Kim und die Frisurensünder

Im Internet sind Berichte aufgetaucht, wonach männliche Studenten im abgeschotteten Nordkorea die gleiche Kurzhaarfrisur wie Machthaber Kim tragen müssen. Bloss wilde Gerüchte oder Realität?

Duldet keine stilistischen Abweichungen: Kim Jong-un.

Duldet keine stilistischen Abweichungen: Kim Jong-un.

(Bild: AFP)

Die auffällige Frisur von Nordkoreas Machthaber Kim Jong-un findet im Internet grosse Beachtung. Berichten zufolge soll jedem männlichen Universitätsstudenten in der Hauptstadt Pyongyang befohlen worden sein, den eigenen Haarstil an den von Kim anzupassen. Heisst im Klartext: Die Haare müssen an den Seiten kurz geschoren werden. Doch Menschen, die kürzlich das abgeschottete Land auf der koreanischen Halbinsel besuchten, haben eigenen Angaben zufolge keine Anhaltspunkte für Massenhaarschnitte à la Kim gefunden. Beobachter vermuten hinter den Berichten ein unbestätigtes – wenn auch einfallsreiches – Gerücht.

Nach den Berichten wurde vor einigen Wochen eine Haarschnittanordnung für die Studenten herausgegeben. Der Sender Radio Free Asia mit Sitz in Washington berief sich auf nicht genannte Quellen, wonach die Anweisung ihren Ausgangspunkt irgendwo innerhalb der regierenden Arbeiterpartei hatte. Einige Studenten seien entsetzt gewesen.

Simon Cockerell von der Reisefirma Koryo Tours glaubt nicht, dass an den Berichten etwas dran ist. «Ich war erst vor ein paar Tagen dort. Es gab keine Anzeichen dafür.» Ein Journalist der Nachrichtenagentur AP in Pyongyang erklärte ebenfalls, dass er bei den Frisuren unter örtlichen Hochschulstudenten keine Veränderungen bemerkt habe.

Eigene Modepolizei

Auch wenn die Frisuren-Story zu den zahlreichen berichteten Kuriositäten zählen sollte, die sich letztendlich als falsch erwiesen, verfügt Pyongyang in der Tat über eine eigene Modepolizei. So berichtet der Überläufer Choe Cheong-ha, der das Land 2004 verlassen hatte, dass Mitglieder einer von der Regierung betriebenen Jugendorganisation regelmässig nach Personen Ausschau gehalten hätten, die nicht angemessen angezogen seien.

Sie hätten kontrolliert, ob Menschen die obligatorischen Reversnadeln mit den Bildnissen der früheren Machthaber Kim Il-sung und Kim Jong-il getragen hätten oder ob Verstösse wie das Tragen von blauen Jeans oder Kleidern mit englischen Wörtern vorlägen, sagt Choe. Frisurenvorschriften seien hingegen kaum ein Thema, da die meisten Menschen ihre Haare freiwillig ordentlich und auf konservative Art frisiert trügen.

Frisurensünder

Allerdings lief die Regierung 2005 gegen Männer mit langen Haaren Sturm, die sie als unhygienische antisozialistische Idioten bezeichnete. Sie wies die Männer an, ihre Haare im «sozialistischen Stil» zu tragen. Das staatliche Fernsehen des Landes nannte sogar Namen und Adressen von Frisurensündern und setzte sie dadurch dem Spott anderer Bürger aus. Die Haarkampagne gab vor, dass die Haare nicht länger als fünf Zentimeter lang sein dürfen. Für ältere Herren existierte eine kleine Ausnahmeregelung.

Die Kampagne behauptete, dass lange Haare die Hirnaktivität einschränkten, indem sie den Nerven im Kopf Sauerstoff entzögen. Warum Frauen erlaubt wurde, sich lange Haare wachsen zu lassen, wurde nicht erklärt.

mrs/AP

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