Fukushima: «Vieles eindeutig übertrieben»

Das Atomunglück in Fukushima hat weltweit eine heftige Atomdebatte ausgelöst. Doch welche Schäden hat die in Japan ausgetretene Strahlung tatsächlich verursacht? Zeit für eine erste Bilanz.

Tschernobyl und Fukushima im Vergleich.

Tschernobyl und Fukushima im Vergleich.

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Noch lange wird die Betreiberin der havarierten Atommeiler in Fukushima nicht zur Tagesordnung übergehen können. Immerhin sind Experten jetzt zuversichtlich, dass die Reaktoren rund drei Monate nach der Katastrophe vom 11.März kaum mehr grössere Strahlendosen freisetzen werden. Was aber hat die Strahlung – die weltweit riesige Ängste auslöste – bis jetzt in Japan tatsächlich für Schäden angerichtet?

Die Gesundheitsschäden sind bei nüchterner Betrachtung sehr viel kleiner, als man aufgrund vieler Schlagzeilen vermuten würde. Da war von «todgeweihten Mitarbeitern», von Menschen, «die direkt in den Tod geschickt werden», «massiv erhöhtem Krebsrisiko» und «millionenfach überschrittenen Grenzwerten» die Rede. «Vieles davon war eindeutig übertrieben», sagt Emmanuel Egger, Strahlenspezialist im ABC-Labor in Spiez.

Der Raucherkrebs-Vergleich

Die höchste Strahlendosis im Zusammenhang mit dem Unfall erlitten 30 Mitarbeiter der AKW-Betreiberfirma Tepco. Sie hatten zwischen 100 und 250 Millisievert aufgenommen. Diese Menge liegt ein Vielfaches über dem allgemein geltenden Grenzwert. Doch wie schlimm ist die Dosis tatsächlich? «Direkte physische Folgen, also akute Erkrankungen, werden die Mitarbeiter keine haben», sagt Egger. Selbst das Risiko, irgendeinmal an Krebs zu erkranken, ist bei jenen 30 in Japan am höchsten strahlenbelasteten Menschen nur verhältnismässig wenig erhöht. «Viel weniger zum Beispiel als bei einem Menschen, der während zwanzig Jahren täglich ein Päckchen Zigaretten raucht», sagt Egger.

Der Experte präzisiert: «Das Risiko für jene Mitarbeiter, in den nächsten fünfzig Jahren an Krebs zu erkranken, hat sich gegenüber einem nicht bestrahlten Menschen um etwa ein Prozent erhöht.» Allerdings müsse bei vielen dieser Mitarbeiter aufgrund der psychischen Belastung mit posttraumatischen Stressstörungen gerechnet werden, betont Egger.

Was Greenpeace bezweifelt

Der Greenpeace-Strahlenexperte Florian Kasser dagegen zweifelt an den offiziellen Zahlen. Er glaubt, dass die Kontamination der Tepco-Mitarbeiter «vermutlich höher ist als die bisher veröffentlichten Werte». Tatsächlich seien offenbar nur bei zehn Prozent der Arbeiter die körperinterne Kontamination gemessen worden, weil die dazu nötige Apparatur fehlte.

Wo Einigkeit herrscht

Fest steht – dem stimmt auch Greenpeace zu –, dass kein Mensch in Japan vergleichbar hohen Strahlendosen ausgesetzt war wie die 30 Tepco-Mitarbeiter. Experten gehen sogar davon aus, dass niemand sonst mehr als 20 bis 30 Millisievert Strahlung aufgenommen hat. Werte in dieser Grössenordnung liegen zwar immer noch ein Mehrfaches über dem gesetzlichen Grenzwert für «gewöhnliche» Menschen. Das heisst indessen noch lange nicht, dass solche Strahlendosen überhaupt ein Krebsrisiko darstellen. In der Schweiz zum Beispiel wie auch im übrigen Europa gilt für Menschen in strahlenexponierten Berufen ein erhöhter Grenzwert von 20 Millisievert pro Jahr. Studien ergaben, dass Menschen in solchen Berufen paradoxerweise nicht etwa ein höheres, sondern gar ein kleineres Krebsrisiko aufweisen als der Durchschnitt in der Bevölkerung. Bei der Normalbevölkerung ist eine jährliche Strahlenbelastung von nur rund 4 Millisievert zugelassen. Auch für die Gesamtbevölkerung konnte bis jetzt bei Strahlendosen zwischen 20 und 30 Millisievert kein Krebsrisiko nachgewiesen werden. Unwissenschaftlich, aber korrekt gesagt heisst das: Wenn solche Strahlendosen mathematisch gesehen überhaupt ein Krebsrisiko darstellen, dann ist es mit Sicherheit unvergleichbar kleiner als andere ganz gewöhnliche Alltagskrebsrisiken, denen Millionen von Menschen auch in der Schweiz freiwillig oder unfreiwillig ausgesetzt sind.

Eine tatsächlich erheblich schwerere Folge der Strahlung ist der Landstrich, der zur Sperrzone erklärt werden musste. Die 20-Kilometer-Zone inklusive der Erweiterung entspricht etwa der anderthalbfachen Fläche des Bodensees. Die sozialen Folgen für die rund 80'000 evakuierten Menschen sind tatsächlich gewaltig. Sie mussten ihr Hab und Gut verlassen und aus der Umgebung, in der sie teilweise ihr ganzes Leben verbracht hatten, wegziehen.

Wie stark aber ist die alte Heimat der Evakuierten verseucht? Und wann können sie zurück? Immer wieder erklärten Experten, dass die Bodenkontamination nach Tschernobyl – im Gegensatz zu Fukushima – vor allem weiträumig, also europaweit, hoch gewesen sei. Ein Direktvergleich zeigt allerdings, dass die Strahlenbelastung in Fukushima selbst in der näheren Umgebung – das heisst innerhalb der 30-Kilometer-Zone – viel kleiner ist, als sie damals bei Tschernobyl war (siehe Grafik).

Rückkehr in einem Jahr?

Bis heute steht in den Sternen, wie lange die Sperrzone zubleiben muss. Die meisten Experten, so auch Egger vom ABC-Labor, wagen derzeit keine Prognosen abzugeben. Nötig seien vorerst exaktere Untersuchungen der kontaminierten Gebiete. Auch die AKW-Betreiberin Tepco und die Behörden blieben bislang vage. Tepco veröffentlichte im April einen Plan, der vorsah, im Laufe des zweiten Halbjahres 2011 mit Dekontaminationsarbeiten in der Evakuierungszone zu beginnen, um Einwohnern die Rückkehr zu ermöglichen. Die Regierung gab später bekannt, dass sie 2012 über eine mögliche Rückkehr von Anwohnern entscheiden wolle. Dies wird davon abhängen, ob die geplanten Dekontaminationsarbeiten wie vorgesehen durchgeführt werden konnten.

Rückkehr in hundert Jahren?

Sehr viel weiter auf die Äste hinaus lässt sich hingegen Greenpeace-Experte Florian Kasser: Schon jetzt sei klar, dass es in gewissen Gebieten rund um Fukushima sehr lange dauern werde, bis die Menschen zurückkehren könnten – «ganz sicher über hundert Jahre, und zwar nicht nur in Ortschaften, die 3, 4 Kilometer von den havarierten Reaktoren entfernt stehen», beteuert Kasser. Er meint: «Ganz sicher wird es innerhalb der 20-Kilometer-Zone keine Ortschaft geben, in welcher eine Rückkehr schon in einem Jahr möglich ist.» Selbst ausserhalb der 20-Kilometer-Zone werde es Orte geben, zum Beispiel die Gemeinde Itate, die sehr wahrscheinlich in den nächsten hundert Jahren nicht mehr bewohnt werden könnten.

Auch Kasser betont, dass Prognosen über die Rückkehr in die kontaminierten Gebiete extrem schwierig sind, weil genaue Messungen fehlen.

Was ebenfalls für weltweite Schlagzeilen sorgte: Lebensmittel – so gewisse Gemüsesorten und Rohmilch, die in den benachbarten Präfekturen ausserhalb der Sperrzone produziert wurden, waren unmittelbar nach dem Unfall leicht radioaktiv verseucht. Landwirte erlitten Einbussen, was zu Bauernprotesten führte. Das Problem mit den Lebensmitteln hat sich aber entschärft: Bereits Mitte Mai konnte die Behörde für die meisten Lebensmittel ausserhalb der Sperrzone Entwarnung geben – weil die Messergebnisse bereits wieder unter den erlaubten Höchstwerten lagen. (Berner Zeitung)

Erstellt: 03.06.2011, 07:19 Uhr

Gefahr durch Tsunamis unterschätzt

Die Regierung in Tokio hat die Gefährdung der japanischen Atomkraftwerke durch Tsunamis unterschätzt. Das geht aus einem vorläufigen Bericht hervor, den die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) in Tokio vorgelegt hat. Die Tsunamigefahr für mehrere Standorte sei falsch eingeschätzt worden, erklärten die IAEA-Experten, die für den Bericht Fakten über den Atomunfall in Fukushima zusammengetragen hatten. Die Planer und Betreiber von Atomkraftwerken müssten die Risiken durch Naturkatastrophen besser abschätzen und die Anlagen entsprechend schützen, forderten sie.

Die Sicherheitsvorkehrungen der Atomkraftwerke müssten zudem so effektiv und robust sein, dass sie nach einem schweren Unfall «rechtzeitig» in Gang gesetzt werden könnten. Von der Regierung in Tokio verlangten die 18 Experten aus zwölf Ländern, die Unabhängigkeit der japanischen Atomaufsicht zu verbessern. sda

Wenig Radioaktivität im Meer

Bei anderen weniger bekannten Reaktorunfällen gelangte mehr Radioaktivität ins Meer als in Fukushima. Auch im offenen Meer waren nach dem Reaktorunfall in Fukushima radioaktive Partikel – vor allem Jod-131 und Cäsium-134. Die japanischen Behörden mussten die Bevölkerung auffordern, das Meer in der Umgebung des Kraftwerks zu meiden. Die Fischerei wurde eingeschränkt.

Weit entfernt von Grenzwert

So hoch, wie zahlreiche Schlagzeilen suggerierten, war und ist die Verseuchung durch die japanischen Reaktoren allerdings auch im Meer bei weitem nicht. Die deutsche Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit – sie arbeitet im Auftrag des deutschen Bundesministeriums für Umwelt – hat aus Messdaten Folgendes errechnet: 330 Meter südlich der Reaktoren wäre ein Schwimmer schlimmstenfalls einer Ortsdosisleistung von 0,1 Millisievert pro Stunde ausgesetzt gewesen. Das heisst, der Schwimmer könnte sich 200 Stunden im Wasser aufhalten, bis er jene Dosis aufgenommen hat, die den in der Schweiz und Deutschland geltenden Jahresgrenzwert für Menschen in strahlenexponierten Berufen erreicht hätte. Bereits wenige Hundert Meter weiter aussen ist die maximal gemessene Strahlung noch tiefer. Dazu kommt: Radioaktivität an der japanischen Küste verteilt sich schnell in den gewaltigen Wassermassen des Pazifiks.

Die Prognosen

Welche Schäden die Strahlung langfristig in der Meereswelt verursacht, steht nicht fest. Greenpeace malt düstere Prognosen. Unabhängige Experten weisen allerdings darauf hin, dass Fukushima auch bei der Meeresverseuchung keine neue Dimension darstellen dürfte. Die Forscher der deutschen Gesellschaft für Reaktorsicherheit vergleichen die durch Fukushima verursachte Meerwasserkontamination mit jener nach dem Reaktorunfall im englischen Sellafield. Sie halten in einem Bericht fest: Die unmittelbar in der Nähe des Kraftwerks Fukushima gemessenen Cäsium-137-Werte seien zwar deutlich höher als die bei Sellafield im Meer gemessenen Konzentrationen. Nach einer ersten Abschätzung sei die bis jetzt in den von Fukushima aus in den Pazifik eingeleitete insgesamt «eine Grössenordnung» – also zehnmal– niedriger.

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