Der Vorrat an hübschen Göttinnen ist erschöpft

Mit viel Verspätung sorgt die #MeToo-Debatte jetzt auch in der autoritären Volksrepublik China für Skandale und Rücktritte.

In der U-Bahn von Peking: Sexuelle Übergriffe sind auch in China keine Seltenheit. Foto: Ira Block (Getty Images)

In der U-Bahn von Peking: Sexuelle Übergriffe sind auch in China keine Seltenheit. Foto: Ira Block (Getty Images)

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Ein bekannter Moderator des Staatsfernsehens, den eine Praktikantin der Grapscherei im Umkleideraum bezichtigt. Einer der prominentesten buddhistischen Mönche des Landes, der sich an Nonnen seines Klosters vergriffen haben soll. Und vor einer Woche dann der Unternehmer und Milliardär Richard Liu, Chef des E-Commerce-Unternehmens JD.com: Ihn hielt die Polizei während eines USA-Besuchs einen Tag lang in Gewahrsam wegen des Verdachts auf «sexuelles Fehlverhalten», bevor sie ihn mangels Beweisen freiliess.

Mit einem Mal häufen sich in China die Fälle Prominenter, denen sexuelle Übergriffe vorgeworfen werden. Mit einem Mal beginnt auch hier die #MeToo-Debatte. Patriarchenkultur, vor allem aber das autoritäre politische System und seine Zensur hatten lange verhindert, dass sie aus den Nischen feministischer und universitärer Kreise ausbrach. Dieser Sommer aber hat das geändert. Plötzlich haben Chinesinnen weniger Angst, von Übergriffen zu berichten – und manchmal haben ihre Erzählungen auch Konsequenzen.

1700 Zuschriften

Erwischt hat es dabei längst nicht nur Prominente. Vorwürfe sexueller Belästigung bis hin zur Vergewaltigung werden aus allen Ecken der Gesellschaft bekannt, unter anderem traf es bislang Journalisten, Professoren, einen Umweltaktivisten, den Gründer einer bekannten wohltätigen Stiftung und zwei Badmintontrainer. Ein Pekinger Professor wurde von seiner Universität freigestellt, der Manager eines Bikesharing-Unternehmens gefeuert. Eine Pekinger Zeitschrift forderte ihre Leser und Leserinnen dazu auf, ihre Erfahrungen zu teilen. In den ersten 24 Stunden gingen 1700 Zuschriften ein.

«Ein einziger Funke kann einen Steppenbrand auslösen.»Yi Xiaohe, Shanghaier Journalistin in einem offenen Brief gegen sexuelle Übergriffe

Viele der Beschuldigten bestreiten die Vorwürfe. Dem bekannten Mönch Shi Xuecheng, Abt des Longquan-Klosters bei Peking, war in einem 95 Seiten langen Dokument von zwei seiner Jünger neben unsauberem Geschäftsgebaren auch die Belästigung von sechs Nonnen vorgeworfen worden. Als er dann Mitte August als Präsident der buddhistischen Vereinigung Chinas zurücktrat, wurden die Vorwürfe in den offiziellen Erklärungen mit keinem Wort erwähnt. Dafür wurden sie umso heftiger diskutiert in den sozialen Medien, in denen der Abt bis dahin – mit einer Million Follower auf dem Kurznachrichtendienst Weibo – ein Star gewesen war. Unter Anspielung auf den in chinesischen Klöstern meditativ gesungenen Namen des Buddhas A-mi-tuo-fo machte der Hashtag A-me-too-fo die Runde. Der Abt selbst nannte die Anschuldigungen «erfunden» und die Dokumente «gefälscht».

Auch ohne Schuldeingeständnis sind die Reaktionen auf die Vorwürfe oft verräterisch. Die Praktikantin, die sagt, der CCTV-Moderator Zhu Jun habe sie vor einer Sendung in seinem Umkleideraum sexuell belästigt, erzählt nun, wie sie ihn danach bei der Polizei anzeigen wollte. Die Beamten hätten sie überredet, die Anzeige zurückzuziehen wegen des «enormen positiven Einflusses» des Moderatoren auf die Gesellschaft. Der Journalist Zhang Wen verteidigte sich mit dem Argument, Umarmungen und Küsse seien beim gemeinsamen Umtrunk in Medienkreisen «normal». Ein Argument, das auch in China immer weniger Leute überzeugt. Die Opfer der Übergriffe werden mutiger. «Ein einziger Funke kann einen Steppenbrand auslösen», schrieb die Shanghaier Journalistin Yi Xiaohe in einem offenen Brief im Juli, in dem sie Übergriffe Zhang Wens beschrieb. Genau das allerdings fürchtet die Partei.

Chinas KP ist jede von ihr nicht gesteuerte Debatte ein Graus. Im Frühjahr hatte die #MeToo-Debatte zum ersten Mal an Fahrt aufgenommen. Studenten diskutierten millionenfach die Geschichte vom schon 20 Jahre zurückliegenden Selbstmord einer Studentin an der Universität Peking, vermutlich nach einer Vergewaltigung durch einen Professor. Damals löschte und sperrte die Zensur pausenlos. Besonders aktive Studentinnen wurden gewarnt. Ihr Kampf sei «geplant» und «organisiert» – eine Todsünde in einem System, in dem allein die Partei organisieren darf. Man habe sie als «politische Bewegung» eingestuft. Wenn sie weiter so viel Lärm machten, müsse man sie bald als «Verräterinnen» entlarven, die mit dem Ausland gemeinsame Sache machten.

Schwere Geschütze, aber wohl kein Wunder. Eine Bewegung, in der Frauen Rechenschaft fordern von Lehrern, Professoren, Vorgesetzten und Behördenleitern, sorgt für Gegenreaktionen in einem von Patriarchen dominierten System wie dem chinesischen. Die Männer deckten sich gegenseitig. Sie waren unantastbar. Noch immer kommt es vor, dass Hightech-Unternehmen in Stellenanzeigen mit einem unerschöpflichen Vorrat an hübschen «Göttinnen» unter ihren Mitarbeiterinnen um neue Programmierer werben. Göttinnen? Unerschöpflicher Vorrat?

Regeln gegen Belästigung

Langsam scheinen die Stimmen der Opfer gehört zu werden. Vergangene Woche meldete die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua, dass Chinas Parlament erstmals an Regeln gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz arbeite. Und auch die altbewährten Methoden der Einschüchterung scheinen nicht mehr zu funktionieren. Zumindest in manchen Fällen. Als der TV-Moderator Zhu Jun bekannt gab, wegen Verleumdung vor Gericht ziehen zu wollen, erklärte die betroffene Praktikantin gegenüber Beijing News, sie freue sich darauf, Zhu in einem Gerichtssaal gegenüberzustehen: «Ich sterbe vor Neugier zu erfahren, was mit dem Beweismaterial geschehen ist, dass die Polizei damals gesammelt hat, ob es die Aufnahmen der Überwachungskameras noch gibt, und wie der Fall ausgehen wird.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 07.09.2018, 23:11 Uhr

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