«Ich habe mich ängstlich und hilflos gefühlt»

Auch über ein Jahr nach der Reaktorkatastrophe in Fukushima glaubt die Öffentlichkeit nicht, dass die Gefahr gebannt ist. Ex-Premier Kan arbeitet derweil vor einer Kommission die dramatischen Momente auf.

AKW-Betreiber Tepco habe ihn nicht ausreichend informiert: Ex-Premier Naoto Kan. (28. Mai 2012)

AKW-Betreiber Tepco habe ihn nicht ausreichend informiert: Ex-Premier Naoto Kan. (28. Mai 2012)

Die Atomruine Fukushima bereitet in Japan weiter Sorgen. Um ein Abklingbecken im Reaktorgebäude 4 mit 1535 überwiegend abgebrannten Brennstäben gegen die Gefahr neuer Erdstösse zu sichern, haben Arbeiter das Fundament befestigt.

Um die Öffentlichkeit zu beruhigen, nahm der zuständige Minister Goshi Hosono am Wochenende Journalisten in die Ruine mit. Der Beckenboden sei verstärkt worden, sagte er.

Laut dem Betreiber Tepco würde das Becken einem Beben der gleichen Stärke wie am 11. März 2001 standhalten, was viele bezweifeln. Im AKW Fukushima war es in der Folge des Erdbebens und des Tsunamis in drei Reaktoren zu Kernschmelzen gekommen.

Ex-Premier übt Kritik an Tepco

Vor einer Untersuchungskommission des Parlaments übte der damalige Premier Naoto Kan heute Kritik an der Tepco-Führung in den dramatischen ersten Stunden der Katastrophe. Der Verbindungsmann von Tepco bei der Regierung habe damals ein Aussetzen der Kühlung der Reaktoren mit Meerwasser angeordnet, sagte Kan.

Der damalige Manager des AKW hatte sich jedoch über die Anweisung seines Kollegen hinweggesetzt und die Kühlung mit Meerwasser fortgesetzt. Kan warf Tepco zudem vor, ihn nicht ausreichend informiert zu haben.

Gemäss Kan mangelte es während der Katastrophe auch an geeigneten Notstandsgesetzen und dem nötigen Expertenwissen. «Ich habe mich ängstlich und hilflos gefühlt, als mir selbst Spezialisten die Lage nicht erklären konnten», sagte er.

Regierung habe Schaden nicht voll erfasst

Nach Kritik an seinem Krisenmanagement war Kan im September zurückgetreten. Heute äusserte er sich erstmals vor der Kommission. Deren Bericht soll im Juni vorgelegt werden.

Gestern hatte Handels- und Industrieminister Yukio Edano vor der Kommission versichert, er habe die Öffentlichkeit nicht absichtlich über das Ausmass der Katastrophe getäuscht. Vielmehr habe die Regierung den Schaden nicht voll erfasst. Edano war während des Unfalls Regierungssprecher.

Regierungsverantwortliche warfen Tepco im Ausschuss erneut vor, beabsichtigt zu haben, das havarierte AKW sich selbst zu überlassen. Nur dem Druck Kans hat es Japan zu verdanken, dass es nicht so weit kam. Er war in die Zentrale von Tepco gestürmt und hatte die Konzernführung angebrüllt, ein Aufgeben des AKW komme nicht infrage.

Ausstieg oder Ausbau?

Inzwischen hat die Regierung Fukushima für sicher erklärt, was Kritiker jedoch bezweifeln. So warnte der frühere Botschafter in der Schweiz, Mitsuhei Murata, kürzlich vor dem Parlament vor den Gefahren durch das Abklingbecken im Reaktor 4.

Ein weiterer Unfall könne eine globale Katastrophe auslösen, sagte er. Reaktor 4 war zum Zeitpunkt der Katastrophe zu Wartungsarbeiten heruntergefahren. Doch eine Wasserstoffexplosion zerstörte Teile der Aussenwände des Gebäudes.

Japan arbeitet derweil an einer neuen Energiepolitik. Ein Beratungsgremium der Regierung entwarf heute fünf Optionen. Diese reichen von einem Ausstieg aus der Atomkraft bis zu einem Ausbau. Ein Entscheid wird in diesem Sommer erwartet.

Als Folge der Katastrophe muss Japan ohne Atomstrom auskommen. Alle Reaktoren sind abgeschaltet. Gegen ein Wiederauffahren regt sich Widerstand.

rbi/sda

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