moschee mit eindrucksvoll verzierten Kuppeln. Heute steht man vor einem Einkaufszentrum, die Moschee ist abgerissen, wie an so vielen Orten in der Region. Wobei: Ganz weg ist die Moschee nicht, winzig wie eine Kapelle hat man sie wieder aufgebaut, versteckt zwischen Ladenzeilen.

So erzählen es westliche Diplomaten, die sich vor ein paar Wochen nach Xinjiang aufmachten. Sie fragten den Imam, was mit seiner Moschee geschehen sei. Als sie ihm alte Aufnahmen der Moschee auf einem Smartphone zeigten, nahm er ihnen freundlich das Handy aus der Hand und sagte, sie müssten ein wenig auszoomen, er spreizte die Finger und die Moschee auf dem Display wurde kleiner und kleiner. «Sehen Sie, alles bestens», sagte er laut jemandem, der dabeigewesen ist. Das Foto zeigen wir zum Schutz der Quelle nicht.

Ein Moment, so surreal wie ein Monty-Python-Sketch, und das mitten in Xinjiang, im Land der Umerziehungslager. Das ist die neue Normalität, seitdem internationale Medien Ende November aus internen Papieren der Kommunistischen Partei – den sogenannten China Cables – zitiert haben, die das Ausmass des Lagersystems belegen. Nach den Veröffentlichungen haben die Staatsmedien eine Propagandakampagne gestartet. Zunächst wurde alles zensiert, sodass keine Spuren der Berichte im chinesischen Internet zu finden sind. Danach wurde in Filmen über den Anti-Terrorkampf berichtet. Zu sehen waren nur dankbare Uiguren.

Wie in einem Theaterspiel

Mitte Dezember gab sogar Shohrat Zakir, der Gouverneur der Region, eine Pressekonferenz in Peking. «Alle Studenten in den Zentren, die die Nationalsprache und das Gesetz studiert haben und eine betriebliche Ausbildung gemacht und Deradikalisierungskurse belegt haben, haben ihren Abschluss gemacht», sagte er. Die Lager müssten demnach leer stehen und auf den Strassen Xinjiangs wieder genauso viele junge Uiguren zu sehen sein, wie noch vor drei Jahren. Fehlanzeige.

Chinas Aussenminister Wang Yi spricht von «hundertprozentigen Lügen», «Fake News» und erklärte: «Manche wollen Chinas Entwicklung und weiteres Erstarken behindern, indem sie China anschwärzen.» Sein Rat: «Kommen Sie bitte selber nach Xinjiang, um sich dann am Ort ein Bild von der Realität zu machen. Dann wissen Sie besser, was da geschieht.» Es gebe in Xinjiang keine Umerziehungslager. Auch keine Verfolgung. Man könne in Xinjiang nur sehen, «dass die Nationalitäten, die muslimischen Minderheiten in Harmonie und Sicherheit leben».

Wer Wangs Empfehlung folgt und die Region bereist, so berichten es Diplomaten und Journalisten, fühle sich oft wie in einem Theaterspiel. Nur dass man nicht so recht wisse, ob man Teil der Inszenierung sei oder der einzige Zuschauer, für den gerade ein aufwendiges Stück gegeben werde. Einem werde nicht mehr so oft nachgestellt wie noch vor einem halben Jahr, keine Agenten, die einem in fünf Metern Abstand überallhin folgten, niemand, der schon beim Frühstück im Hotel filme, Taxifahrer nähmen einen plötzlich mit, an Strassensperren werde man durchgewunken. Normalität solle so vorgegaukelt werden, berichten Besucher, die seit der Veröffentlichung der China Cables in Xinjiang waren. Erst auf den letzten Metern werde man gestoppt. Eine Baustelle vor dem Umerziehungslager, das man ansehen wolle, zum Beispiel. So erging es auch den Diplomaten, die die Moschee im Süden Xinjiangs besuchten. Sie hätten sich den Lagern zwar nähern können, aber bis zu den Toren der Einrichtungen seien sie nie gekommen.

Christoph Giesen, Frederik Obermaier

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