Eine Biene als Beweismittel

Der türkische Kulturmäzen und Bürgerrechtler Osman Kavala kommt vor Gericht. Die Vorwürfe gegen ihn sind lächerlich.

«Ich möchte so schnell wie möglich meine Freiheit wiedererlangen und mit meiner Familie und meinen Freunden vereint sein»: Das schreib Osman Kavala in einem offenen Brief. Foto: Alamy

«Ich möchte so schnell wie möglich meine Freiheit wiedererlangen und mit meiner Familie und meinen Freunden vereint sein»: Das schreib Osman Kavala in einem offenen Brief. Foto: Alamy

Enver Robelli@enver_robelli

Alle Appelle, Protestbriefe und Petitionen aus der westlichen Welt an die Führung in Ankara haben bislang nicht gefruchtet. Osman Kavala sitzt seit fast 500 Tagen in Untersuchungshaft in einem türkischen Hochsicherheitsgefängnis: Der Philanthrop soll ein Putschist sein. So sieht es Präsident Recep Tayyip Erdogan, und die Justiz, eine willfährige Dienerin der Regierung, darf nicht widersprechen.

Im Gegenteil: Ganz im Sinne Erdogans haben seine Kadis nun die Anklageschrift gegen den 62-jährigen Kavala und 15 Mitangeklagte vorgelegt. Allen wird vorgeworfen, die regierungskritischen Gezi-Proteste im Jahr 2013 organisiert zu haben. Mit der «gewaltsamen Rebellion» hätten Kavala und seine Anhänger den Sturz der Regierung geplant.

Die 657 Seiten starke Anklageschrift enthält teilweise absurdes «Beweismaterial». Auf dem Handy Kavalas fanden die Ermittler das Foto einer Landkarte. Für den Staatsanwalt ein klares Indiz dafür, dass Kavala die Grenzen der Türkei verändern und die Einheit der Republik zerstören wollte. Das Rechercheportal Odatv hat nun die Sinnlosigkeit des Vorwurfs nachgewiesen. Die Karte zeigt nichts anderes als die «geografische Verbreitung von Bienenrassen» im Nahen Osten. Sie wurde der türkischen Ausgabe eines Buches über die Bienenzucht entnommen, das 1988 auf Englisch erschienen ist. Autor des Standardwerks ist der österreichische Bienenkundler Friedrich Ruttner.

«Monate meines Lebens schwinden dahin.»Osman Kavala in einem offenen Brief

Der Prozess gegen Osman Kavala soll Ende Juni beginnen. Ihm und den anderen Beschuldigten droht lebenslange erschwerte Haft. Erdogan hat Kavala schon verurteilt: Man habe seine Umtriebe «enttarnt», hinter ihm stehe «der berühmte ungarische Jude» George Soros. «Dies ist der Mann, der Leute um die Welt schickt, um Nationen zu spalten.» Nach diesem Angriff beendete die Soros-Stiftung ihre Arbeit in der Türkei.

Kavala fördert mit seiner Stiftung Anadolu Kültür seit Jahrzehnten Theaterprojekte, er hat sich für den Schutz des Kulturerbes der Türkei und der Minderheiten eingesetzt, ein armenisch-türkisches Jugend-Symphonieorchester unterstützt und die Lösung der Kurdenfrage gefordert. In der Kurdenhochburg Diyarbakir gründete er ein Kulturzentrum. Der Mäzen und Bürgerrechtler träumt von einer weltoffenen Türkei, die als Brücke zwischen den Kontinenten und zwischen den Zivilisationen dienen könnte.

Kavala, 1957 in Paris geboren, stammt aus einer einflussreichen und sehr begüterten Familie. Sein Vater handelte mit Tabak und baute einen Mischkonzern auf. Als er 1982 starb, übernahm der Sohn die Geschäfte. Zuvor hatte Osman Kavala in Istanbul das angesehene englischsprachige Robert College besucht und an der University of Manchester Wirtschaftswissenschaften studiert.

In einem offenen Brief schrieb er Ende Oktober: «Monate meines Lebens schwinden dahin. Ich möchte so schnell wie möglich meine Freiheit wiedererlangen und mit meiner Familie und meinen Freunden vereint sein.» Doch die Freiheit bleibt für Osman Kavala, der mit einer Wirtschaftsprofessorin verheiratet ist, auf absehbare Zeit unerreichbar. In Erdogans Repressionsstaat sind kritische Geister unerwünscht.

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