Japans gefährliche Sisyphusarbeit

Ein Jahr nach der AKW-Katastrophe von Fukushima versucht Japans Regierung, die verstrahlten Gebiete wieder bewohnbar zu machen. Die Aufgabe ist gewaltig, eine Erfolgsgarantie gibt es nicht.

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Arbeiter in Gummistiefeln kratzen den gefrorenen Boden auf. Mühsam tragen sie die obersten fünf Zentimeter der radioaktiv belasteten Erde im Garten eines Einfamilienhauses in der Stadt Fukushima ab. 60 Tonnen verstrahlter Müll werden hier zusammenkommen. Ein Haus haben sie bislang geschafft. Zehntausende weitere warten noch auf ihre Dekontamination. Möglicherweise mehrfach, denn Wind und Wetter tragen die radioaktiven Partikel immer wieder auf bereits sanierte Flächen.

Die Aufgabe ist gewaltig und ungeheuer teuer, und eine Erfolgsgarantie gibt es nicht. Knapp ein Jahr nach dem Erdbeben, dem Tsunami und der Reaktorkatastrophe von Fukushima versucht die japansche Regierung, die verstrahlten Orte wieder bewohnbar zu machen. Wenigstens einige der rund 100'000 unmittelbar aus dem Katastrophengebiet geflohenen Menschen sollen zurückkehren können.

«Wir geben nicht auf»

Für das, was rund um Fukushima versucht werde, gebe es kein Beispiel, sagen die Experten des von der japanischen Regierung finanzierten Dekontaminierungsprojekts. Die einzige Parallele zu Fukushima ist Tschernobyl. Dort wurde aber einfach das gesamte Gebiet zur Sperrzone erklärt. «Sie haben das Land aufgegeben», sagte der japanische Umweltminister Goshi Hosono bei einem Treffen mit örtlichen Behördenvertretern.

«Wir geben nicht auf. Solange Menschen nach Hause zurückkehren wollen, tun wir alles in unserer Macht Stehende, um zu helfen», kündigte er an. Bis Ende März 2014 hat die japanische Regierung 1,15 Billionen Yen für die Sanierungsarbeiten eingeplant.

Sogar Schnee in Säcke gepackt

«Oft stehen wir vor Situationen, die nicht im Handbuch stehen und wir fragen uns, ob wir das Richtige tun», bekennt Takahiro Watanabe, einer der Arbeiter in dem Haus im Stadtteil Onami in Fukushima. «Nur um sicher zu gehen, haben wir den Schnee in Säcke gepackt.»

Watanabe und seine Kollegen beginnen die Dekontamination, indem sie die Bäume abwaschen, Äste absägen und Laub aufsammeln. Dann spritzen sie das Dach mit einem Hochdruckstrahler ab. Danach Fenster und Mauern. Am Ende entsorgen sie die oberste Bodenschicht und ersetzten sie durch unbelastete Erde. 60 Tonnen radioaktiver Müll warten schliesslich in 60 wasserdichten Säcken darauf, abgeholt zu werden.

Onami liegt etwa 60 Kilometer von den Unglücksreaktoren entfernt und damit ausserhalb der Evakuierungszone. Allerdings ist das Gebiet stark strahlenbelastet. Einige Bewohner blieben trotzdem. Unter anderem der Besitzer des Hauses, das Watanabe und seine Kollegen gesäubert haben. Mit einem Dosimeter misst der Arbeiter im fahlen Nachmittagslicht den Erfolg. 0,24 Mikrosievert Strahlenbelastung pro Stunde - knapp über dem Zielwert von 0,2 Mikrosievert pro Stunde und nur noch ein Fünftel des Werts vor Beginn der Säuberungsaktion. «Sieht so aus, als wäre er etwas gesunken», sagte er. Für Flächen, auf denen sich Kinder aufhalten, wie Parks, Schulen oder Spielplätze sollen sogar noch strengere Grenzwerte gelten als für Wohnhäuser und Bürogebäude.

Zweifel am Erfolg der Dekontamination

Auch der 70 Jahre alte Shuzo Okada liess sein Haus in der Küstenstadt Hirono ausserhalb der Evakuierungszone dekontaminieren. Die meisten der 5500 Bewohner flohen wie er vor der Strahlung. Nach Hause will er aber noch nicht. «Ich habe schon das gesamte Haus säubern lassen. Aber es reicht nicht», sagt er. «Wir müssen es wieder und wieder machen. Ich hoffe, wir können irgendwann zurück. Ich bin ein alter Mann, deshalb habe ich keine Angst. Aber ich bezweifle, dass jüngere Menschen zurückkommen wollen.»

In Pilotprojekten werden verschiedene Methoden zur Dekontamination und Entsorgung der belasteten Erde erprobt: Abtragen der Erde, der Einsatz von Chemikalien oder Trockeneis. Was sich bis April als effektiv erweist, soll weiter betrieben werden. Das Bauunternehmen Konoike testet beispielsweise eine Anlage, die belastete Erde in runde Fladen presst, die weniger Platz bei der Lagerung benötigen.

Wir werden den Müll nie ganz loswerden

Das Umweltministerium erwartet, dass bei den Sanierungsarbeiten mindestens 100 Millionen Kubikmeter radioaktiv belasteter Abraum anfallen. In der Evakuierungszone sollen sicherere Halden entstehen. 30 Jahre müsste dort der radioaktive Müll gelagert werden, bis die Hälfte des radioaktiven Cäsiums zerfallen ist. Dann, so der Plan, soll das Material verdichtet und unterirdisch eingelagert werden.

«Es ist im Wesentlichen Versuch und Irrtum», sagt Kazuaki Iijima, Experte der japanischen Atomenergiebehörde, die die Versuche überwacht. «Dekontamination bedeutet, dass wir kontaminierte Stoffe von einem Ort an einen anderen schaffen. Wir können zumindest verhindern, dass die Menschen in ihrem Lebensumfeld damit in Kontakt kommen. Aber wir können es niemals ganz loswerden.»

kpn/dapd

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