Der letzte Mensch im Niemandsland

Einst lebten in der Evakuierungszone um das Atomkraftwerk Fukushima 16'000 Menschen. Heute harrt noch ein einziger Bauer in dem radioaktiv verseuchtem Gebiet aus.

Wegen der Katastrophe zur Geisterstadt geworden: Tomioka in der evakuierten Zone um Fukushima.

Wegen der Katastrophe zur Geisterstadt geworden: Tomioka in der evakuierten Zone um Fukushima.

In den leeren Strassen des Städtchens Tomioka wächst das Unkraut, die Gärten sind verwildert, zurückgelassene Kühe verwesen in ihren Gehegen, ein atemraubender Gestank hängt in der Luft. Einst lebten hier, in dem verlassenen Ort in der Evakuierungszone rund um das japanische Atomkraftwerk Fukushima Daiichi 16'000 Menschen, jetzt ist es nur noch einer.

Der Reisbauer Naoto Matsumura weigert sich entgegen den Anordnungen der Regierung, das radioaktiv verseuchte Niemandsland zu verlassen. Er sei sich bewusst, dass er an Krebs erkranken könne, sagt Matsumura, dennoch will er bleiben.

«Wenn ich aufgebe und von hier weggehe, ist alles vorbei», sagt der 53-Jährige. «Es ist meine Pflicht, hier zu bleiben. Und es ist mein Recht.» Matsumuras ziviler Ungehorsam gibt jenen 100'000 stummen Nuklear-Flüchtlingen ein Gesicht, die nach dem verheerenden Erdbeben und den Tsunami in Japan vor beinahe sechs Monaten aus ihren Dörfern fliehen mussten. Die Regierung etablierte rasch eine Evakuierungszone rund um das bei der Katastrophe beschädigte Atomkraftwerk Fukushima Daiichi, doch die Neuansiedlung der Flüchtlinge zieht sich hin.

«Sie wollen nicht an uns denken»

«Man vergisst uns bereits», sagt Matsumura, ein kräftig gebauter Mann mit sonnengegerbter Haut. «Der Rest des Landes macht weiter. Sie wollen nicht an uns denken.» Tausende Bewohner von Tomioka wohnen nach wie vor in Notunterkünften ausserhalb der Evakuierungszone, viele andere haben ein neues Leben in anderen Teilen des Landes begonnen.

Rund um die Stadt stehen Absperrungen, täglich suchen Polizisten in Tomioka nach Plünderern. Von Gesetz wegen dürfen sie jeden, den sie hier antreffen, festnehmen. Bei Matsumura drückten sie bisher aber ein Auge zug. Dass sich vielleicht noch andere Einwohner in der Stadt verstecken, glaubt der Reisbauer nicht. «Einige sind zurückgeblieben, einige lebten auch in meinem Haus», sagt er. «Aber der letzte ging vor ein paar Wochen. Er hat mich gebeten, auf seine Katzen aufzupassen.» Der letzte Bewohner habe Tomioka Anfang August verlassen, sagt ein Beamter der ebenfalls evakuierten Stadtregierung. Von Matsumura wisse er nichts.

«Sie glaubte, ich sei verstrahlt»

Dieser lebt aber weiter dort, gewinnt Strom aus alten Generatoren, schöpft Wasser aus einem Brunnen im Ort und isst meist Konserven. Ein bis zwei Mal im Monat verlässt er seine Stadt, um Proviant und Treibstoff zu besorgen. Einmal habe er sich sogar entschlossen, Tomioka zu verlassen, erzählt Matsumura. «Ich fuhr zu dem Haus einer Verwandten und dachte, ich würde dort bleiben. Aber sie wollte mich nicht zur Tür hineinlassen, weil sie glaubte, ich sei verstrahlt. Danach ging ich zu einer Notunterkunft, die aber voll war. Das reichte, um mich zu überzeugen, dass ich wieder nach Hause komme.»

Dass die Evakuierungszone aufgehoben wird, will hier niemand – auch nicht Matsumura. Denn Experten sind sich einig, dass es Jahrzehnte dauern könnte, bis es nach dem schwersten Atomunglück seit Tschernobyl wieder sicher ist, hier zu leben. Matsumura baut dennoch weiter seinen Reis an. Über einen kleinen Pfad geht er zu seinem Feld, nimmt eine der Pflanzen in die Hand und wirft sie mit einem resignierenden Seufzer weg. In diesem Jahr wird es keine Ernte geben. Vielleicht nie wieder.

Eric Talmadge, AP

ami/dapd

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