Gewalt treibt Tausende zur Flucht

In Burma eskaliert die Gewalt. Tausende Häuser der Rohingya gehen in Flammen auf. Zehntausende Angehörige der Volksgruppe fliehen nach Bangladesh. Doch auch dort werden sie abgewiesen.

Barfuss Richtung Bangladesh: Zehntausende Rohingya fliehen vor der Gewalt in Burma.

Barfuss Richtung Bangladesh: Zehntausende Rohingya fliehen vor der Gewalt in Burma. Bild: Keystone

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Die Sache scheint aus Sicht der Regierung um Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi klar: Militante Rohingya setzen im nördlichen Bundesland Ra­khine nach Überfällen auf Militärposten nun Dörfer in Brand. Doch Angehörige dieser muslimischen Minderheit im vorwiegend buddhistischen Burma erzählen eine andere Geschichte. Laut ihnen stecken Soldaten, Grenzwachen und buddhistische Bewohner von Rakhine Häuser an – und schiessen auf Rohingya. In einer Woche wurden bei der jüngsten Gewaltwelle fast 400 Menschen getötet, wie die Armee Ende vergangener Woche bekannt gab.

Zehntausende fliehen

Fast 75 000 Rohingya sind seit dem 25. August über die Grenze in das benachbarte Bangladesh geflohen, wie Hilfsorganisationen berichten. Hunderte weitere sind laut dem UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR noch auf dem Weg zur Grenze.

Die derzeitige ethnische Gewalt gilt als die schlimmste seit den Unruhen von 2012. «Wir wissen nicht, wann wir tot sein werden», sagt Hla Tun, ein muslimischer Einwohner, am Telefon. Auf der Suche nach Schutz flieht er von Dorf zu Dorf.

«Ich denke, das ist eine abso­lute Katastrophe», meint Chris Lewa, Leiter der gemeinnützigen Organisation Arakan, die die Lage der seit Generationen in Burma lebenden, aber dort diskriminierten Rohingya beobachtet. «Ich glaube, sie werden alle Dörfer niederbrennen, eines nach dem anderen.»

Militante fallen auf

Die Organisation, die von der Regierung für die Brandschatzungen verantwortlich gemacht wird, nennt sich Arsa: Arakan Rohingya Salvation Army. Sie griff erstmals im Oktober 2016 Militärposten in Rakhine an. Die Arsa wolle einen «islamischen Staat» im vorwiegend von Rohingya bewohnten Norden Rakhines aufbauen, sagte der nationale Sicherheitsberater Thaung Tun am Dienstag Diplomaten. Die Lage ist unübersichtlich.

Die Arsa argumentiert, sie wolle die Rechte der muslimischen Minderheit wiederherstellen. Sie ruft die Weltgemeinschaft um Hilfe an, posiert aber mit Bewaffneten im Internet. Rohingya werden in Burma tatsächlich als illegale Einwanderer aus Bangladesh angesehen und nicht als Staats­bürger anerkannt, selbst wenn sie seit Generationen im Land sind. Rund eine Million Rohingya leben in Rakhine, sie können sich aber nicht frei bewegen und haben keinen Zugang zum Schulsystem.

Die Regierung des südost­asiatischen Landes liess Tausende Nichtmuslime aus den Konfliktgebieten herausholen und warnt vor «extremistischen Terroristen», die auf Zivilisten abzielten. «Leute sagen, dass diese Bengalen ihre Häuser selbst anzünden», sagt Tin Maung, ein buddhistischer Einwohner von Maungdaw, der Schutz im weiter südlich gelegenen Ort Buthidaung suchte.

Bangladesh reagiert zögerlich

Tausende Rohingya haben sich vor der Gewalt ins Mayu-Gebirge geflüchtet, so wird vermutet. ­Andere ziehen in Richtung Bangladesh. Doch dort werden viele von Grenzsoldaten zurückgeschickt oder ertrinken im Grenzfluss, und andere hängen im Niemandsland fest. Das Nachbarland sieht die Rohingya als Sicherheitsgefahr an – und zögert, ihnen offiziell die Tür zu öffnen.

Die UN appellierte an Bangladesh, die Flüchtlinge ins Land zu lassen. Bangladesh hat bereits mehr als 400 000 Rohingya aufgenommen, die seit Beginn der 90er-Jahre aus Burma geflohen sind. Es könnten daher nicht noch mehr Menschen ins Land gelassen werden, argumentiert die Regierung in Dhaka und fordert von den UN Druck auf Burma, den Umgang mit den Rohingya zu ändern.

In Burma herrscht nun die Sorge, der Konflikt könnte auf an­dere Gebiete in Rakhine überspringen. Lebensmittellieferungen für das Rohingya-Flüchtlingslager in der Stadt Sittwe im Zentrum von Rakhine verzögerten sich nach Angaben mehrerer Helfer. Die Regierung wirft internationalen Hilfsorganisationen Komplizenschaft mit militanten Rohingya vor. Ein Verdacht, den der US-Botschafter in Burma, Scott Marciel, als «absurd» bezeichnet hat.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 04.09.2017, 10:39 Uhr

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