Christchurch ist vereint – in Trauer und Abscheu

Der Attentäter habe weitermorden wollen, sagt Neuseelands Premierministerin.

Viele Menschen im Pazifikstaat fühlen sich verantwortlich für die kleine muslimische Gemeinde, auf die am Freitag ein rechtsextremistischer Anschlag verübt wurde: Mahnwache am Strand von Auckland. Foto: Getty Images

Viele Menschen im Pazifikstaat fühlen sich verantwortlich für die kleine muslimische Gemeinde, auf die am Freitag ein rechtsextremistischer Anschlag verübt wurde: Mahnwache am Strand von Auckland. Foto: Getty Images

Für einen kurzen Moment könnte man glauben, dass alles nur ein schlimmer Traum gewesen ist, so ruhig liegt der Hagley Park in den frühen Morgenstunden des Samstag da, so normal hört sich das Vogelgezwitscher an, so entspannt läuft ein Jogger auf einem der Wege entlang, die den grossen Park im Zentrum Christchurchs durchkreuzen. Erst beim zweiten Hinsehen rückt das rot-weisse Absperrband der Polizei ins Blickfeld, dann auch die schwer bewaffneten Wachen, die den Ort absichern, an dem am Freitagnachmittag um 13.40 Uhr ein Attentäter das Feuer auf betende Muslime eröffnete.

Bei dem Anschlag waren mindestens 50 Menschen getötet worden, Dutzende Menschen werden immer noch in Krankenhäusern behandelt. Der Todesschütze von Christchurch hat nach Regierungsangaben weitere Morde geplant. «Er hatte die Absicht, seine Attacke fortzuführen», sagte Premierministerin Jacinda Ardern vergangenen Samstag.

Video: Brenton T. erscheint vor Gericht

Der Verdächtige, der wegen Mordes angeklagt ist, ist am Samstagmorgen beim Gericht in Christchurch erschienen. Video: AFP

Der Täter, ein Australier, der seit mehreren Jahren in Neuseeland lebt, wurde am Samstag in Handschellen und weisser Häftlingskleidung zum Gerichtstermin vorgeführt. Dabei zeigte er das «Okay»-Zeichen in die Kameras, wie es in der englischsprachigen Welt verbreitet ist: Daumen und Zeigefinger zusammengehalten, die anderen Finger abgespreizt. Nach neuseeländischen Medienberichten äusserte er sich nicht zu den Vorwürfen.

«Als ich vorbeifuhr, kippte plötzlich einer um»

Im Verlauf des Vormittags kommen immer mehr Leute an die Westseite des Parks. Erst wissen sie nicht recht, wo sie die Blumen und Kondolenzkarten, die sie mitgebracht haben, ablegen sollen.

Doch dann wird eine Verkehrsinsel auf einer abgesperrten Kreuzung, etwa dreihundert Meter von der Moschee entfernt, zum Versammlungsort der Trauernden. Auch wenn sich mehr und mehr Menschen um jene Verkehrsinsel einfinden, die normalerweise die Zufahrt in das Wohnviertel regelt, in dem die Moschee liegt, bleibt Stille über dem Geschehen.

Manche Trauernde stehen regungslos neben orangen Warn­kegeln, andere sitzen mitten auf der Kreuzung und haben den Kopf in die Arme gelegt. Einige haben ihre Kinder mitgebracht, diese liegen ihren weinenden Müttern und Vätern in den Armen.

Bildstrecke: Terroranschlag in Neuseeland

  • loading indicator

Die Rentnerin Maree Dennehy, die auf der Rückseite der Moschee wohnt, erzählt, wie sie am Freitag um 13.40 Uhr aus dem Haus ging und sich wunderte, wer um diese Zeit ein Feuerwerk veranstaltete: «Ich dachte mir im ersten Moment nicht allzu viel und stieg in mein Auto, dann bog ich um die Ecke und fuhr an der Moschee vorbei, wo einige Menschen auf dem Bürgersteig standen. Gerade als ich vorbeifuhr, kippte plötzlich einer aus dieser Gruppe um, dann der nächste – erst da realisierte ich, dass auf diese Menschen geschossen wurde.» Dennehy floh vom Tatort zum Haus ihrer Schwester, erst beim Hören der Nachrichten wurde ihr das Ausmass des Attentats bewusst.

Tags darauf strahlt die ältere Frau eine bemerkenswerte Ruhe aus. Als ein Angehöriger zweier Opfer versucht, unter lautstarkem Protest die Absperrungen zu durchqueren, um zum Tatort zu gelangen, geht sie zu dem Mann und redet beruhigend auf ihn ein. Sie kennt die Menschen, die in ihrer Nähe beten. «Auch wenn ich keine Muslimin bin, war ich öfter zu Besuch in der Moschee», erzählt sie: «Es gab immer wieder Veranstaltungen, zu denen ich gegangen bin. Es war immer eine freundliche Nachbarschaft.»

Manche berichten unter Tränen davon, wie sie sich um ihre Kinder sorgten, die im Park spielten. Ein stämmiger, älterer Mann, der seinen Nachnamen nicht an die Medien weitergeben möchte und sich nur als Dean vorstellt, brummt immer wieder vor sich hin: «This is not who we are» – «Das sind nicht wir», und bringt damit ein Gefühl zum Ausdruck, das auch von anderen Trauernden geteilt wird. Auch über dem kleinen Blumenmeer an der Verkehrsinsel befestigt jemand ein aus Karton ge­basteltes Schild, auf dem «This is not NZ» steht – «Das ist nicht ­Neuseeland».

Als Reaktion will die Regierung die Waffengesetze verschärfen

Am späten Vormittag trifft eine Gruppe von Schülern der Christchurch Boys’ High School ein, die meisten von ihnen stammen aus Tonga, einem Inselstaat nördlich von Neuseeland. Sie haben eine Gitarre mitgebracht, stellen sich im Kreis auf und singen ein sanftes, ergreifendes Lied in der Sprache der Maori, der Ureinwohner Neuseelands. Der Lehrer stellt sich als Albany Peseta vor, er berichtet davon, wie er gemeinsam mit seinen Schülern gestern gebetet habe, um die Angst zu vertreiben, während die Schule abgeriegelt war.

Mit tränenerstickter Stimme fasst Peseta in einem Satz die Gefühle einer Stadt zusammen, die sich verantwortlich fühlt für die kleine muslimische Gemeinde, die am Freitag attackiert wurde: «Die Menschen, die gestern gestorben sind, und ihre Vorfahren sind nach Neuseeland gekommen, um ein besseres Leben zu haben – genau wie wir alle. Dass sie das nicht durften, bricht mir das Herz.»

Als Reaktion auf den brutalsten Anschlag in der jüngeren Geschichte Neuseelands will die Regierung die Waffengesetze verschärfen. «Unsere Waffengesetze werden sich ändern», sagte Premierministerin Ardern am Samstag.

In dem Pazifikstaat darf man bislang nach einer Überprüfung durch die Behörden schon mit 16 Jahren Waffen besitzen. Dazu benötigt man einen Waffenschein, muss die Waffen aber nicht alle einzeln anmelden. Der Täter hatte einen Waffenschein. Er war auch Mitglied in einem Schützenverein.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt