«Ich zeigte Mao den Stinkefinger»

Hu Jia gehört zu den grössten Kritikern des Regimes in Peking. Im Interview erzählt er von seinem absurden Leben unter Hausarrest.

«Nur auf dem Platz des Himmlischen Friedens hat der Protest ein grosses Echo», sagt Hu Jia. Foto: AFP

«Nur auf dem Platz des Himmlischen Friedens hat der Protest ein grosses Echo», sagt Hu Jia. Foto: AFP

Treffen geht nicht, Hu Jia ist einer der bestbewachten Männer Chinas. Er steht unter Hausarrest. Also Skype. Alle paar Minuten wird das Gespräch durch das Klingeln seines Handys unterbrochen. Hu Jia geht ran, verspricht einem Anrufer, die Familie eines Verhafteten aufzustöbern, einem anderen, ihm einen Anwalt zu suchen. Seine Stimme klingt fast jungenhaft.

Wie geht es Ihnen?
Es geht. Kennen Sie den deutschen Film «Das Leben der anderen»? Das ist mein Leben, nur noch absurder. Vor der Tür stehen Polizisten. Gestern haben sie mich ins Spital zu einer Untersuchung begleitet. Seit dem 24. Februar weichen sie nicht von meiner Seite, weil sie um jeden Preis verhindern wollen, dass ich am 4. Juni auf den Tiananmen-Platz gehe.

Wann waren Sie das letzte Mal dort?
Seit 2004 war ich am Jahrestag stets im Gefängnis oder unter Hausarrest. Dazwischen gehe ich oft hin: Wenn einer meiner Freunde verhaftet wird, mache ich ein T-Shirt für ihn, laufe zum Platz, mache Fotos und stelle sie auf Twitter und auf Weibo, das chinesische Twitter. Der Protest hat nur auf dem Platz des Himmlischen Friedens ein grosses Echo. Das letzte Mal war ich im Januar dort und habe – entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise – dem Porträt von Mao, das dort hängt, den Stinkefinger gezeigt.

Sie waren als Jugendlicher selbst dabei in jener Nacht.
Es gibt dieses berühmte Foto vom Tank Man, einem Mann, der allein eine Kette von Panzern aufhält. An jenem Tag waren wir alle Tank Men. Ich war 15 und jeden Tag auf dem Platz. Als ich am Abend des 3. Juni los wollte, hielt mich mein Vater auf, wir stritten heftig, tätlich. Wir liebten einander so sehr. Er und meine Mutter waren nach dem Studium selbst als «Rechtsabweichler» verfolgt worden. Die Partei verbot ihnen jahrelang, zusammenzuleben. Mein Vater hatte Angst um mich. Ich gab nach. Aber in der Morgendämmerung des 4. Juni schlich ich hinaus. In der Nähe unserer Wohnung im Osten Pekings stellte ich mich mit vielen anderen den Panzern entgegen. Wenn mein Vater mich am Abend zuvor nicht gestoppt hätte, wäre meine Mutter jetzt wohl eine jener «Mütter vom Tiananmen-Platz», die bis heute um ihre getöteten Kinder trauern.

Bei unserem letzten Treffen vor zehn Jahren erzählten Sie, an jenem Tag seien Sie Buddhist geworden.
Ich war nicht in der Innenstadt, wo die Massaker stattfanden. Aber über meinen Kopf hinweg flogen Kugeln. Buddhist bin ich geworden, um meinen inneren Frieden wiederzufinden.

Viele Leute, die an das Massaker erinnern wollten, sind in Haft.
Ja, anderen geht es viel schlechter als mir. Meine Freundin Liu Xia (die Frau des inhaftierten Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobos, die Red.) hat soeben die Erlaubnis zum Telefonieren bekommen – nach drei Jahren isoliert in ihrer Wohnung. ­Andere sitzen im Gefängnis. Oder haben es als Leiche wieder verlassen.

Warum werden Ihnen Internet- und Telefonverbindung nicht gekappt?
Ich werde von der politischen Polizei, der Staatssicherheit und der Abteilung für Internetsicherheit überwacht. Alle wollen wissen, was ich denke, lese, plane. Wenn Sie mir die Kommunikation nähmen, sähen sie nur einen stummen Hu Jia allein in seiner Wohnung sitzen. Ein anderer Grund: Von 2008 bis 2011 haben sie mich gefangen gehalten, 1277 Tage lang, und das hat mich nicht gebrochen. Im Gegenteil: Vor meiner Haft trat ich nur für meine Rechte als chinesischer Bürger ein. Seither ist mein Ziel, die Kommunistische Partei zu stürzen. Das sage ich jedem, der es hören möchte. Sie lassen mich Internet und Telefon benutzen, um Material zu sammeln, das sie gegen mich verwenden können.

Wieso halten Sie sich nicht zurück?
Das ist einfach. Als ich am 26. Juni 2011 aus der Haft entlassen wurde, trat ich von einem kleinen Gefängnis mit bewaffneten Wärtern hinaus in das grosse Gefängnis der chinesischen Gesellschaft. Für die Diktatur gibt es nur zwei Gruppen von Menschen: die Helfer und die Sklaven. Die Helfer sind ihre Beamten, Polizisten, Soldaten und Juristen. Die Sklaven sind die einfachen Leute, deren Vermögen sich die Partei unter den Nagel reisst. Ich aber will kein Sklave sein. Ich nehme mir das Recht, das zu sagen, was ich denke. Vaclav Havel hat das Wort vom «Leben in der Wahrheit» geprägt. Das will ich, nicht mehr und nicht weniger.

Wie viele Menschen können das denn in China: in Wahrheit leben?
Als die Staatssicherheit den Autor Yu Jie während des arabischen Frühlings festnahm, sagte sie: «In China gibt es nur 200 einflussreiche Dissidenten wie dich. Wenn unsere Partei einmal ernsthaft bedroht ist, können wir euch alle über Nacht einsacken.»

Leben die anderen alle in der Lüge?
Die meisten. In der Wahrheit zu leben, heisst ja nicht nur, ehrlich zu sich und zu anderen zu sein, es heisst auch, die Gesellschaft, das System klar zu erkennen. Die meisten Chinesen können das nicht. Lüge und Angst halten uns gefangen.

Hat das mit dem Blutbad auf dem Tiananmen-Platz 1989 zu tun?
Mit dem Massaker an über 2000 Aktivisten hat die Diktatur das Volk in Furcht versetzt und ihre Autorität gefestigt. Nicht einmal die einfachsten Forderungen von damals sind erfüllt, etwa die Forderung, Beamte sollten ihr Vermögen offenlegen. Heute werden wieder Menschen verhaftet, die dies fordern.

Die KP hat erfolgreich alle Erinnerung an 1989 ausgelöscht.
Die Jungen wissen nichts davon. Aber es gibt heute noch zwei, drei Millionen Pekinger, die Zeugen der Ereignisse waren. Sie sahen die Demonstrationen, marschierten mit, sahen die Panzer auffahren. Warum sie ihren Kindern nichts davon erzählen? Wenn die Kinder in der Schule darüber sprächen, würden sie geächtet. Es ist die Generation der Einzelkinder, die Eltern wollen sie um jeden Preis schützen. Die Partei nützt dies aus. Manche der Jungen plappern die Argumente der KP gedankenlos nach: «Ohne die Partei kommt das Chaos» und solchen Unsinn. Internet und soziale Medien haben einiges geändert, aber die Zensur funktioniert auch hier immer besser. Nur ein kleiner Teil der 600 Millionen Internetnutzer ist wirklich informiert.

Wo ist Ihre Hoffnung?
Die erwächst aus der Repression selbst. Auch ich glaubte anfangs, das System sei reformierbar. Aber mit jeder Zwangs­enteignung von Land, jeder Löschung von Blogs, jeder Sperrung von Websites wächst die Zahl derer, die sich keine falschen Hoffnungen mehr machen.

Ihre Tochter und Ihre Frau sind vor zwei Jahren nach Hongkong gezogen. Aus Sicherheitsgründen?
Das war ein Grund. Als ich 2008 ins Gefängnis kam, war meine Tochter 45 Tage alt. Einmal im Monat durfte ich sie eine halbe Stunde sehen. So sah ich, wie aus dem Säugling ein Mädchen wurde, wie sie gehen und sprechen lernte. Jeden Abend, wenn ich mich auf die Pritsche legte, dachte ich befriedigt: Wieder sind 24 Stunden vorbei, und ich habe mir eine Minute mit meiner Tochter verdient. Wenn sie kam, war das magisch.

Und jetzt?
Wir telefonieren, skypen. Ich erzähle ihr abends Geschichten und Märchen. Und in den Schulferien besucht sie mich.

Wie verbringen Sie Ihre Tage?
Morgens um sieben, wenn ich aufwache, schalte ich sofort den Computer ein. Mein Leben besteht aus Twitter, Weibo, Wechat und Facebook. Den ganzen Tag tausche ich mich mit Gleichgesinnten aus, organisiere Anwälte für neu Verhaftete, versuche Geld für ihre Verteidigung aufzutreiben. Morgens um drei dann lege ich mich schlafen.

Sie schlafen nur vier Stunden?
Es gibt so viel zu tun. Meistens esse ich einmal am Tag, um vier Uhr nachmittags, ich nenne das mein Morgenmittag­abendessen. Oft fällt mir erst nach dem Essen ein, dass ich wieder einmal das Zähneputzen vergessen habe.

Sie sind krank.
Ich habe eine Leberzirrhose, seit ich 41 Tage lang gefoltert und zwangsernährt wurde. Mein Arzt sagt, dass ich zu 70 Prozent an Leberkrebs erkranken werde. Ausserdem stelle ich an mir selbst Symptome von Depression fest.

Warum bleiben Sie politisch aktiv? Trotz Ihrer Familie?
Ich fühle mich doppelt verantwortlich dafür, den Wandel in diesem Land voranzutreiben. Da sind zum einen meine Eltern. Sie wurden als Rechtsabweichler verfolgt, schufteten als Zwangsarbeiter. Sie sollten noch erleben, wie sich das ­autoritäre Regime in eine demokratische Gesellschaft verwandelt. Und dann ist da meine Tochter. Als der blinde Anwalt Chen Guangchen und ich von bezahlten Schlägern verprügelt wurden, stand sein kleiner Sohn daneben und musste zusehen, was sie uns antaten. Das ist nicht fair. Als meine Tochter 2007 auf die Welt kam, schwor ich mir, alles zu tun, damit sie keine Unterdrückung und Gehirnwäsche mehr erlebt.

Andere haben das Land verlassen.
Meine Familie wünscht sich nichts mehr als das. Seit ich mich für Aidskranke engagiere, seit 2001 also, gab es keinen Moment, in dem ich nicht überwacht war. Wie lange kannst du einem Kind da Märchen erzählen? Wie lange kannst du ihr beim allmonatlichen Gefängnisbesuch sagen: «Siehst du, das ist der Kindergarten von Papa.» Als sie drei Jahre alt war, fragte sie: «Wieso tragen die Onkel in Papas Kindergarten alle Pistolen?» Als bei meiner Mutter Krebs diagnostiziert wurde, sagte der Arzt zu mir: «Das kommt davon, dass deine Mutter endlose Albträume hat.» Was ich mache, hat viel Leid über meine Familie gebracht.

Wie werden Sie den 4. Juni nächste Woche begehen?
Wenn ich bis dahin nicht im Gefängnis sitze, werde ich auf jeden Fall schwarze Kleider tragen. Ich werde Kerzen anzünden. Und fasten. Natürlich werde ich auch versuchen, rauszukommen und zum Platz zu gehen. Aber das wird mir kaum gelingen. (Er schweigt) Der Arzt hat mir gesagt: «Du willst wissen, was die beste Krebsvorsorge ist? Bring Ordnung und Freude in dein Leben.» Aber wie soll ich das tun? Ich kann nicht ­anders.

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