Plötzlich lacht der Diktator

Kim Jong-un wagt durchaus Wirtschaftsreformen. Es gibt aber noch kein Modell, wie er eine soziale und politische Wende zulassen könnte, ohne den Kollaps des Regimes zu riskieren.

Freundlich und witzig: Nordkoreas Diktator Kim Jong-un präsentiert sich neuerdings ganz entspannt. Foto: KCNA, Reuters

Freundlich und witzig: Nordkoreas Diktator Kim Jong-un präsentiert sich neuerdings ganz entspannt. Foto: KCNA, Reuters

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Kim Jong-un wirkt klug, freundlich, witzig, er hört gut zu, rückt seine Brille oft zurecht, fragt nach und lacht. Er hat Übergewicht und eine Frisur, die als ­extravagant gilt, mit der er in Seoul aber kaum auffallen würde. Die Studenten der Kookmin-Universität in Südkoreas Hauptstadt Seoul hat der Diktator mit seinem Charme für sich gewonnen. Vor seinem Gipfeltreffen mit Präsident Moon Jae-in sahen ihn nur 4,7 Prozent positiv, jetzt ist es fast die Hälfte.

Trügt das Bild, täuscht Kim die Welt? Auch andere Diktatoren waren charmant. «Er ist kein Reformer», schrieb ­Victor Cha schon wenige Monate nach Kims Amtsantritt. Der Nordkorea-Experte des einstigen US-Präsidenten George Bush notierte: «Bleistiftabsätze und Miniröcke im nordkoreanischen Fernsehen» seien «gottgesandte» Signale für jene, die in Kim einen Reformer sehen wollen. Die Nordkoreaner würden mit Coca-Cola verhandeln, aber ihre Politik würden sie nicht ändern. So sieht Cha das jetzt noch. Er könne keine Intention Kims zur atomaren Abrüstung erkennen, sagte er diese Woche. Das nordkoreanische Regime setze immer dann auf Diplomatie, wenn es unter Druck stehe – diesmal wegen der Sanktionen.

Marktwirtschaft von unten

Die Debatte darüber, ob Kim ein Reformer sei, begann mit seinem Amtsantritt im Dezember 2011. Schon bald versprach er den Nordkoreanern, ihren Alltag zu erleichtern. Er ersetzte die «Songun»-Politik seines Vaters – das Wort bedeutet «die Armee zuerst» – durch «Byungjin», die Parallelentwicklung von Wirtschaft und Atomwaffen. Im letzten November erklärte er die Waffenentwicklung für abgeschlossen, nun konzentriere er sich auf die Wirtschaft. Diese wandelt sich tatsächlich. Einerseits hat das Regime begonnen, Teile davon zu entstaatlichen – zuerst die Landwirtschaft. Andererseits ist die staatliche Versorgung mit der Hungersnot in den späten 1990er-Jahren zusammengebrochen. Seither ist von unten eine Marktwirtschaft entstanden, die Nordkoreas Produktivität deutlich verbessert hat.

Nordkoreas Elite, etwa 25 Prozent der Bevölkerung, die meist in Pyongyang lebt und über den Rest der Welt Bescheid weiss, lässt Kim Wohnungen und Vergnügungsparks bauen. Er wagt also durchaus Wirtschaftsreformen. Diesen Prozess dürfte er sogar beschleunigen wollen. Denn auf die Dauer wird er seine Macht nur mit einem sich stetig verbessernden Lebensstandard rechtfertigen können.

Die Studenten der Kookmin-Universität in Seoul hat der Diktator mit seinem Charme für sich gewonnen.

Kim Jong-un war noch nicht einmal 30 Jahre alt, als er ziemlich unvorbereitet die Macht über ein marodes System übernehmen musste. Er hatte keine Wahl. Anders als sein Vater, der lange den Geheimdienst geleitet hatte, kannte er den Apparat kaum von innen. Nachdem der Vater 2008 einen Schlaganfall erlitten hatte, war er im Schnelldurchgang durch verschiedene Ämter geschleust worden. Die Annahme, Kim führe das Regime seines Vaters weiter, griff deshalb zu kurz. Dazu dürfte er mit dem System in Nordkorea gar nicht vertraut genug gewesen sein.

Inzwischen hat Kim seine Macht konsolidiert. Im Apparat hat er einen Generationenwechsel vollzogen und eigene Leute um sich geschart. Dazu gehört seine Schwester Yo-jong. Ob er auch eine politische Öffnung wagt, ist zweifelhaft. Sie wäre für Nordkorea noch schwieriger als einst für die früheren Sowjetrepubliken. In Kasachstan verwandelte sich der letzte KP-Chef über Nacht in einen «demokratisch» gewählten Präsidenten. Kasachstan ist zwar eine Autokratie, aber es ist pluralistisch, seine Grenzen sind offen. Diesen Weg könne Kim nicht gehen, glauben die meisten Experten. Das reiche, offene, demokratische Südkorea locke zu sehr; es spricht dieselbe Sprache und würde alle Nordkoreaner einbürgern. Ein Modell, wie Kim soziale und politische Reformen zulassen könnte, ohne den Kollaps seines Regimes zu riskieren, ist deshalb nicht absehbar.

Die Karikatur vom fetten Bengel

Als Michail Gorbatschow 1985 Parteichef in der Sowjetunion wurde, leitete auch er einen Generationenwechsel ein und versuchte, die Wirtschaft zu sanieren. An eine Lockerung der Repression, insbesondere der Zensur, dachte er erst nicht. Erst als er sich mit US-Präsident Ronald Reagan traf und die Abrüstung einleitete, nahm der Westen ihn ernst und begann ihn bald zu feiern. Nord­korea hat bereits begonnen, sich zu wandeln. Aber im Westen hält sich die Karikatur vom fetten Bengel mit der absurden Haartolle, der mit Raketen um sich schmeisst. Oder er wird als Sadist verstanden, der ganze Familien ins Arbeitslager verbannt und seinen Onkel Jang Song-taek 2014 hinrichten liess.

Trump empfängt US-Gefangene. Video: AFP

Jang galt als Reformer, der Chinas Weg kopieren wollte. Seit seiner Hinrichtung halten viele Experten Kim für einen ­brutalen Hardliner. In Seoul glauben manche, der korrupte Jang sei auch kein Reformer gewesen, sondern ein korrupter Bremser. Und es gibt eine dritte These: Jang Jin-sung, ein prominenter Überläufer, schrieb damals, Kim selber habe keinerlei Macht, er sei nur eine ­Marionette von Hintermännern im Organisationsbüro der Partei. Diese hätten Jangs Hinrichtung befohlen, nicht er. Sie hätten ihn damit gewarnt, er solle nicht glauben, er regiere Nordkorea.

Einige Tage nach Jangs Hinrichtung sass Kim mit aschfahlem Gesicht stumm auf einer Parteiversammlung. Das war ein anderer Mensch als der selbst­bewusste Machthaber, als der er jetzt auftritt. Und der Nordkorea nun offenbar selber steuert. Wohin und wie, wird er so wenig wissen wie Gorbatschow, als er seine Reformen begann.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.05.2018, 15:19 Uhr

Wieso treffen sich Trump und Kim in Singapur?

Lange wurde darüber spekuliert, wo denn nun das Treffen zwischen US-Präsident Donald Trump und Nordkoreas Diktator Kim Jong-un stattfinden wird. Die Schweiz wäre ein Klassiker gewesen, immerhin soll Kim dort einige Jahre lang die Schule besucht haben, ohne dass es dafür eine offizielle Bestätigung gibt. Aber Europa ist weit weg, und Kim will ungern so weit fliegen. Leichter käme er in die Mongolei, wo man den Gipfel gerne ausgerichtet hätte. Ebenso gab es natürlich Überlegungen, die Zusammenkunft irgendwo auf der koreanischen Halbinsel zu organisieren. Aber schliesslich ist die Wahl doch auf einen anderen Ort gefallen: Trump wird Kim 5000 Kilometer südlich von Pyongyang und 15'000 Kilometer südwestlich von Washington treffen: in Singapur.

Die perfekte Balance

Von Anfang war der Stadtstaat am Äquator ein aussichtsreicher Kandidat, weil er besonders viele günstige Voraus­setzungen bietet. Singapur sucht immer die perfekte Balance, manche sagen, es habe einen Fuss im Osten und einen im Westen. Der Staat unterhält intensive Beziehungen zu China und ist zugleich wichtiger Verbündeter der Vereinigten Staaten. Der kleine Staat hat es in diesem diplomatischen Spagat zu grosser Meisterschaft gebracht, weshalb Politiker aus aller Welt gerne mit Singapur ins Gespräch kommen, um die Rolle der Grossmächte im pazifischen Raum besser zu verstehen. Als wichtige Drehscheibe für die internationale Wirtschaft hat Singapur grösstes Interesse an stabilen Verhält­nissen in der Region.

Für Kim Jong-un dürfte wichtig sein, dass der Stadtstaat an der Strasse von Malakka seit langer Zeit diplomatische Beziehungen zu ­Pyongyang unterhält, es gibt eine nordkoreanische Botschaft. Ausserdem hat die Metropole den Ruf, eine der sichersten Städte der Welt zu sein. Auch der kurze Vorlauf für das Treffen am 12. Juni spricht für Singapur: Der straff organisierte Stadtstaat ist geübt im Ausrichten von Konferenzen aller Art, nichts bleibt dort dem Zufall überlassen. Alles lässt sich dort unter Kontrolle halten – ausser vielleicht die Egos von Kim Jong-un und Donald Trump. Arne Perras, Singapur

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