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«Das ist so gut»

Seit heute stuft Japan die nukleare Krise in Fukushima als ebenso schwer ein, wie Tschernobyl. Gleichzeitig versucht die Regierung mit fragwürdigen PR-Aktionen Normalität zu demonstrieren.

Demonstrativer Verzehr von Gemüse aus verstrahltem Gebiet: Regierungssprecher Yukio Edano (rechts) beisst in eine Erdbeere.
Demonstrativer Verzehr von Gemüse aus verstrahltem Gebiet: Regierungssprecher Yukio Edano (rechts) beisst in eine Erdbeere.
Keystone
Der Alltag in Tokio: Ungewöhnlich dunkel: Das Ausgangsviertel Shibuya.
Der Alltag in Tokio: Ungewöhnlich dunkel: Das Ausgangsviertel Shibuya.
AFP
Die andere Seite: In einer Sporthalle in Tokio wurden Flüchtlinge aus der Krisenregion untergebracht.
Die andere Seite: In einer Sporthalle in Tokio wurden Flüchtlinge aus der Krisenregion untergebracht.
AFP
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Rund einen Monat nach Beginn der nuklearen Krise stuft die japanische Regierung den Atomunfall von Fukushima offiziell als ebenso schwer ein wie das Reaktorunglück in Tschernobyl. Die Atomsicherheitsbehörde (Nisa) erklärte am Dienstag in Tokio, das Unglück werde nun auf der Internationalen Bewertungsskala auf der höchsten Gefahrenstufe 7 eingeordnet. Bislang galt noch Stufe 5.

«Wir haben die Einstufung der Schwere (des Unglücks) auf sieben angehoben, weil die Auswirkungen der Strahlung umfassend sind, in der Luft, im Gemüse, in Leitungs- und Meerwasser», sagte Nisa-Sprecher Minoru Oogado. Die Menge der Radioaktivität, die aus dem Atomkraftwerk Fukushima-Daiichi ausgetreten sei, entspreche etwa zehn Prozent der Menge, die in Tschernobyl freigesetzt wurde.

Ministerpräsident Naoto Kan bemühte sich unterdessen um Beruhigung. Er rief die Bevölkerung auf, nicht in Panik zu geraten und sich stattdessen auf die Erholung von der Katastrophe zu konzentrieren. «Die Situation der Atomreaktoren im Kraftwerk Fukushima hat sich jetzt Schritt für Schritt stabilisiert», sagte Kan in einer landesweit übertragenen Fernsehansprache. «Die Menge der austretenden Radioaktivität ist rückläufig.»

Edano dementiert direkte Gesundheitsschäden durch Strahlung

Regierungssprecher Yukio Edano sprach heute von einem «extrem schweren Unglück» in Fukushima. «Wir bedauern es gegenüber der Öffentlichkeit, den Anwohnern des Kraftwerks und der internationalen Gemeinschaft ausserordentlich, einen solchen Unfall verursacht zu haben», sagte Edano. Der Regierungssprecher erklärte jedoch, dass keine direkten Gesundheitsschäden zu befürchten seien. «Der Unfall selbst war sehr schwer. Wir haben jedoch die Priorität darauf gelegt, Gesundheitsschäden zu vermeiden», sagte Edano zu Journalisten.

Gleichzeitig läuft in Japan eine eigentliche PR-Tour für Produkte, die aus der verstrahlten Region stammen. Als Zeichen der Solidarität mit den durch den Atomunfall von Fukushima betroffenen Bauern ist heute in Tokio Obst und Gemüse aus der Region auf einem eigens dafür eingerichteten Markt verkauft worden. Die Waren fanden reissenden Absatz, wie eine AFP-Journalistin berichtete. «Die Produkte vom Bauernhof wurden innerhalb einer Stunde gekauft», freute sich der Vertreter der Stadt Iwaki, Hiroyuki Watanabe, die die Aktion organisiert hatte. Alle angebotenen Obst- und Gemüsesorten seien getestet worden, um sicherzugehen, dass sie nicht radioaktiv belastet seien.

Demonstrativer Verkauf von Gemüse aus den verstrahlten Regionen

Die Regierung hatte kürzlich ein Verkaufsverbot für bestimmte grüne Gemüsesorten aus vier Präfekturen um das Atomkraftwerk Fukushima wieder aufgehoben. Die Kundin Asuka Tajima kaufte Tomaten, um damit Ihre Unterstützung zum Ausdruck zu bringen. «Ich glaube, dass das Gemüse aus Fukushima sicher ist», sagte sie. Sie werde dieses weiterhin «ohne zu zögern» im Supermarkt kaufen. Die 25-jährige Reira Shimada gab zu, «etwas beunruhigt» zu sein. «Aber diese Bauern haben sich so bemüht, dieses Gemüse anzubauen», erklärte Shimada und fügte hinzu, das Gemüse auch ihrer einjährigen Tochter zum Essen zu geben.

Auch Regierungssprecher Yukio Edano machte vor der Kamera eine Tour über den Markt, um einige Erdbeeren und eine Tomate zu verzehren. «Das ist so gut», betonte Edano. Es würden ausschliesslich bekömmliche Produkte angeboten. Die Greenpeace liess jüngst verlauten, dass das Gemüse aus der entsprechenden Region hoffnungslos verstrahlt sei.

Der Kraftwerksbetreiber Tepco erklärte, es werde noch geprüft, wie viel Radioaktivität insgesamt austreten könnte. Werde weiterhin Strahlung freigesetzt, könnte letztlich mehr Radioaktivität in die Umwelt gelangen als in Tschernobyl, sagte Sprecher Junichi Matsumoto. Die Wahrscheinlichkeit dafür sei jedoch extrem niedrig, sagte später ein anderer Tepco-Sprecher.

Die Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse (INES) unterscheidet bei atomaren Unfällen sieben Stufen. Stufe 7 steht dabei für einen «katastrophalen Unfall» wie 1986 in Tschernobyl, wenn ganz offensichtlich Radioaktivität in erheblichem Masse austritt.

Am Montag war die Evakuierungszone rund um das Kraftwerk auf fünf weitere Gemeinden ausgedehnt worden. Die Stadtverwaltung in der rund 40 Kilometer von Fukushima entfernten Ortschaft Iitate untersagte am Dienstag den Anbau aller Agrarerzeugnisse in der Region. Den Anbau von Reis hatte die Regierung in Tokio bereits zuvor verboten. Anwohner des Kraftwerks reagierten verärgert auf die Hochstufung. «Das ist sehr schockierend für mich», sagte die Gastronomin Miyuki Ichisawa aus Iitate. «Jetzt sagt uns die Regierung offiziell, dass dieser Unfall das gleiche Ausmass hat wie Tschernobyl.»

Grossteil der Strahlung zu Beginn der Atomkrise ausgetreten

Japanische Wissenschaftler erklärten hingegen, die Revision sei kein Grund zur Besorgnis. Diese stehe nicht in direktem Zusammenhang mit Risiken für die Gesundheit und die Umwelt, sondern basiere lediglich auf der Gesamtmenge der freigesetzten Radioaktivität, sagte der Atomphysiker Hironobu Unesaki von der Universität Kyoto. Die meiste Strahlung sei gleich zu Beginn der Krise ausgetreten und die Hochstufung bedeute nicht, dass noch immer in hohem Masse Radioaktivität austrete, erklärte der Forscher.

Auf dem Gelände des schwer beschädigten Atomkraftwerks brach am Dienstag ein Feuer aus. Betreiber Tepco erklärte, das Feuer in der Nähe von Reaktor 4 sei klein gewesen und rasch gelöscht worden. Es habe keine Auswirkungen auf die Arbeiten zur Kühlung der Reaktoren gehabt. Es war nicht klar, ob der Brand im Zusammenhang mit einem Erdbeben der Stärke 6,3 stand, das kurz zuvor die Region erschüttert hatte.

Wegen der schwerwiegenden Folgen des Erdbebens und des Tsunamis hat der Internationale Währungsfonds (IWF) seine Prognose für das Wirtschaftswachstum in Japan gesenkt. Der IWF geht in einem am Dienstag veröffentlichten Bericht zur Weltwirtschaft nur noch von 1,4 Prozent Wachstum in Japan aus, 0,2 Prozentpunkte weniger als noch vor dem Beben erwartet. Zur Begründung wurden Schäden an Fabriken, Stromausfälle und andere Betriebsstörungen genannt.

dapd/mrs

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