Attentäterin vergiftete sich beim Mord an Kim Jong-nam

Das Nervengift VX hat zum Tod des Halbbruders von Kim Jong-un geführt. Die malaysischen Behörden lassen nun doch noch den Flughafen dekontaminieren.

Er soll vergiftet worden sein: Der Halbbruder von Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un. Video: Tamedia/Reuters

Der Halbbruder von Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un wurde nach malaysischen Polizeiangaben offenbar mit dem Nervengas VX ermordet. Auf Augen und Gesicht von Kim Jong Nam seien Spuren des geächteten chemischen Kampfstoffs entdeckt worden, gab Chefermittler Khalid Abu Bakar am Freitag bekannt. Er verwies auf eine vorläufige chemische Analyse einer dafür zuständigen Behörde.

Eine der zwei Frauen, die die hochgiftige Substanz auf Kims Gesicht abgestreift haben sollen, habe später unter Erbrechen gelitten, sagte Khalid. Zudem werde der Flughafen von Kuala Lumpur entseucht, an dem der Nordkoreaner attackiert worden sei. Die Polizei prüfe noch, wie das Nervengas nach Malaysia gelangt sein könnte.

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Wenige Milligramm wirken tödlich

VX – Fachname O-Ethyl-S-2-diisopropylaminoethylmethylphosphonothiolat – ist eine farb- und geruchslose, ölige, gelbliche Flüssigkeit. Sie gilt als stärkstes Nervengas und wird über die Haut, Augen, Nahrung und Atemwege in den Körper aufgenommen. Dies führt zu Übelkeit, Lähmung der Atemmuskulatur und dann binnen weniger Minuten zum Tod durch Ersticken. Schon wenige Milligramm VX wirken tödlich. Das Gas VX wird auch als Chemiewaffe eingesetzt. Die UNO stuft die Substanz als Massenvernichtungswaffe ein.

Eine Gasmaske allein bietet keinen ausreichenden Schutz. Da der Stoff in erster Linie durch die Haut aufgenommen wird, ist ein spezieller Schutzanzug erforderlich. Einen wirksamen Schutz von Zivilisten gegen einen Anschlag mit VX gibt es deshalb nicht. Das beste Gegenmittel ist Atropin.

Massenvernichtungswaffe

Die Substanz wurde in den 50er-Jahren in Grossbritannien entwickelt und sollte ursprünglich als Pestizid eingesetzt werden, wurde aber als zu giftig befunden. Iraks Ex-Diktator Saddam Hussein stand im Verdacht, den Kampfstoff im Ersten Golfkrieg eingesetzt zu haben. Auch in Syrien werden Vorräte vermutet.

Die einzigen Nationen, die zugegeben haben, VX oder eine vergleichbare chemische Waffe zu besitzen, sind die USA und Russland. Nordkorea ist eines von sechs Ländern weltweit, die die Chemiewaffenkonvention der UNO nicht unterschrieben haben. Beobachter vermuten dort einen der grössten Bestände chemischer Kampfstoffe überhaupt.

Die US-Armee und die Streitkräfte in der ehemaligen Sowjetunion produzierten und lagerten VX bis zur Unterzeichnung der Chemiewaffen-Konvention 1997, die die Zerstörung aller Vorräte verlangt. Der tödliche Stoff kann billig in Produktionsanlagen für Pflanzenschutzmittel hergestellt werden.

Vier Festnahmen

Der 45-jährige Kim Jong-nam war am 13. Februar am Flughafen von Kuala Lumpur ermordet worden. Südkoreanischen Medien zufolge sprühten ihm die Täter Gift ins Gesicht.

Vier Verdächtige wurden bereits festgenommen: ein 46-jähriger Nordkoreaner, eine 25-jährige Frau mit indonesischem Pass und ihr malaysischer Freund sowie eine 28-jährige Verdächtige mit vietnamesischem Pass.

Vier weitere Verdächtige aus Nordkorea, Männer im Alter von 33 bis 57 Jahren, haben sich nach Erkenntnissen der malaysischen Behörden nach Pyongyang abgesetzt. Die insgesamt fünf Verdächtigen aus Nordkorea sind nach Ansicht der malaysischen Polizei in den Mord verwickelt. Ausserdem hatten die malaysischen Ermittler am Mittwoch angekündigt, in dem Fall auch die Nummer Zwei der nordkoreanischen Botschaft in Kuala Lumpur vernehmen zu wollen.

Fragen zum Sicherheits-Management Malaysias

Mit der jüngsten Wendung im Fall rückt nun der Umgang der Behörden Malaysias mit der öffentlichen Sicherheit in den Blickpunkt. So sind elf Tage zwischen Kims Tod und der Entseuchung des Flughafens von Kuala Lumpur verstrichen.

Sollte VX beim mutmasslichen Giftmord an Kim zum Einsatz gekommen sein, wäre zudem nicht nur ein Teil des Airports kontaminiert, sondern auch jeder Ort, an dem er sich danach aufhielt - etwa medizinische Einrichtungen und der Krankenwagen, in dem er transportiert wurde. Das Nervengas verflüchtigt sich erst nach Tagen oder gar Wochen.

foa/rub/AFP/AP

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