«Lakhdar Brahimi ist ein regelrechter Friedensstifter»

Syrien-Konferenz

Der Soziologe Jean Ziegler sagt, dass nur der UNO-Gesandte eine Übergangsregierung ohne Assad zustande bringen kann.

Der Genfer Soziologieprofessor sass 28 Jahre für die SP im Nationalrat: Auf der internationalen Bühne war er unter anderem UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung.

Der Genfer Soziologieprofessor sass 28 Jahre für die SP im Nationalrat: Auf der internationalen Bühne war er unter anderem UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung.

(Bild: Keystone Jean-Christophe Bott)

Philippe Reichen@PhilippeReichen

Herr Ziegler, am 1. Januar wurde Lakhdar Brahimi 80 Jahre alt. Aus welchen Gründen mutet er sich dieses nervenaufreibende Mandat als UNO-Sonderbeauftragter für Syrien zu?
Weil er ein Revolutionär ist. Das tönt pathetisch, ist aber so.

Wie bitte? Brahimi kann in der Rolle als Vermittler doch kein Revolutionär sein.
Natürlich weiss er, dass in Syrien der bewaffnete Kampf allein nicht zum Erfolg führt und das fürchterliche Blutvergiessen nur über die multilaterale Diplomatie beendet werden kann.

Aber wie kommen Sie darauf, dass Brahimi ein Revolutionär sein soll?
Das hat mit seinem Leben zu tun. Er erlebte als Student den Algerienkrieg und wurde Mitglied der Nationalen Befreiungsfront (FLN), die gegen die französische Kolonialarmee kämpfte. 1956 war Lakhdar Brahimi Mitbegründer der Union des étudiants musulmans d’Algerie (UGEMA), die Teil des FLN wurde. Er setzte sein Leben aufs Spiel. Viele seiner Freunde starben in den Kämpfen oder wurden vom französischen Geheimdienst ermordet. Das hat ihn zutiefst geprägt.

Griff er selbst zu den Waffen?
Nein. Er kämpfte nicht in der Guerilla. Er war erst 22-jährig und innerhalb des FLN bereits für die aussenpolitischen Beziehungen zuständig. Im bewaffneten Widerstand gegen die Franzosen sah er eine historische Notwendigkeit. Während des siebenjährigen Befreiungskrieges war es die Strategie des FLN, gleichzeitig zu kämpfen und zu verhandeln.

Das klingt so, als wäre der Krieg jenes Schlüsselerlebnis gewesen, das Brahimi bis heute prägt.
Ich würde den Algerienkrieg als sein Grunderlebnis bezeichnen. Er lernte, dass man sich nicht verleugnen, sondern für Freiheit, Solidarität und Gerechtigkeit kämpfen soll. Soll ich Ihnen noch eine Anekdote erzählen?

Bitte.
Während des Algerienkriegs lieferte der jugoslawische Präsident Josip Broz Tito Waffen. Diese wurden mit dem Schiff transportiert. Lakhdar Brahimi heiratete die Tochter des Kapitäns jenes Schiffes, das Titos erste Waffenlieferung nach Algerien brachte. Eine elegante, gescheite Frau. Wenn man die beiden trifft, erkennt man sofort, dass sie einander tief verbunden sind. Brahimi ist frei jeglicher Eitelkeit. Er hätte algerischer Staatspräsident werden können, wollte das aber nicht. Er sucht sich nicht einen Platz in den Geschichtsbüchern, hat bislang auch keine Memoiren veröffentlicht. Er wird, solange er lebt, kämpfen. Er ist einer der eindrücklichsten Staatsmänner, denen ich je begegnet bin.

Seine Bescheidenheit ist sicher ein wichtiger Grund für seinen Erfolg als Vermittler. Gerade im Syrienkonflikt scheint ebenso wichtig, dass Brahimi als Nordafrikaner selbst arabischer Abstammung ist, in Algerien und Frankreich studiert hat und fliessend Arabisch, Französisch und Englisch spricht.
Durchaus. Im Übrigen zähle ich ihn, wie auch den ehemaligen UNO-Generalsekretär Kofi Annan, zu den grössten Diplomaten, die die Vereinten Nationen in ihrer Geschichte gehabt haben. Hochkarätige Diplomaten haben in ihrer Karriere vielleicht einen oder zwei Momente, in denen es ihnen gelingt, komplexe politische Konflikte zu lösen. Brahimi ist im Gegensatz dazu ein regelrechter Friedenstifter. Er reiht einen Erfolg an den anderen.

Was sind seine grössten Erfolge?
Einer seiner grössten Verhandlungserfolge war 1989 die Beendigung des libanesischen Bürgerkriegs, der bis dahin 18 Jahre gedauert hatte. Die Situation im Libanon war schlimm. Im Übrigen waren auch Syrer am libanesischen Bürgerkrieg beteiligt. Nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages von Taëf zogen sie ab. Aber mir fallen noch einige weitere Erfolge ein.

Zum Beispiel?
1991 war Brahimi als UNO-Sondergesandter in Haiti und er ermöglichte nach der Rückkehr des aus dem Amt geputschten Präsidenten Jean-Bertrand Aristide den demokratischen Aufbau. 1994 organisierte er im Namen der Vereinten Nationen in Südafrika die ersten freien Wahlen. Armee und Geheimdienst waren damals noch komplett mit Weissen besetzt. Das war eine psychologisch unglaublich angespannte Situation. Brahimi meisterte sie zusammen mit Nelson Mandela. Ab 2004 war er als UNO-Sondergesandter in Afghanistan. Er hat die Verfassung geschrieben und die Tadschiken mit den Paschtunen versöhnt. Das war eine grossartige Leistung. Aber er musste auch Niederlagen einstecken. Ende 2004 war er als UNO-Sondergesandter im Irak. Bei der Einsetzung der Übergangsregierung soll er verschiedene Kandidaten portiert haben, die den Amerikanern nicht genehm waren. Auch vor der Syrienkonferenz stellt sich die Frage, wie gross Brahimis Spielraum überhaupt ist. Die Russen und die Amerikaner scheinen einen ziemlich grossen Einfluss auf ihn zu haben. Dass es zur Friedenskonferenz in Montreux gekommen ist, ist die Krönung seiner Karriere. Im Übrigen halte ich externe Einflüsse auf Brahimi für ausgeschlossen. Er ist die Unabhängigkeit in Person. Niemand will, dass Genf 2 zum Misserfolg wird und Samstagnacht irgendeine sinnentleerte Pressekonferenz stattfindet und die Delegationen ohne Beschluss wieder abreisen. Die Spielregeln sind meiner Meinung nach klar. Es gibt eine UNO-Charta und Brahimis Aufgabe ist es, für die Wiederherstellung der Menschenrechte in Syrien zu sorgen. Er hat seine eigene Agenda.

Wie könnte sie aussehen?
Brahimi wird wohl zuallererst versuchen, lokale und regionale Waffenstillstände auszuhandeln, damit humanitäre Korridore geschaffen werden können. Diese würden es erlauben, Hilfsgüter an die geschundene Bevölkerung zu liefern, und dem Internationalen Roten Kreuz, Gefängnisse zu besuchen. Wie er sich den politischen Übergang vorstellt, dazu hat er sich meines Wissens bislang nicht geäussert.

Mit dem Übergang sprechen Sie die Absetzung von Diktator Bashar al-Assad an.
Ja. Er ist ein grauenhafter Halunke, ein Massenmörder.

Das Beispiel Libyen zeigt, was passieren kann, wenn eine Herrscherfamilie beseitigt wird. Libyen gilt heute als «failed state».
Nach den Erfahrungen mit Libyen ist es tatsächlich so, dass nur diplomatische Verhandlungen eine Option sind. Auswärtige militärische Interventionen sind keine Lösung. Ob eine Übergangsregierung ohne Assad geschaffen werden kann, ist im Moment ungewiss. Aber wenn einer dies zustande bringen kann, ist es Brahimi.

In Zusammenarbeit mit dem Iran, der nun offiziell keine Delegation nach Montreux schicken darf?
Brahimi hat immer gesagt, dass es ohne den Iran, die dominierende Macht hinter Assad, keine Lösung gibt. Ich glaube, Brahimi hat recht.

Tages-Anzeiger

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