«Die Gefahr nicht als Realität erkannt»

Ein Ausschuss zu Fukushima wirft den Behörden Vertuschung und Versäumnisse vor. In der Kritik steht auch der damalige Ministerpräsident Kan: Dessen Einmischung habe Verwirrung gestiftet.

Kan und seine Regierung sollen während der Atomkatastrophe in Fukushima mehr Schaden angerichtet als Nutzen gestiftet haben: Naoto Kan während einer Pressekonferenz nach der Katastrophe. (Archivbild)

Kan und seine Regierung sollen während der Atomkatastrophe in Fukushima mehr Schaden angerichtet als Nutzen gestiftet haben: Naoto Kan während einer Pressekonferenz nach der Katastrophe. (Archivbild)

Ein von der japanischen Regierung eingesetzter Untersuchungsausschuss hat dem Fukushima-Betreiber Tepco Behinderung der Ermittlungen nach dem Reaktorunfall und versuchte Vertuschung über das wahre Ausmass der Schäden im Atomkraftwerk vorgeworfen. Auch mit der Regierung des damaligen Ministerpräsidenten Naoto Kan gingen die zehn unabhängigen Experten hart ins Gericht: Sie warfen ihr schlechtes Krisenmanagement vor. Die Schwere des Unglücks sei heruntergespielt, die Öffentlichkeit nur scheibchenweise und noch dazu zeitverzögert informiert worden.

Die Regierung und der Atomkraftwerksbetreiber Tepco hätten die Krise nicht aus Unkenntnis über die Gefahren eines möglichen Tsunamis zu verhindern versäumt. Vielmehr wollten sie nicht Zeit und Geld in Vorsichtsmassnahmen investieren, weil sie die Gefahr nicht als real wahrgenommen hätten. Tepco habe die Regierung sogar aufgefordert, die Wahrscheinlichkeit eines Tsunamis in der Region in einem Bericht über ein Erdbebenrisiko zu untertreiben. Das schlechte Krisenmanagement nach dem Erdbeben und Tsunami im März vergangenen Jahres habe zu verstärkter Einmischung Kans und seines Kabinetts in die Belange der Kraftwerksbetreiber geführt, das das Chaos aber nur verschlimmert habe. Dessen Einmischung habe «mehr Schaden» als Nutzen angerichtet und «Verwirrung gestiftet». Dadurch seien Gelegenheiten verpasst worden, wichtige Entscheidungen zu treffen.

Verschleierungstaktiken

Die Experten warfen der Regierung Kans vor, der Öffentlichkeit wichtige Informationen vorenthalten und die Katastrophe heruntergespielt zu haben, wodurch sie die Bevölkerung erhöhten Gesundheitsrisiken ausgesetzt und Misstrauen in die Behörden geschürt hätten. Nachdem einem Nisa-Vertreter im März herausgerutscht war, dass es zu einer Kernschmelze in den Reaktoren kommen könne, habe die Behörde alle Mitteilungen von Kans Büro absegnen lassen müssen. Die Nisa bestritt noch Monate später, dass es zu Kernschmelzen gekommen sei.

Tepco habe unter anderem unliebsame Daten einer Computeranalyse über das mögliche Ausmass der Schäden im Innern der Reaktoren zurückgehalten. In einer Anhörung erklärten Tepco-Vertreter nur, die Simulation sei mangelhaft gewesen. Ein weiterer Versuch, die Lage in den Reaktoren nachzustellen, sei nicht unternommen worden. Bei Befragungen von Tepco-Mitarbeitern hätten diese zwar Kenntnisse über Notfallausrüstung gezeigt, diese aber nicht bei der Krisenbewältigung eingesetzt. Die Arbeiter seien nicht angeleitet worden, eigenständig zu denken, ihnen habe es an einer flexiblen und proaktiven Denkweise gemangelt, die beim Krisenmanagement vonnöten sei.

Noda gelobt Besserung

«Wir nehmen den Bericht ernst», erklärte Noda in einer ersten Stellungnahme. Er werde die Ergebnisse und Empfehlungen für die Umstrukturierung der Atomaufsichtsbehörde nutzen, die ab September ihre Arbeit aufnehmen soll. Die NISA, die direkt dem Wirtschaftsministerium unterstellt war, soll unabhängiger und effizienter werden. Sie wurde in dem 450 Seiten starken Abschlussbericht der Experten als zahnlose Behörde beschrieben, die die ihr zugewiesene Rolle als Aufsichtsorgan nicht erfüllt habe.

Der Ausschussvorsitzende Yotaro Hatamura sagte in einem Fazit, dass Japan «den Unfall als eine Mahnung der Natur betrachten sollte, dass die menschliche Denkweise fehlerhaft sein kann». «Wir dürfen dieses Desaster niemals vergessen und sollten weiterhin Lektionen daraus lernen», erklärte er.

mw/dapd/AFP

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