In Japans Krisenregion stinkt es fürchterlich

In der Katastrophenregion macht sich der Geruch von verwesenden Fischen und Schlamm breit – dies kurz vor den heissen Sommermonaten. Die Behörden reagieren mit einer Sofortmassnahme.

  • loading indicator
Jan Knüsel

Den Bewohnern der Katastrophengebiete bereiten die verwesten Meeresprodukte aus den zerstörten Verarbeitungsfabriken der Fischindustrie zunehmend Sorgen. Die Riesenwelle hat sie überall hingespült. Viele der Produkte waren zum Zeitpunkt des Tsunamis tiefgekühlt. Nun, mit den steigenden Temperaturen beginnt sich der Gestank in der Luft nachhaltig festzusetzen.

«Heute ist es nicht so schlecht. An gewissen Tagen können wir aber nicht einmal die Fenster öffnen», sagt Hisashi Sato der «Mainichi Shimbun». Der 64-Jährige lebt in einer Notunterkunft in der Kleinstadt Otsuchi, deren halbe Fläche vom Tsunami überflutet wurde. Auch in Städten wie Ofunato oder Rikuzentakata breitet sich der Gestank aus. Bewohner berichten von einer Häufung von Kopfschmerzen.

Klärschlamm und tote Fische

Lange ignorierten die Behörden das Problem, weil es schlichtweg an Deponien für diese Art von Abfällen fehlte. Die zuständigen Stellen sind schon genug damit beschäftigt, provisorische Entsorgungsflächen für den gewöhnlichen Schutt auszuheben oder in anderen Präfekturen zu pachten. Über 25 Millionen Tonnen an Trümmern liegen überall verteilt in den Küstengebieten der Präfekturen Fukushima, Miyage und Iwate herum. Laut der «Yomiuri Shimbun» wird es über drei Jahre dauern, die Region vom Müll zu befreien.

Aber nicht nur der Gestank der verwesten Fischreste, auch der herumliegende Klärschlamm trägt zur untragbaren Situation bei, wie die «Mainichi Shimbun» in einem weiteren Beitrag berichtet. Ein 57-jähriger Mann aus der Stadt Soma geht schon gar nicht mehr ohne Gesichtsmaske aus dem Haus.

Die verwesten Fischprodukte und der Klärschlamm haben zur Folge, dass sich Fliegenschwärme ungestört breitmachen. «Wir können die Fenster gar nicht mehr öffnen», erklärt eine 55-jährige Pflegerin aus der Stadt Kesennnunma, Präfektur Miyagi, der «Kahoku Online». Zum Trocknen aufgehängte Kleider würden von den Fliegen zur Eiablage verwendet. Vor den provisorischen Toilettenanlagen und Müllcontainern der Notunterkünfte schwirren mehr Fliegen als zuvor herum.

Die Zeit drängt

Entsprechend nimmt die Sorge um die Gesundheit zu. Als eine hygienische Sofortmassnahme haben die Behörden begonnen, Insektenvertilgungsmittel und Desinfektionsmittel entlang der Küste zu versprühen. Alleine in Kesennunma wurden die Pestizide auf einer Fläche von 3000 Quadratkilometern verteilt. Damit soll die Ausbreitung von Krankheiten verhindert werden. In über 60 Notunterkünften der Präfektur werden in den nächsten Tagen Kühlschränke zur sicheren Lagerung von Lebensmitteln aufgestellt.

Für die Behörden drängt die Zeit, denn die Situation droht sich in den nächsten Wochen zu verschlimmern. Denn schon bald beginnt die Regenzeit, gefolgt von den schwül-heissen Sommermonaten. «Wir haben bislang die Priorität auf die Entsorgung der Trümmer gelegt», sagt ein Sprecher der Stadt Ofunato der «Mainichi Shimbun». Nun müsse aber eine Lösung für die verwesten Meeresprodukte und die Klärschlamm-Sümpfe gefunden werden. Bis zur grossen Hitze werde das Problem beseitigt sein, verspricht der Sprecher.

Japans Regierung bestätigt Kernschmelze

Drei Monate nach Beginn der Natur- und Atomkatastrophe in Japan ist die Lage im Atomkraftwerk Fukushima weiterhin ausser Kontrolle. Die Regierung bestätigte, dass es bereits kurz nach Beginn der Katastrophe in den Reaktoren 1 bis 3 des AKW zu Kernschmelzen gekommen war.

Die in den ersten fünf Tagen seit dem Megabeben und dem Tsunami in Fukushima am 11. März freigesetzte Radioaktivität sei mit 770'000 Terabecquerel doppelt so hoch gewesen wie zunächst geschätzt, gab die Atomaufsichtsbehörde am Montag bekannt.

Der Betreiber der Atomruine, Tepco, hatte bereits im Mai bekanntgegeben, dass die Kernbrennstäbe in Reaktor 1 zum grössten Teil geschmolzen sind. Zu dem Zeitpunkt hatte Tepco zudem erklärt, dass dies möglicherweise auch in den beiden anderen Reaktoren passiert sei. Das wurde von der Behörde jetzt bestätigt.

Die Atomanlage war durch das Erdbeben und dem folgenden Tsunami schwer zerstört worden. Sollten noch mehr Menschen ausserhalb der 20- Kilometer-Sperrzone der Gefahr einer Strahlenmenge von mehr als 20 Millisievert im Jahr ausgesetzt sein, könnte die Regierung auch sie laut Medien auffordern, ihre Häuser zu verlassen.

Hitze wird grösser

Unterdessen arbeiten die Reparaturtrupps in der Atomruine weiter bis zur Erschöpfung. Berichte, wonach zwei Vertragsarbeiter wegen Dehydration in einem Spital behandelt werden mussten, zwangen den Betreiberkonzern Tepco zu der Zusage, sich mehr um die Gesundheit der Arbeiter zu kümmern.

Neun der Arbeiter mussten wegen Hitzebelastung behandelt werden. Da es mit dem nahenden Sommer allmählich immer wärmer und schwüler wird, wird es für die Arbeiter in Fukushima in ihren Schutzanzügen immer anstrengender.

Bernerzeitung.ch/Newsnetz

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt