Eine Schule gegen Rassismus und Intoleranz

Dreitausend Kinder lernen an der «Yayasan Perguruan Sultan Iskandar Muda» in Indonesien neben dem klassischen Unterrichtsstoff das friedliche, respektvolle Miteinander von Religionen und Kulturen. Jetzt wird die Schule dreissig Jahre alt.

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Friedlich nebeneinander stehen sie im grossen Hof der Schule. Die Moschee, die christliche Kirche, ein Buddha- und ein Hindutempel. Die vier kleinen Sakralbauten symbolisieren das Herzensanliegen dieses Ortes in Medan, der Hauptstadt Nordsumatras. Fast dreitausend Kinder lernen an der «Yayasan Perguruan Sultan Iskandar Muda» neben dem klassischen Unterrichtsstoff das friedliche, respektvolle Miteinander von Religionen und Kulturen. Es ist ein bis jetzt einmaliges Schulexperiment im Land, in dem weltweit am meisten Muslime leben und wo mehr als 700 Sprachen gesprochen werden.

Die Geschichte des ausser­gewöhnlichen Schulprojekts beginnt mit einem Trauma. Sofyan Tan, Indonesier mit chinesischen Wurzeln, dessen Familie seit vielen Generationen im Land ist, wächst in armen Verhältnissen als Sohn eines bankrotten Schneiders auf. Als Einziges von zehn Geschwistern darf er studieren und entscheidet sich für Medizin. Die buddhistische Familie erlebt das grausamste Kapitel in der jüngeren indonesischen Geschichte. 1965 putscht sich General Suharto an die Macht. Sofyan Tan ist damals im Kindergarten. Suharto behauptet, das Land vor einer gewaltsamen kommunistischen Machtübernahme bewahren zu wollen, und inszeniert eine mörderische Jagd auf alle, die auch nur im leisesten Verdacht stehen, kommunistisch zu sein.

500 000 ermordete Zivilisten

In Wahrheit geht es auch um die Ausschaltung der politischen Opposition. Es beginnt ein Töten, an dem sich neben Armee auch Verbrecherbanden sowie militante muslimische und christliche Gruppierungen beteiligen. Sie nutzen die aufgeheizte Stimmung, alte Feinde zu beseitigen. Insgesamt werden in den 31 Jahren Suharto-Diktatur vermutlich über 500 000 unbewaffnete Zivilisten ermordet. Genaue Opferzahlen gibt es nicht. Unter ihnen sind auch Zehntausende Chinesen. Gegenüber ihnen schwingt bei den Mördern auch ein tief verwurzelter Hass mit und die Rache dafür, dass diese von der holländischen Kolonialmacht einst als «Sklaventreiber», als Aufseher auf den Plantagen, eingesetzt wurden sowie als Betreiber von Spielbanken, die viele Indonesier in den Ruin trieben.

Chinesen werden aber auch deswegen Opfer, weil sie aus einem kommunistischen Land stammen. Ob sie tatsächlich Kommunisten sind oder nicht, spielt keine Rolle. Nicht wenige sind gerade wegen des politischen Systems aus dem Reich der Mitte geflohen, und sehr viele leben seit Generationen in Indonesien. Auch nach Suhartos Rücktritt Ende 1998 hört der Terror nicht auf. Im gleichen Jahr plündert und brandschatzt der von der Armee gesteuerte Mob, darunter mehrere islamische Gruppen, viele Läden sowie Wohnhäuser von Chinesen und anderen Ethnien. Mehr als 1000 weitere Menschen sterben. Die Täter, vermutet in höchsten Armeekreisen, wurden wie jene in den Jahrzehnten zuvor bis heute nie zur Rechenschaft gezogen. Indonesien hat dieses dunkle Kapitel seiner Geschichte nie aufgearbeitet.

Das Haus steht allen offen

In den Jahren von Suhartos Terror verbietet das Militärregime alles, was an chinesische Kultur erinnert. Das Regime schliesst chinesische Schulen, Verlage und Tempel. Christina Schott schreibt in ihrem Buch «Indonesien – ein Länderporträt», wie Chinesischstämmige indonesische Namen annehmen und zu einer staatlich anerkannten Religion übertreten mussten, wenn sie offizielle Papiere wollten. Die politisch korrekten Bezeichnungen «Tionghoa» für Chinesisch und «Tiongok» für das Land der Mitte werden ersetzt durch den Begriff «Cina», eine als Schimpfwort geltende Bezeichnung, die für alles benutzt werden muss, was chinesisch ist.

Auch Sofyan Tan erlebt die Diskriminierung am eigenen Leib. Als Medizinstudent lässt man ihn an der Universität in Medan mehrere Male durch wichtige Examen fallen – allein wegen seiner chinesischen Abstammung. «Zudem gab es als ungeschriebenes Gesetz eine Zulassungsbeschränkung für Studenten chinesischer Herkunft», erzählt Sofyan Tan. Doch das Schlimmste bleibt ihm und seiner Familie erspart.

Das hat seine Gründe in ihrem eigenen Verhalten. Beispielhaft dafür ist diese Begebenheit: Nachdem im Quartier ein Mann chinesischer Herkunft ermordet wird, stehen plötzlich Indonesier verschiedenster Religionen und Kulturen im Garten und beschützen das Haus. Beispielhaft auch diese Geschichte, die Sofyan Tans Sohn Felix Harjatanaya erzählt, der im Verwaltungsrat der Schule sitzt. Er erinnert sich an die Beerdigung seines Grossvaters. Bilder, die er nie vergessen werde: «Nach dem Tod meines Grossvaters kamen Menschen aller Religionen und Ethnien zur Trauerfeier.»

Hinter all dem steckt die gelebte Überzeugung, dass ein friedliches Zusammenleben nur möglich ist, wenn Barrieren zwischen Ethnien und Religionen abgebaut werden und gegenseitigem Respekt Platz machen. Sofyan Tans Familie lebt es vor. Ihr Haus stand und steht noch heute allen offen. Tan ist davon überzeugt, dass seine Familie damals die Unruhen und das Morden nur überlebte, weil sie sich nicht abkapselte und versuchte, zu allen eine freundschaftliche Beziehung aufzubauen. Schlüsselerlebnisse, die letztlich zum für Indonesien einmaligen Schulprojekt führten. Eine Schule mit zwei Hauptzielen, sagt Sofyan Tan: «Armutsbekämpfung durch qualitativ gute Bildung sowie Erziehung zu einer pluralistischen Gesellschaft, zu Toleranz, Menschlichkeit und gegenseitigem Respekt.»

Schwieriger Anfang

Sofyan Tan finanzierte sein Medizinstudium mit Nachhilfeunterricht, entdeckte sein Talent als Lehrer, schloss erfolgreich ab und wurde Arzt. Dazu sagt er: «Als Sohn aus einer armen Familie ein vergleichsweise gutes und sicheres Einkommen zu haben, bedeutet viel.» Trotzdem verliess er den sicheren Pfad und übte den Beruf nie aus. Seine «Traumschule» war ihm viel wichtiger. «Am Anfang war es sehr hart», erzählt Sofyan Tan. Um die Schule zu bauen, bettelte er bei Verwandten und Freunden um Geld und überzeugte Banken von der Idee.

Trotzdem reichte es am Anfang nicht einmal dazu, die Betriebskosten zu decken. Weil die Kinder schon damals aus armen Familien stammten, traf das Schulgeld nur in homöopathischen Dosen ein. Sofyan Tans Schulden erreichten beinahe astronomische Summen. «Doch ich gab die Hoffnung nie auf. Ich bin davon überzeugt, dass die Schule ein Ort dafür sein kann, den Grundstein zu legen für ein besseres Leben und für soziale Gerechtigkeit.»

«Als Muslime, Christen, Hindus und Buddhisten diskutieren wir jeweils darüber, was uns eint, und nicht darüber, was uns trennt.»Schulgründer Sofyan Tan

Am Anfang, als der erste bescheidene dreistöckige Bau steht, fährt er in umliegende Dörfer, sucht in den Familien armer Menschen nach talentierten Schülern und motiviert deren Eltern, sie an seine Schule in Medan zu schicken, die am 25. August 1987 eingeweiht wird. Er erfindet das System «adopt a child»: Private und Firmen übernehmen die Schulkosten für ein Kind oder sogar für mehrere Kinder. Die Idee stösst bis in höchste Regierungskreise auf grosse Sympathie. Bereits 1994 adoptiert der damalige Forschungsminister B. P. Habibie 25 Schüler und spendet 25 Millionen Rupiah.

Je nach Gegend kann man damit zwischen einem und drei Monaten leben. Andere folgen seinem Beispiel. Heute besteht die Schule aus mehreren grossen Gebäuden mit insgesamt 65 Zimmern samt einer schuleigenen kleinen Klinik, an der Studenten gratis behandelt werden. Sie steht auch Aussenstehenden offen, die jedoch für die Behandlung bezahlen müssen – allerdings nur einen freiwilligen Beitrag. 230 Lehrkräfte arbeiten hier. Bis jetzt sind weit über 3000 Schülerinnen und Schülern «gesponsert» worden.

Mädchen sitzen neben Buben

Wie die Idee des multikulturellen Konzeptes im Unterrichtsalltag praktisch umgesetzt wird, zeigt ein Besuch in verschiedenen Klassenzimmern. Als Erstes fällt die im wahrsten Sinne bunte Mischung auf. Da sitzen Mädchen mit und ohne Kopftuch; abgesehen von der Schuluniform gibt es keine Kleidervorschriften. Mädchen sitzen neben Knaben, ein chinesischstämmiger Bub neben einem Einwandererkind aus Indien. Edy Jitro Sihombing, Leiter der Oberstufe, erklärt: «Wir versuchen die Schüler zu motivieren, unabhängig von Rasse und Religion nebeneinander zu sitzen.» Wo immer möglich werde die Geisteshaltung der Schule in die Pflicht­fächer integriert.

«Wir lehren die Schüler auch, dass Indonesien nicht durch eine einzige Ethnie, eine einzige Religion von der Kolonialherrschaft befreit worden ist, sondern durch den gemeinsamen Kampf. Viele Nationalhelden verschiedenster Herkunft kämpften für unsere Unabhängigkeit.» Einblicke in die Lebensweise der vielen Kulturen Indonesiens gehören ebenso zum Stoff, wie regelmässige Zusammenkünfte mit den Lehrern der vier Hauptreligionen. «Als Muslime, Christen, Hindus und Buddhisten diskutieren wir jeweils darüber, was uns eint, und nicht darüber, was uns trennt. Wir lehren, dass die Religionen in den Grundzügen dieselben Prinzipien haben. Nächstenliebe etwa. Dieses gemeinsame Gedankengut fliesst auch in den Religionsunterricht ein.»

Weil die Schule für jede dieser Religionen ein Gotteshaus gebaut hat, können alle an den grossen Festen der Andersgläubigen teilnehmen und erhalten so gegenseitige lebendige Einblicke in das kulturelle und spirituelle Leben. Letztlich gehe es darum, das nationale Leitmotiv Indonesiens zu implementieren: «Bhinneka Tunggal Ika», was so viel heisst wie Einheit in Vielfalt; wörtlich: «Sie sind verschieden, aber auch gleich.» Gemeint ist, dass es selbst in dieser grossen kulturellen Vielfalt einen gemeinsamen Nenner gibt, jenen, den Sofyan Tans Schule vermitteln möchte: die Vision einer toleranten, multikulturellen Gesellschaft, die alle vereint.

Preise und Hürden

2014 gab Sofyan Tan mit 55 Jahren die Schulleitung ab. Nachdem er sein Herzblut mehr als drei Jahrzehnte für sein humanistisches Schulprojekt vergossen hatte, wurde er für die Demokratische Partei (PDI-P) ins natio­nale Parlament gewählt. Als Mitglied der parlamentarischen Bildungskommission versucht Tan nun, seine Ideale auf nationaler Ebene umzusetzen. Zudem engagiert sich Tan im indonesischen Umweltschutz. Zusammen mit der Schweizer Umweltstiftung Paneco gründete er in Medan die lokale Nichtregierungsorganisation YEL. Im Auftrag der Zentralregierung in Jakarta sorgt sie für den Schutz der Orang-Utans auf Sumatra.

Die Schule in Medan hat also hochgesteckte Ideale. Ihr Gründer ist schon mehrfach mit prominenten Preisen ausgezeichnet worden ist. Doch gibt es auch Hürden. Schulleiter Edy Jitro Sihombing nennt eine davon: «Die Kinder kommen aus sehr unterschiedlichen Familie, sie bringen von zu Hause einen unterschiedlichen Background mit. Es gibt Familien, die eine andere Religion und eine andere Kultur nicht akzeptieren. In der Schule lernen die Kinder unsere Philosophie des Gemeinsamen, des Miteinanders. Und zu Hause herrscht das Gegenteil. Sie kennen zwar die Idee von der Einheit in der Vielfalt, doch sie leben sie daheim nicht.»

Das erschwere oft die Arbeit. Eltern vor allem jüngerer Kinder würden das Lehrpersonal oft dazu drängen, dass ihr Kind neben einem Schüler der gleichen Religion zu sitzen kommt. Doch je älter die Schüler werden, umso mehr würden solche Wünsche in den Hintergrund treten. «Unsere Institution ist eine Pionierin in Indonesien», sagt Schulverwaltungsrat Felix Harjatanaya. Andere Schulen würden einfach muslimischen Religionsunterricht erteilen, und in den übrigen Fächern gehe es darum, die Bestnoten zu erreichen. «Wir aber versuchen hier wirklich, das nationale Symbol von der Einheit in der Vielfalt zu leben.»

Ehemalige sponsern Schüler

Wie sieht die Bilanz heute aus der Sicht der Exponenten aus, dreissig Jahre nach der Gründung? Sofyan Tan spricht zunächst stolz von den über 17 000 Kindern, die bis jetzt seine Privatschule durchlaufen haben. Nicht wenige der inzwischen erwachsenen Ehemaligen sponsern heute selber Schüler. Dies sei für ihn ein schöner Beweis des Erfolges. Die Schule selbst wird finanziert von privaten Spenden und solchen aus der Wirtschaft sowie mit Schulgeldern. Leicht sei es nicht, Schüler zu befähigen, kulturelle Vielfalt zu respektieren und Menschlichkeit zu leben.

«Wir versuchen hier wirklich, das nationale  Symbol von der Einheit in der  Vielfalt zu leben.»SchulverwaltungsratFelix Harjatanaya

«Es gibt keine Garantie dafür, dass die Kinder diese Werte verinnerlichen, an denen wir hier so hart arbeiten, und sie einst gelebt werden. Es ist nicht allein die Schule, die Charakter und Werte beeinflusst, sondern auch das Umfeld, in dem Menschen aufwachsen und leben.» Angesichts des zunehmenden Rechtspopulismus und der wachsenden Gewalt in Indonesien müsse es die allerhöchste Priorität sein, noch härter an den Zielen dieser Schule zu arbeiten. Sofyan Tan weiter: «Ich glaube, unsere gesteckten Ziele werden in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen.»

Berner Zeitung

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