China fordert die US Navy

Die USA beherrschen den Pazifik nicht mehr uneingeschränkt. China hat massiv aufgerüstet – wegen eines Vorfalls 1996.

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Chinas Marine hat eine Grösse erreicht, welche den USA Sorgen macht. Seit dem Zweiten Weltkrieg haben die Amerikaner den Pazifik über 70 Jahre lang nach Belieben regiert und mit ihrer mächtigen Flotte manchem Land imponiert. So auch China.

1996 führte der Erzfeind Taiwan die ersten direkten und freien Präsidentschaftswahlen durch, sehr zum Missfallen der Volksrepublik auf dem Festland. China feuerte als Warnung zwei Raketen ins Wasser vor der Insel ab. Der damalige US-Präsident schickte daraufhin zwei Flugzeugträger in die Region und zeigte dem Reich der Mitte damit unmissverständlich die Grenzen auf.

Diese Demütigung hat Spuren hinterlassen. «Wir wurden zur Beute der Imperialisten», schrieb ein chinesischer Marine-Analyst zu diesem Vorfall. Zu lange habe China sich nicht um die Marine gekümmert, habe das Meer als gemütlichen kleinen Teich behandelt.

China Masse, USA Klasse

Das änderte sich in den letzten Jahren massiv. China hat eine Flotte aufgebaut, die nicht mehr nur eine Ansammlung von Schiffen ist. Ein alter russischer Flugzeugträger wurde aufgemöbelt und dient nun als Aushängeschild der Marine. Es folgen mehr als 30 Zerstörer und knapp 80 mittlere und kleine Kriegsschiffe – Kreuzer, Fregatten und Korvetten. Je nach Quelle hat die chinesische Volksbefreiungsarmee zudem zwischen 60 und 70 U-Boote. Der US Congressional Research Service spricht von 68, davon 7 atombetrieben.

Die USA können diese Flotte noch problemlos in Schach halten. Sie haben alleine 11 Flugzeugträger und 63 Zerstörer.

Alleine damit sind die USA derzeit auf dem Wasser noch überlegen. Die Flugzeugträger können beispielsweise 60 F/A-18 transportieren. Wobei auch diese zur Navy gehören und nicht etwa zur Air Force. So verfügt alleine die US Navy über 3700 Flugzeuge. Zum Vergleich: Chinas Marine hat schätzungsweise 800.

Auch bei den U-Booten können die Amerikaner mehr als nur mit China mithalten, 72 haben sie nach eigenen Angaben.

Die Mehrheit (ca. 56) der chinesischen U-Boote sind konventionelle mit Dieselantrieb, rund die Hälfte ist veraltet. Je nach Quelle hat China mittlerweile sechs oder sieben atombetriebene U-Boote. Diese sind schwieriger zu orten, fahren schneller und können länger untertauchen. In der US Navy sind alle U-Boote nukleargetrieben.

Insgesamt hat China mehr Schiffe, aber vor allem kleinere – Patrouillenboote, Minenschiffe, Korvetten, Transporter.

Der Vergleich der beiden Flotten zeigt: Die chinesische Marine ist momentan vor allem Masse, die US Navy hat mehr Klasse. Letzteres ist eine bewusste Entscheidung der Amerikaner, die Flotte soll klein, aber schlagkräftig sein. Qualitativ sind die Chinesen klar unterlegen. Und auch personell sind die Amerikaner noch besser aufgestellt.

Rein aufgrund der Grösse der Marine bestände in den USA also noch nicht unbedingt Grund zur grossen Sorge. Doch China baut nicht mehr nur fleissig iPhones, sondern eben auch massenhaft neue Schiffe. Ein zweiter Flugzeugträger soll bald fertiggestellt sein, zudem weitere Kriegsschiffe. Die bemerkenswerte Aufrüstung seit 1996 zeigt sich vor allem bei den U-Booten: Damals verfügte China über drei, jetzt sind es über 60 und 2020 sollen es bereits 80 sein.

Um den rasanten Aufbau zu ermöglichen, hat China in aller Welt Technologien zusammengekauft, in manchen Fällen wohl auch gestohlen, wie die «New York Times» schreibt.

Machtanspruch im Südchinesischen Meer

Die USA können im Pazifik trotz ihrer Überlegenheit aber nicht mehr schalten und walten, wie sie wollen. Keine der Grossmächte dürfte zwar Zweifel daran haben, wer einen Krieg gewinnen würde, doch die Chinesen könnten mittlerweile so viel Gegenwehr bieten, dass die Sache für die USA unangenehm würde. Die USA schreiben in einem Berichtselber, dass dies die erste ernsthafte Herausforderung für die Marine seit dem Ende des Kalten Kriegs sei.

China kann nun glaubhaft Präsenz markieren. Und China kann seine Nachbarn in der Region ernsthaft einschüchtern.

Die Volksrepublik versucht noch immer, den Grossteil des Südchinesischen Meers für sich zu beanspruchen, auch jene Bereiche, die Tausende Kilometer von seinen Küsten entfernt sind – und praktisch vor den Küsten von Thailand, Malaysia oder den Philippinen liegen. China hat dafür in der Region mehrere Inseln aufgeschüttet und Flughäfen mit Landebahnen und Raketenabwehrstationen errichtet. Obwohl internationale Gerichte den Anspruch der Volksrepublik längst abgeschmettert haben.


Zum Vergrössern

Die USA stossen bei Patrouillen im Südchinesischen Meer immer öfter auf chinesische Schiffe und werden aufgefordert, abzuziehen, obwohl es sich um internationale Gewässer handelt. Die Krux der Region: Am Meeresgrund werden massive Ressourcen vermutet, Gas und Öl. China wird mit seiner stärker werdenden Marine immer mehr Durchsetzungskraft für seine Sichtweise entwickeln.


«Hier ist China ... verschwindet sofort»China beansprucht das Südchinesische Meer immer stärker: Zum Artikel


Und auch Taiwan macht sich über die grösser werdende Anzahl Kriegs- und Truppentransportschiffe seine Sorgen über eine mögliche Invasion. Sollte die Volksrepublik ihren Anspruch auf die Insel eines Tages mit Gewalt durchzusetzen versuchen, kann sie auf dem Meer auch dafür sorgen, dass die USA mit ihrer Flotte nicht ohne weiteres aufkreuzen können.

In den USA zeigt ein Anfang August erschienener Bericht, dass die USA die Modernisierung der chinesischen Navy im Auge haben. Auf 120 Seiten wird der Kongress informiert, welche neuen Bedrohungen auf die USA zukommen und wie die US Navy mit den chinesischen Raketen und U-Booten umgehen sollte. Vor allem auch, ob die Navy noch genügend auf diese neue Herausforderung eingestellt ist oder ob es eine Vergrösserung/Veränderung der Flotte benötigt, wie es im Bericht heisst.

China dürfte das zufrieden zur Kenntnis nehmen. Während die USA sich unter Trump als Weltpolizei zurückziehen, gewinnt die Volksrepublik an Einfluss und kann im Pazifik Paroli bieten. Und es wird zumindest nicht mehr vorkommen, dass die Chinesen sich von den USA vor der eigenen Haustüre durch eine Machtdemonstration widerstandslos belehren lassen müssen, dafür hat das Reich der Mitte nun gesorgt.

anf

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